Während das Thema Restitution politisch intensiv diskutiert wird und inzwischen auch in der breiten Öffentlichkeit angekommen ist, sind wir beide uns persönlich begegnet, verbunden durch die gemeinsame Geschichte unserer Länder Tansania und Deutschland. Als zwei Filmschaffende, die sich jeweils schon lange mit Themen wie Ungerechtigkeit, Ungleichheit und Community beschäftigen, haben wir gemeinsam den Pfad der abstrakten politischen Debatte verlassen und einen neuen Weg eingeschlagen – einen in Richtung persönlicher Erfahrungen und erlebter Geschichte.
Unsere Fragen an diese schmerzhafte Vergangenheit drehten sich um das durch den Kolonialismus verursachte Trauma, um die Gewalt und das Leid, die die Menschen erlitten bzw. verursacht haben, und um die Geister dieser nicht verarbeiteten Vergangenheit, die uns bis heute heimsuchen. Und so hat die ganze Geschichte für uns angefangen.
In den Kellern deutscher Museen lagern Tausende von Pappkartons im Dunkeln. Sie enthalten keine Kulturgüter, keine Objekte, sondern menschliche Gebeine. Wer waren diese Menschen? Ohne ihre Namen zu kennen, war uns klar: Sie alle waren Mitglieder einer Familie, einer Community und Gesellschaft. Wir wollten ihnen ihre Menschlichkeit zurückgeben.
Die Suche begann in Tansania, dem größten Land der ehemaligen Kolonie „Deutsch-Ostafrika“, die von den Deutschen auch „Ein Platz an der Sonne“ genannt wurde. Die deutsche Kolonialherrschaft gilt als eine der brutalsten. Sie war aufgebaut auf einem Gewaltsystem aus Zwangsarbeit, sexualisierter Gewalt, der in Deutschland damals schon verbotenen „Prügelstrafe“ und willkürlichen Exekutionen. Communities wurden oft gezwungen, Hinrichtungen mit anzusehen. Männer, Frauen und Kinder verschwanden, sie wurden ihren Familien entrissen und tauchten nie wieder auf.
Hier fand auch einer der größten und verheerendsten Kolonialkriege statt, auf dem Gebiet des damaligen Tanganyika, und erstreckte sich von der Mitte des Landes bis in die südliche Spitze. Der Majimaji-Krieg und seine Folgen forderten etwa 300.000 Tote. Gleichzeitig gilt er als die größte Widerstandsbewegung gegen die Deutschen und hat die Nation vereint. Der Majimaji-Krieg hat größte Bedeutung für die nationale Identität Tansanias. In Deutschland dagegen haben die Allerwenigsten schon einmal etwas von ihm gehört.
Die Restitutions-Diskussion wurde bisher vor allem von Politiker:innen und Wissenschaftler:innen geprägt – von Menschen, die sich professionell damit beschäftigen. In dieser Debatte, die sich um die Rückkehr menschlicher Gebeine dreht, haben immer entscheidende Stimmen gefehlt: die der Communities und vor allem der Familien, die die Abwesenheit ihrer Ahnen nun seit über einem Jahrhundert ertragen. Ihre Stimmen wurden nicht gehört.
Unser Film bricht das Schweigen. Er gibt dem Publikum die Möglichkeit, etwas zu erfahren, was viel zu lange unter den Teppich gekehrt wurde. Und er stellt entscheidende Fragen: Wie lebt eine Familie, eine Community mit einem intergenerationellen Trauma? Wer ist verantwortlich für die tatsächliche Restitution der Ahnen? Welche Rolle spielen Familien und Communities in diesem Prozess? Wer hat die Geduld, die Beharrlichkeit, nach den jeweiligen Vorfahren zu suchen, und wie wird das finanziert? Und worauf alles hinausläuft: Wie wollen wir miteinander leben?
„Das leere Grab“ kann einen Beitrag zur Heilung leisten. Die beiden Familien sowie deutsche und tansanische Aktivist:innen nehmen uns mit auf ihren persönlichen Weg, um endlich Frieden für die Vorfahren zu finden und damit die immer noch andauernde Trauer in den Familien und Communities zu beenden. Sie fordern lethargische Politik und institutionellen Rassismus heraus und beschäftigen sich mit dem intergenerationellen Trauma – in der Hoffnung, die Gebeine der Ahnen nach Hause zu holen.
Unsere Aufgabe als Regisseurinnen war es, diese Geschichte aus der Perspektive zu erzählen, die uns am Wichtigsten ist. Im Bewusstsein, dass das Private politisch ist, haben wir uns von den Perspektiven der Familien durch den Entstehungsprozess dieses Films leiten lassen.