Der 13-jährige Xiao Chun ist ein musikalisches Ausnahmetalent und die große Hoffnung seines Vaters, Liu Cheng. Der einfache Mann vom Lande ist zu jedem Opfer bereit, um seinem geliebten Sohn eine Karriere als Violinist zu ermöglichen, und so reisen die beiden mit all ihren Ersparnissen aus der Provinz nach Peking, um einen geeigneten Lehrer zu finden. In dieser neuen, fremden Welt trifft der kleine Violinist auf fordernde Lehrer, findet Freundschaft und seine erste Liebe, deren Schmerz und die wahre Bedeutung der Musik. – In einfühlsamen, zart-poetischen Bildern schildert der chinesische Starregisseur Chen Kaige eine zerbrechliche Vater-Sohn-Beziehung. Darüber hinaus steht die Geschichte als Metapher für die Entwicklung des neuen China, das sich nach all den Zwängen der Kulturrevolution immer schneller zu einem modernen, vor allem von der Marktwirtschaft geprägten Land entwickelt.
Xiaos Weg
Neben Zhang Yimou war es vor allem Chen Kaige, der in den 1990er-Jahren den Ruf des chi-nesischen Festlandkinos unter-mauerte. Sein Meisterwerk „Lebewohl, meine Konkubine“ (fd 30 545) gewann nicht nur die „Goldene Palme“ in Cannes und den „Golden Globe“, son-dern wurde auch für zwei „Os-cars“ nominiert. Erstaunlich, wie parallel sich fortan die Wege der beiden Freunde ent-wickelten, und wie unter-schiedlich ihre Karrieren. Im Gegensatz zu Zhang Yimou, der nach seinem „Berlinale“-Gewinner „Rotes Kornfeld“ (fd 27 622) mit fünf weiteren Fil-men Erfolge feierte, gelang es Kaige nicht, mit „Verführeri-scher Mond“ (fd 32 551) und „Der Kaiser und sein Attentä-ter“ (fd 34 005) an den einsti-gen Erfolg anzuknüpfen. Auch Hollywood hat dem 50-Jähri-gen kein Glück gebracht. Wäh-rend Zhang trotz der Koopera-tion mit Columbia TriStar sei-nem Stil formal und inhaltlich treu blieb und mit „Keiner we-niger“ (fd 34 379) wieder ein bescheidenes, aber umso er-folgreicheres Gesellschaftspor-trät realisierte, landetet Chen Kaige mit seinem Ausflug in den gepflegten Kitsch des Hol-lywood-Mainstreams („Killing Me Softly“, fd 35 708) einen herben künstlerischen wie fi-nanziellen Megaflop. Inzwi-schen sind Kaige und Yimou wieder zurück in China. Zhang Yimou feierte im Gefolge von Erfolgsfilmen wie Ang Lees „Tiger & Dragon“ (fd 34 652) mit dem westlich angehauch-ten Historienfilm „Hero“ (fd 35 972) gerade in seinem Heimat-land immense Erfolge. Chen Kaige dagegen besann sich auf die intimen dramatischen Stoffe, die ihn einst berühmt gemacht haben. Doch wo er ehemals souverän und virtuos mit solchen Sujets umging, re-giert nun Verkrampfung und Unsicherheit.
Mit vier Jahren hielt Xiaochun das erste Mal eine Geige in seinen kleinen Händen; mit 13 Jahren ist er ein nahezu perfek-ter Geigenvirtuose, der ganze Stolz seines Vaters. Doch in der chinesischen Provinz taugt sein Talent allenfalls dazu, auf Fe-sten zu Ehren des reichsten Bürgers zu spielen. Viel Geld hat Liu Cheng über die Jahre als alleinerziehender Vater nicht zurücklegen können. Dennoch scheint die Zeit reif, ins ferne Peking zu reisen, um mit einem geeigneten Lehrer die Karriere des Sohnes voran-zutreiben. Dort geraten sie an den kauzigen Professor Jiang, der nach einigen Überredungs-künsten den Schützling unter seine Fittiche nimmt. Zunächst darf dieser sich jedoch eher mit den Katzen des Lehrers herum-schlagen, den Haushalt in Ord-nung halten und die schmut-zige Wäsche ordnen, als die anspruchsvollen Violinläufe Paganinis zu üben. Nur lang-sam kommt Xiao hinter die Motive des Gelehrten, der die These vertritt, dass wirkliche Vituosität weniger eine Frage der Technik als der inneren Einstellung ist. Während Xiao langsam Vertrauen zu Jiang entwickelt und die freund-schaftliche Beziehung auf das Spiel des Jungen zu wirken beginnt, hat der Vater – einge-denk der schwindenden Geldreserven – andere Pläne. Der ehrenwerte Professor Yu Shifeng soll Xiao zu einer Teil-nahme an einem internationa-len Wettbewerb verhelfen. Doch der Junge ist in Yu Shi-fengs Obhut vollkommen un-glücklich. Zudem richtet sich Xiaos Aufmerksamkeit immer öfter weg vom Geigenspiel, hin zum weiblichen Geschlecht.
„Xiaos Weg“ ist ein erstaunlich seichtes Drama um ein Genie aus armen Verhältnissen. Zwar wird eine Fülle von Problemen im makro- wie mikrosoziologi-schen Bereich angeschnitten; die Quantität der Thesen aber neutralisiert deren Qualität. „Xiaos Weg“ ist neben dem Familiendrama vor allem eine Zustandsbeschreibung des sich dem Westen anbiedernden Chinas. Der Kulturschock, den vor allem Xiaochun erleidet, als er nach Peking kommt, ist im-mens. Lili, die deutlich ältere Frau, in die sich Xiaochun ver-liebt und für deren Freund-schaft er bereit ist, seine Kar-riere zu opfern, ist der Prototyp eines Mitglieds der neureichen Klasse. Ihr gilt die Hauptkritik des Regisseurs. In einer Gesell-schaft, in der Gefühlskälte re-giert und soziale Bindungen zugunsten des Geldes ver-nachlässigt werden, müssen die Forderungen von Professor Jiang nach Selbsterkenntnis und dem Bewusstwerden inne-rer Werte hoffnungslos anti-quiert erscheinen. Der zunächst parallel verlaufende Subplot der Vater-Sohn-Beziehung ge-rät angesichts der übermächti-gen Gesellschaftskritik bald in den Hintergrund. Fürs Finale wird er allerdings wieder her-vorgezaubert, um als Folie für ein überzogenes Showdown herzuhalten, in dem sich mit einer Ode an die Familie alles in Wohlgefallen auflöst. Die Charaktere und die Wandlun-gen, die sie erfahren, bleiben über die gesamte Länge des Films eigentümlich holzschnitt-artig und unverbindlich, sodass zu keiner Zeit die Emotionen geschürt werden, die der Film für seine Geschichte so drin-gend nötig hätte.
Jörg Gerle
film-dienst Nr. 14/2003



