Vor dem ersten Weltkrieg reist der Kameramann Luca Comerio um die Welt, um die damals beliebten Reisebilder in den exotischen Ländern der Kolonialreiche zu drehen. Die beiden Filmemacher Gianikian und Lucchi präsentieren uns das Material heute in neuer Bearbeitung. Es entsteht eine Traumreise rund um die Welt, die uns zeigt, wie damals die Kolonien wahrgenommen wurden: voll reicher Natur, die unterworfen wird, voller Menschen, deren Andersartigkeit der Erbauung der Europäer dient.
Gianikian und Ricci Lucchi, die in Mailand arbeiten, beschreiben sich selbst als Filmarchäologen. Sie haben diesen Film geschaffen, indem sie kürzlich entdecktes Material aus dem Archiv des Filmpioniers Luca Comerio (1874 – 1940) überarbeitet und umgestaltet haben. Die meisten der Bilder wurden um 1910 aufgenommen. Gianikian und Ricci Lucchi haben Comerios sehenswerte Filmbilder neu kopiert und handkoloriert. Wir sehen exotische Völker, buchstäblich „vom Pol zum Äquator“, frühe arktische Waljäger, kossackenähnliche Soldaten auf Pferderücken, Britisch-Indien zur Teezeit, italienische alpine Truppen im Ersten Weltkrieg. Begleitet von einer minimalistischen Tonspur der Amerikaner Keith Ullrich und Charles Anderson entsteht eine Collage von verwunschener, traumähnlicher Qualität – Bilder einer Welt, die für immer verschwunden ist, und die nur noch für kurze Augenblicke in diesen zerbrechlichen Bildern existiert.
Forscher
(…) Die Filmemacher stellen nicht nur Archivbilder zusammen, sie modifizieren ihr Material in dreifacher Weise: verlangsamen des Originals, einfärben, und beifügen einer Tonspur. Auch die verkratzte, wasserfleckige Oberfläche des teilweise zerfallenen Originals wird als formales Element genutzt.
(…) Die lange Eröffnungssequenz – eine Eisenbahnreise durch die Alpen – ist einem Film, dessen Thema die Eroberung des Raumes ist, völlig angemessen. „Vom Pol zum Äquator“ reicht vom Kaukasus bis zur Arktis, verbringt viel Zeit in BritischIndien und noch mehr im kolonialen Afrika. Überall spielen die Eingeborenen für die Kamera, machen sich so selbst zum Objekt. Das Ergebnis ist eine Art Pornographie der Macht, in der der gesamte Planet geschaffen scheint für die europäische Erbauung.
„Vom Pol zum Äquator“ ist ein Film über die Unterwerfung der Natur. Geschorene und uniformierte afrikanische Kinder werden vor die Kamera gebracht, um das Kreuzzeichen zu demonstrieren. Selten ist die imperiale Natur der Photographie offener anerkannt worden. Der Kameramann ist offensichtlich der große weiße (Bilder) Jäger. Die Bilder des Filmes, die am meisten unter die Haut gehen, sind die von exotischem Wild vor dem Gewehr-Büffel, Löwen, Nashörner. Ein totgeweihter Polarbär schwimmt erfolglos um sein Leben; ein lächelnder Bwana reicht seine Hand einer sterbenden Antilope. (…)
Einer meiner zehn besten Filme des Jahres 1987. (J. Hobermann, N.Y. Village Voice, 28. Mai 1987)
Exotische alte Aufnahmen zeigen, wie die Welt erobert wurde
„Vom Pol zum Äquator“ zu sehen läßt einen glauben, man habe einen Geist gesehen – viele Geister, menschliche und animalische, von allen Orten des Globus. Zwei italienische Filmemacher, Yervant Gianikian und Angela Ricci Lucchi entdeckten Filme aus der Zeit der Jahrhundertwende von Gegenden, die damals fabelhaft exotisch waren – der Arktis, Indien, Afrika und aus weniger entfernten, aber gleichwohl beeindruckenden Umgebungen der Dolomiten und des Kaukasus – und setzten sie zusammen zu einem Werk mit der Geschwindigkeit eines Schlafwandlers, mit wechselnden Farben und einer begleitenden Tonspur. Das Ergebnis bietet Einblicke in den verwunschenen Vorgang der Eroberung der Welt.
„Vom Pol zum Äquator“ benutzt das Archiv von Luca Comerio, einem Pionier des Dokumentarfilms, der viel reiste und häufig das Zusammentreffen von Menschen und Tieren aufnahm; überhaupt sind die vielfältigen Tierbilder das Material, das am meisten unter die Haut geht. Der Tod eines Polarbären durch Arktisforscher ist im kleinsten Detail festgehalten. Und später sammeln sich Afrikanische Eingeborene um ein getötetes Rhinozerus, um sein Horn als Trophäe für durchreisende weiße Jäger abzutrennen. (…)
Die hier benutzten Archivbilder fangen das normale Leben aus weit verstreuten Regionen ein, und „Vom Pol zum Äquator“ gibt ihnen eine traumähnliche Qualität: uniformierten afrikanischen Kindern wird das Kreuzzeichen beigebracht, europäische Frauen schauen einem vorbeifahrenden Zug nach, Inder in weißen Anzügen flanieren eine breite, schattige Allee entlang. Die langsame, schläfrige Qualität der Bilder, nur ein wenig beweglicher als Standphotographien, friert sie im Gedächtnis des Betrachters ein. Die kleinste, gewöhnlichste Geste wird unauslöschlich, wie der Anblick eines indischen Kindes, das die Haare eines anderen kämmt. Das erste Mädchen sieht in die Kamera mit einem Blick der Verwunderung, des Selbst-Bewußtseins und einer Spur von Wertschätzung, die Herrn Comerio überall begegnet zu sein scheint.
Gianikian und Ricci Lucchi schaffen eine subtile und beunruhigende Unaufhaltsamkeit, wenn sie ihren Film zu den abschließenden Bildern von Soldaten im Kampf fortführen. Einige dieser Szenen werden als gefärbte Negativbilder präsentiert, so klettern dann rosafarbene Phantome über lila Abhänge ihrer Vernichtung entgegen. Dieses Verfahren ist so effektiv wie ungewöhnlich, und es schafft einen einzigartigen Dokumentarfilm von seltener, beeindruckender Kraft.
(Janet Maslin, New York Times, 6. April 1988)
