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Wo der Himmel die Erde berührt

Wo der Himmel die Erde berührt

An der alten Seidenstraße, im Herzen von Zentralasien, liegt Kirgisien. Der Film nimmt uns mit auf eine Reise in die Heimat von Tschingis Aitmatov und seiner Figuren. Da ist die alte Schäferin Bübüsch, da ist Rysbeck, der das traditionelle Mana Epos wie kein anderer erzählen kann. Hier, wo die unendlich weite Natur das Leben der Menschen noch bestimmt, liegt aber auch das größte Goldvorkommen der Erde. Der Abbau reißt tiefe Wunden in das Land. Die Zukunft wird beweisen müssen, ob es einen Weg zwischen Tradition und Ausbeutung geben kann.

Zeitraffer im Hochgebirge.

Wo der Himmel die Erde trifft ist Kirgisien. Die ehemalige Sowjetrepublik liegt in Zentralasien am Ausläufer des Himalajas und hat deshalb ziemlich hohe Berge. Für westliche Menschen unbekanntes Land, für Frank Müller der Drehort für einen Dokumentarfilm auf 35 mm:

„Unser Tachostand hatte sich um 8000 Kilometer erhöht, als wir nach einer endlosen strapaziösen Autofahrt durch sechs Länder endlich Kirgisien erreichten. Nach fast 50 Polizeikontrollen, acht langwierigen Grenzkontrollen und zwei Begegnungen mit der russischen Mafia waren wir reif für ein gutes russisches Banja, die hiesige Entsprechung der Sauna.

Unser Dreh konnte beginnen. Die erste Station war ein kanadisches Bergbau-Unternehmen im Hochgebirge auf 4000 Metern Höhe. Hier dokumentierten wir die Zerstörurigsarbeit eines HighTech-Unternehmens, das eine noch intakte Natur in den nächsten drei Jahren vernichten wird: Um Gold zu gewinnen, werden ein ganzer Berg und mehrere Gletscher einfach weggesprengt.
Der Kontrast zwischen Naturzerstörung und einer noch lebendigen Nomadentradition ist das Hauptthema dieses Dokumentarfilms, ein Film, der auf 35 mm produziert und von der MFG gefördert wurde. Mit den zwei Protagonisten des Filmes wird das wunderschöne Land Kirgisien beschrieben. Die Hauptfigur ist eine alte Frau, die alleine auf 3200 Metern Höhe mit ihren Schafen lebt. Eine weitere ist ein Sänger, der das größte Epos der Welt (übrigens ein Weltkulturerbe) in einem Sprechgesang vorträgt. Es beschreibt die kirgisische Nomadenkultur und ihren Umgang mit Natur und den Kampf mit den feindlichen Chinesen.

Unser Equipment bestand aus zwei 35-mm-Kameras vom Kamerapool Ludwigsburg, die HighSpeed-Kamera SKL und die zuverlässige Konvas 11, eine der kleinsten 35-mm-Kameras der Welt mit Wechselkassetten, Sperrgreifer und computergesteuerter Zeitrafferelektronik. Sie wiegt gerade mal 5,5 Kilogramm und hatte sich in dem Hochgebirge bis zu 4000 Metern sehr gut bewährt.
Zusätzlich drehten wir auf der Hochebene mit einer Arri BL 3, die aber im Gegensatz zu der Konvas 11 den Geist aufgegeben hatte, weil der Riemen aus dem Zahnrad gesprungen war, so daß wir einige Synchronaufnahmen mit der stummen Konvas 11 drehen mußten. Aber auch hier konnten wir uns helfen, indem wir eine schwere Jacke über die Kamera legten und mit einer Teleoptik aus fünf Metern Entfernung drehten.

Bei extremen Wetterverhältnissen drehten wir auf der kanadischen Bergmine mit der SKL und der Konvas 11. Die Sprengungen nahmen wir aus zwei Perspektiven auf: einmal mit 50 B/s und einmal mit 100 B/s. Ursprünglich dachten wir, nur die Sequenzen mit 100 Bilder pro Sekunde verwenden zu können, aber im Schnitt hatte sich genau das Gegenteil bewiesen – die 50 B/s von der Konvas 11 reichten völlig aus, denn alles, was schneller läuft, wirkt zu abstrakt, so daß die Bilder dabei ihre Darstellungskraft von Zerstörung und Brutalität verlieren.
Die Dreharbeiten auf dieser Mine waren besonders bei Nacht extrem gefährlich, denn dort fahren riesige amerikanische Trucks mit 100 Tonnen Leergewicht herum, die Fahrer haben nur ein extrem kleines Sichtfeld und konnten uns jederzeit überfahren, weil wir für sie kaum zu sehen waren. Wir drehten diese gigantischen Fahrzeuge bei ihren Nachteinsätzen, wobei ich immer nur ein paar wenige Sekunden auf die Lastwagen ‚draufhalten‘ konnte, bis mich mein Assistent wieder zur Seite riß, weil von hinten ein neues Fahrzeug kam und uns überrollt hätte.
Ich war heilfroh, hier mit der leichten Konvas 11 drehen zu können, denn es ging immer nur um wenige Sekunden, bis wir wieder im Laufschritt vor den Fahrzeugen flüchteten. Was wir taten war illegal, denn solch einen gefährlichen Dreh hätten uns die Kanadier nicht erlaubt. Aber mit ein paar netten vertrauensvollen Worten zu den kirgisischen Fahrern konnten wir dort eine Viertelstunde lang drehen. Natürlich zählt dabei jede Sekunde, unser Glück war, mit den Wechselkassetten der Konvas 11 nach 10 Sekunden wieder einsatzbereit zu sein, ohne den Film in der Kamera einlegen zu müssen. So konnten wir in den 15 Minuten etwa 300 Meter Film verdrehen.

Höhepunkt unserer Dreharbeiten war ein traditionelles Reiterspiel mit 300 Gästen auf einer Hochebene auf 3200 Metern. Wir drehten
wieder mit zwei Kameras, um immer auch spontan auf Situationen reagieren zu können. Unsere schwierigste Aufgabe war, ein Reiterspiel, das ähnlich wie Polo gespielt wird, zu organisieren, denn die Kirgisen nutzen dieses Spiel häufig als Aggressionsabbau. Um so
schwieriger, daß nach einem gewissen Zeitpunkt einige Reiter völlig besoffen waren und wahllos aufeinander einschlugen. Außerdem kamen beim Spiel alte Rivalitäten zwischen zwei Dörfern hoch, so daß das Ganze zu einem Krieg ausartete.

Unser kirgisischer Regieassistent versuchte, dieses Chaos zu verhindern und fuhr mit dem Produktionstahrzeug mitten in die Menge der Reiter hinein, um die beiden streitenden Parteien auseinanderzuhalten. Sein Einsatz half leider wenig. Er riskierte nur, daß der Wagen zerstört würde. Minutenlang hatten wir Angst um Jeep und Equipment, weil die Stimmung sich schlagartig auch gegen uns richtete und die Leute uns nun verboten, in diesem Chaos zu drehen.
Um aus dieser ausichtslosen Lage herauszukommen, entschieden wir uns, das Essen sofort zu servieren, damit die Leute ihren Alkoholrausch verlören und sich beruhigten. Der Plan ging auf, denn nach zwei Stunden Reiterspiel hatten sie mächtigen Hunger und mit dem Essen hatten wir kurze Zeit wieder friedliche Reiter, die in aller Ruhe das Fleisch von den Knochen nagten, und wir konnten unsere letzten Aufnahmen von dem Fest einfangen.

Ein Epossänger auf dem Motorrad

Ein weiterer Dreh war mit dem Protagonisten Rysbek, einem traditionellen Epossänger, der ein swjetisches Motorrad fährt (die ‚Ural‘ ist eine umgebaute BMW-Maschine). Eigentlich wollten wir ihn ja nur während der Fahrt aufnehmen, aber das war leichter gesagt als getan. Rysbek hatte sein Motorrad seit einem halben Jahr nicht mehr bewegt, weil er sich kein Benzin leisten konnte, so daß einige Teile verrostet waren. Andere Teile waren so verschlissen, daß sie ersetzt werden mußten. amit fing ein endloser Kampf an, denn wie sollte man in einer Mangelwirtschaft in einem Land am Ende der Welt diese speziellen Motorradersatzteile finden?

Nach tagelanger Suche fanden wir endlich die fehlenden Teile auf einem Autobazar in der Hauptstadt. Nun konnten wir drehen und versuchten es mit einer Handkamera von hinten aus unserem Jeep heraus. Aber auch hier scheiterten wir wieder an den kirgisischen Verhältnissen. Die Straße hatte so große Schlaglöcher, daß einem die Kamera fast aus der Hand fiel. Da mußten wir schnell eine neue Lösung finden: Wir zerlegten den ABC-Kran und nahmen nur den Arm des Kranes, befestigten am anderen Ende die Kamera. Nun stellten sich Kamera- und Regieassisterit in den Kofferraum des Jeeps und hielten den Ausieger, der vier Meter bis auf die Straße herausreichte. Wir befestigten die Videoausspiegelung an der Kamera und konnten nun mit dem langen Ausleger die Schlaglöcher ausgleichen.

Kosten sparen

Um in Kirgisien zu drehen, muß man ständig Regeln und Gesetze brechen. Da hatten wir einen Drehort im Hochgebirge, den wir nur mit dem Hubschrauber erreichen konnten. Die flogen aber offiziell nur für Alpinisten in die Berge. So begannen studenlange, zähe Verhandlungen mit den Hubschrauberpiloten. Schließlich einígten wir uns auf einen Preis von 400 US-Dollar für einen riesigen Militärhubschrauber mit 25 Plätzen. Um die Kosten etwas zu senken, verkaufte ich einige Sitzplätze an polnische Mountainbiker und deutsche Bergtouristen, die auch ins Hochgebirge wollten, so daß wir am Ende zu zehnt losflogen und ich dabei ein paar Produktionskosten sparen konnte.
Dort oben mitten im Bergmassiv, zwischen 5000 bis 7000 Meter hohen Bergen drehten wir herrliche Zeitrafferaufnahmen von den ständig wechselnden Wetterstimmungen.
Insgesamt waren diese Dreharbeiten sehr abenteuerlich, und wir mußten viel Geduld mitbringen, weil wir die Hälfte der Zeit mit Warten verbrachten. So schwierig die Dreharbeiten auch waren, hat es sich aber gelohnt, eine der schönsten Ecken der ehemaligen Sowjetunion auf Zeiluloid einzufangen, denn sie war und ist nicht zufällig eine der beliebtesten Kulissen für große Spielfilme des osteuropäischen Kinos.

Frank Müller ist Absolvent der Filmhochschule in Ludwigsburg.