Virginia Grütter: Lateinamerikanerin mit deutscher Geschichte, Theaterregisseurin, Schriftstellerin, Revolutionärin. Aus Momenten der Begegnung, Puzzlestücken ihrer Biographie sowie Texten ihrer Poesie und Prosa entsteht ein zutiefst persönliches, dabei auch verstörendes Portrait einer ungewöhnlichen Frau.
Der Film portraitiert eine außergewöhnliche Frau, die sich trotz familiärer und gesellschaftlicher Gewalt, aus den ihr zugewiesenen Rollen befreit und selbst auf den Weg gemacht hat. Er erzählt von den Schmerzen, die dieser Weg bereitet, von den Verletzungen und Schädigungen: doch das Begehren, sich nicht zu fügen, ist „stärker als der Schmerz“. Es ist aber auch ein Film über eine Frauenfreundschaft zwischen einer jüngeren und einer älteren Frau, ein Film über Mütter und Töchter.
Die Lateinamerikanerin Virginia Grütter trägt noch heute den Namen ihres deutschen Stiefvaters, im Jahr der Premiere ihres Filmportraits ist sie 66 Jahre alt. Heute lebt Sie in Costa Rica, wo sie auch geboren wurde, doch ihr Lebensweg führte sie nach Kuba, Chile. Nicaragua, die DDR und ins Kriegsdeutschland der Nazis. Sie war Theaterregisseurin, begeistert von Brecht, den sie in Mittelamerika bekannt gemacht hat, arbeitete als Journalistin und schrieb über Politik, Kunst und Kultur und veröffentlichte Gedichtbände sowie zwei Romane.
Aus Puzzlestücken ihrer Biografie und Momentaufnahmen der Annäherung verwoben mit Texten ihrer Poesie, Liedern und Prosa entsteht das sehr persönliche Portrait einer Frau zwischen den Welten, die nicht nur die Grenzen der Gesellschaft, sondern auch ihre eigenen sprengt und überschritten hat.
Eine Veranstaltung von: Bildungswerk der Erzdiözese Köln, Diözesanfilmstelle Köln / AV-Medienzentrale, Gruppe Alle(r)weltskino, Katholisches Bildungswerk Köln, Volkshochschule Köln. Mit Unterstützung des Kulturamtes der Stadt Köln sowie des Sekretariates für gemeinsame Kulturarbeit, Wuppertal
Virginia Grütter. Más fuerte que el dolor – stärker als der Schmerz
Dokumentarfilm von Quinka Stoehr, 76 Min., 16mm Farbe, Deutschland 1995
„Ich bin der Sprung in der Schüssel und jeden Tag lassen sie mich dafür büßen…“, die Protagonistin des Filmes liest ihr Gedicht „Selbstportrait“, dazu sehen wir Fotos eines kleinen Mädchens in Rüschenkleidern: Virginia Grütter als Kind. Während die Filmemacherin Virginia Grütter die Haare schwarz färbt, erzählt diese von ihrer Kindheit, ihrem deutschen Stiefvater, den sie sehr liebte. Wir erfahren aber auch, was restriktive Sexualerziehung für ein Mädchen in der Zeit bedeutete und wir spüren in der alten Virginia das Aufbegehren des kleinen Mädchens. „Vagabundin“ liest sie an anderer Stelle, „Du gehst Sonntag nicht raus!“. Sie reibt sich mit Asche die schwarze Farbe von der Stirn als wollte sie sich die Haut vom Kopf reißen, „Ich bin die Vagabundin, die hinter die Stühle schaut und alles sieht. Sie haben mich skalpiert und jetzt jammern sie, daß meine Gehirn zu sehen ist“.
Virginia Grütter trägt noch heute den Namen ihres deutschen Stiefvaters, im Jahr der Premiere ihres Filmportraits ist sie 66 Jahre alt. Heute lebt sie in Costa Rica, wo sie auch geboren wurde, doch ihr Lebensweg führte sie nach Kuba, Chile, Nicaragua, ins Kriegsdeutschland der Nazis und in die DDR. Sie war Revolutionärin, Theaterregisseurin, geprägt von Bertold Brecht, den sie in Mittelamerika bekannt gemacht hat, arbeitet als Journalistin, schrieb über Politik, Kunst und Kultur und veröffentlichte Gedichtbände, sowie zwei Romane.
Virginia Grütters Leben ist tief geprägt auch von schmerzhaften Lebenserfahrungen. Ihre Familie hat wiederholt versucht, sie gewaltsam von ihrem Weg abzuhalten und ihr dabei große Verletzungen zugefügt. Ihr dritter Mann, eine Chilene, wurde nach dem Putsch in Chile verhaftet und zählt seitdem zu den „Verschwundenen“. Zur gleichen Zeit wurde eine ihrer Töchter in Nicaragua inhaftiert und gefoltert. Dieses Leid hat tiefe Spuren hinterlassen: Seit einigen Jahren leidet Virginia Grütter unter Schüben von Verfolgungswahn, die sie alle zwei bis drei Jahre zum Rückzug in die Psychiatrie zwingen.
Die Filmemacherin war sich bewußt, daß sie sich auf die Filmdokumentation einer komplexen Persönlichkeit einlassen würde und die Dreharbeiten zum Teil unberechenbar sein würden und die Möglichkeit des Scheiterns bargen. So macht sie den Prozeß dieser Dreharbeiten zur zugrundeliegenden Struktur des Films, bezieht sich selbst ein, verschweigt nicht die Zweifel, die Brüche dieses Grenzganges. Doch ihre Bewunderung und ihr Respekt für die Ältere und deren geheimnisvoller Kraft lassen sie alle Widerstände und Verzögerungen überwinden. In eindrucksvoller Ehrlichkeit wird jede idealisierende Erhöhung der „Heldin“, die für sie eine „Rebellin“ ist, ausgeschlossen. Entstanden ist das Portrait einer Frau, der Freundschaft zwischen einer älteren und einer jüngeren Frau, ein Film auch über ‚Traditionen‘ zwischen Müttern und Töchtern, der spezifisch eigenen ‚Geschichte‘ von Frauen, wie sie von den italienischen Feministinnen der 70er Jahre gefordert wurden.
Quinka Stoehr räumt der Gegenwart den entscheidenden Raum ein, vertraut ganz auf die Ausstrahlung und Präsens von Virginia Grütter: deren Gesicht verwandelt sich unglaublich schnell vom warmen strahlenden Lachen in tiefe Traurigkeit, Verstörtheit, Gequältheit – und wieder zurück. Ihre Stimme – verraucht von unaufhörlichen Zigarettenkonsum – ist kraftvoll.
Sie trägt eigene Gedichte und auch Brechttexte vor, die eine eigentümliche rhetorische Kraft im volkstümlichen Spanisch Lateinamerikas gewinnen. Sie singt Lieder, auch auf französisch und deutsch. Manchmal antwortet sie auf Fragen mit eigenen Gedichten, um Schmerz zu verbergen oder Unwillen, über familiäre Traumata zu sprechen. In Vortrag und schauspielerischem Gestus spiegelt sich das frühere Leben und wird evoziert, lebendiger noch als in erzählten Erinnerungen. Die Informationslücken, die im Film zwangsläufig entstehen, überbrückt Quinka Stoehr durch einige knappe Textpassagen, in denen sie Zusatzinformationen gibt und dabei Familienfotos zeigt. Doch Vorrang vor der Rekonstruktion der Vergangenheit hat die Gegenwart.
Zäsuren, Abbrüche und Krisen in der Arbeit werden nicht verborgen. Erwartungsvoll-aufgeregt und auch nervös wartet die Filmemacherin mit Blumen vor der psychiatrischen Klinik, als Virginia entlassen werden soll. Sie verbirgt nicht ihre Zweifel über den Fortgang der Arbeit, als Virginia sich den Dreharbeiten durch „Flucht“ nach Nicaragua entzieht (Aufnahmen eines grummelnden, Rauchwolken speienden Vulkans verbildlichen die untergründige Spannung und das Warten des Filmteams), und sie läßt uns auch an den Konflikten zwischen den Töchtern und der Mutter teilnehmen, die deswegen entstehen. Die Zäsuren markieren den Film.
Dennoch bleibt als Basis der gemeinsame, vertrauensvoll geschaffene Film. Nicht nur dreht Quinka Stoehr den Film zu Ende, auch Virginia Grütter macht ein Portrait, Malt zum Abschied die Filmemacherin. Diese Szenen freundschaftlicher Vertrautheit, die in langen Einstellungen in liebevoller und intimer Beobachtung gedreht sind, gehören zu den schönsten des Films. Am anrührendsten sind einige bei der Körperpflege, beim Haarefärben und vor dem Schminktisch entstandene Szenen, als Virginia sich überraschend plötzlich zwei große schwarze Tränen auf die Wangen schminkt: Zeichen ihres Schmerzes und Trauer. In der Schlußszene, während des Sprechens über die erlittenen Verletzungen, versinkt sie, ihr faltiges Gesicht in eine Hand gestützt, sprachlos in ihren Erinnerungen und Gefühlen. Fast zaghaft erinnert sie die Filmemacherin aus dem Off an den Kern ihrer beständigen, inneren Kraft, die sie dies alles ja dennoch überstehen ließ, und dieser Zuspruch erweckt Virginia Grütter, lächelnd, aus der Trance ihres Schmerzes.
Gesa Rautenberg, Kommunales Kino, Kiel
Biografische Angaben zu Virginia Grütter:
Virginia Grütter wurde 1929 in Puntarenas, einer kleinen Hafenstadt in Costa Rica geboren.
1942 kam sie mit ihrem deutschen Stiefvater und ihrer costaricanischen Mutter in das faschistische Deutschland, welches gerade den 2. Weltkrieg ausgelöst hatte. Diese Übersiedelung geschah nicht freiwillig: Costa Rica hatten Deutschland den Krieg erklärt mit der Konsequenz, daß die im Lande lebenden Deutschen entschädigungslos enteignet und in Lager in den USA interniert wurden. Virginias Familie wurde mit Zivilgefangenen des deutschen Reiches ausgetauscht und so kam sie als dreizehnjährigens latein-amerikanisches Mädchen zusammen mit ihren Eltern über Portugal in das faschistische Kriegsdeutschland. Dort lebte sie mit ihrer Familie bis 1945 in Utting am Ammersee. Mit ihrem ersten Deutschlandaufenthalt verbindet Virigina sehr zwiespältige Erinnerungen: So wurde sie in den BDM gezwungen und erlebte als Lateinamerikanerin den entfesselten Rassenhaß am eigenen Leib. Gleichzeitig schloß sie tiefe Freundschaften und lernte couragierte Menschen kennen.
Über diese Zeit sagt Virginia: „Meine Erfahrungen in Deutschland lehrten mich als junges Mädchen, daß es noch Anderes auf der Welt gab als meine kleine Heimatstadt in Costa Rica und öffneten meinen Blick für die Welt.“
Sofort nach dem Zusammenbruch 1945 reiste die Familie auf abenteuerlichem Weg zurück nach Costa Rica.
In Puntarenas beendete Virginia die Schule und wurde mit 17 Jahren ungewollt schwanger. Von ihrer Mutter, ihren Tanten und ihrer Großmutter wurde sie deswegen halb tot geschlagen. Ihr Liebhaber, der sie nicht heiraten wollte, weil sie keine Jungfrau mehr war, wurde von ihren Onkeln mit der Pistole gezwungen, sie zu heiraten. Mit diesem Mann, einem reichen Viehzüchter, bekam sie insgesamt drei Kinder. Während der Ehe begann sie Gedichte zu schreiben. Mit 22 Jahren, ihr drittes Kind war gerade ein Jahr alt, verließ Virginia mit den Kindern ihren Mann und zog nach San José. Drei Mal holte der Mann sie, die Kinder und die Möbel wieder, erst dann akzeptierte er ihren Weggang. Auch ihre Familie bedrohte sie und versuchte sie wieder zurückzuholen.
In San José begann Virginia ein völlig neues Leben: Sie arbeitete halbtags im Ministerium und begann Malerei und Philosophie zu studieren. So kam sie mit der Künstlerszene in San José in Kontakt. 1953 gründete sie dann mit anderen jungen Intellektuellen das erste unabhängige Theater Costa Ricas, das „Arlequin“. Sie heiratete den Regisseur der Gruppe, einen Franzosen. Sie selbst war „Mädchen für alles“ in dieser Gruppe. Sie putzte, kassierte, entwarf Kostüme, übersetzte Stücke und schauspielerte. Da sie und ihre Familie vom Theater nicht leben konnten, eröffneten sie und ihr Mann eine Bar, in der Virginia Guitarre spielte, Lieder sang und Witze erzählte. Dort traf sich die Künstlerbohème Costa Ricas. Die Kinder mußte Virginia in dieser Zeit sehr häufig bei den Großeltern in Puntarenas lassen.
Ende der 50er Jahre politisierte sich Virginia mit der kubanischen Revolution, die für viele Lateinamerikaner zur Hoffnung wurde. In dieser Zeit fiel ihr durch Zufall die „Dreigroschenoper“ von Brecht, der in Lateinamerika völlig unbekannt war, in die Hände. Daraufhin ließ sie sich aus Deutschland sämtliche verfügbaren Brechttexte schicken.
1959 reiste sie dann zum ersten Mal nach Ostberlin und besuchte das Berliner Ensemble. Sie kam von einem internationalen Frauentreffen in der Volksrepublik China und hatte ihre Rückreiseroute selbst bestimmen dürfen, sie wählte Ostberlin, um das Brechtsche Theater kennenzulernen. In Berlin blieb sie einen Monat und war nach eigenen Angaben Tag und Nacht im Ensemble, dort lernte sie auch Helene Weigel kennen. Die Aufführung „Die Mutter“ von Brecht beeindruckte sie derart, daß sie sich für den Marxismus zu interessieren begann.
Aufgrund ihrer politischen Unterstützungsarbeit für Kuba wurde eine kleine Gruppe Costaricaner nach Kuba zum ersten Jahrestag der Revolution eingeladen: Unter ihnen Virginia und ihr Mann. Virginia, wie auch ihr Mann blieben dort: Virginia blieb insgesamt 11 Jahre. Zunächst arbeitete sie in der Alphabetisierungskampagne, später als Regieassistentin, Lehrerin für Dramaturgie an der Theaterschule von Havana und dann als Regisseurin, hauptsächlich von Brechtschen Stücken. Während all der Jahre übersetzte sie Brecht ins Spanische und versuchte ihn bekanntzumachen. 1967 erhielt sie ein einjähriges Stipendium am Berliner Ensemble und arbeitete dort im Regiekollektiv.
1971 ging sie nach Chile, um dort „Die Tage der Kommune“ von Brecht zu inszenieren: Das Projekt scheiterte, sie aber blieb und heiratete erneut: einen 20 Jahre jüngeren Chilenen. In Chile arbeitete sie an der Universität von Santiago als Theaterdozentin. 1973, während des Angriffs auf die Moneda, probt sie gerade mit ihren Studentinnen das Brechtstück „Die Gewehre der Frau Carrar“. 1974 – ein Jahr nach dem Putsch – wurde ihr Mann festgenommen und verschwand: Sie suchte ihn ein Jahr lang in Gefängnissen und Leichenschauhäusern, ohne ihn jemals zu finden. 1975 machte sie dann – organisiert und finanziert vom Weltkirchenrat und amnesty international – eine Reise durch Europa, auf der sie über die „Verschwundenen“ von Chile sprach. Nach dieser Reise konnte sie nicht nach Chile zurückkehren, deshalb ging sie wieder nach Costa Rica.
Nach nur achttägigem Aufenthalt in Costa Rica bekam sie die Nachricht, daß ihre Tochter Liana im somozistischen Nicaragua wegen Unterstützung der Frente sandinista verhaftet worden war. Virginia initiierte in Costa Rica eine parteiübergreifende Kampagne zur Freilassung der politischen Gefangenen in Nicaragua und arbeitete gleichzeitig politisch in einem Komitee für die Verschwundenen von Chile. Ihren Schmerz über den Verlust ihres Mannes verarbeitete sie in einem Buch „Der Verschwundene“. Dieses Buch wurde für den Preis „la casa de las Américas“ vorgeschlagen.
Ihre Tochter Liana, costaricanische Staatsbürgerin, wurde nach eineinhalb Jahren Gefängnis aufgrund des politischen Druckes freigelassen.
Nach dem Sieg der Revolution in Nicaragua 1979 lebte Virginia einige Zeit in Managua und arbeitete als Korrespondentin für eine costaricanische Zeitung. Anfang der achtziger Jahre kehrte Virginia nach Costa Rica zurück und engagierte sich in der Solidaritätsbewegung gegen die Konterrevolution in Nicaragua.
1983 gaben die Musikerinnen Costa Ricas ihr zu Ehren ein Konzert, bei dem nur solche Stücke gespielt wurden, zu denen Virginia die Texte verfasst hatte. Viele ihrer Gedichte wurden von mittelamerikanischen Musikerinnen vertont.
Neben ihrer Theaterarbeit hat Virginia immer geschrieben. So wurden bis heute vier Bücher von ihr veröffentlicht; außerdem hat Virginia regelmäßig Artikel, Kommentare und Kolumnen für Zeitschriften und Zeitungen verfaßt.
Zur Zeit lebt Virginia Grütter in San José, Costa Rica. Sie arbeitet heute aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr am Theater. Sie schreibt einmal die Woche für eine linke Zeitung und arbeitet an ihrer Autobiografie.
Doch das bewegte Leben Virginia Grütters hat auch deutliche Spuren bei ihr hinterlassen: Seit längerer Zeit leidet sie schubweise an Angstzuständen und Verfolgungswahn. Die Last und der Druck, den sie all die Jahre aushalten mußte, fordern ihren Preis.
Poesie und Prosa von Virginia Grütter, die in den Film eingewoben ist:
Das Fenster
Du hattest zwei Brüste genau wie ich
langes Haar genau wie ich
und einen geschminkten Mund, wie ich ihn gern hätte
du trugst einen Rock genau wie ich
aus geblümtem Stoff genau wie ich
und du trugst Sandalen genau wie ich
und dich zerrten zwei Polizisten
und du schriest mitten auf der Straße
und du trugst schleppend die Sandalen
und deine Füße bluteten
Und von drinnen rief mich meine Großmutter
und kam
und schloß das Fenster
und zerrte mich am Haar
bis zur dunkelsten Ecke im Raum.
Selbstportrait
Ich bin der Sprung in der Schüssel
(Paf!)
Und jeden Tag lassen sie mich dafür büßen
(Nimm!)
Ja, der Preis der Schüssel ist gesunken
(Wie sehr meine Mutter sich auch bemühte, das zu verbergen)
Ein hübsch gestärkten Kleidchen
und dann ein Tritt im Vorbeihuschen wie ein Schatten
Was für ein niedliches Mädchen!
(Zeig mal!)
Lach
Wein
Sei still
Idiotin
Sie reinigen den Sprung
Meine Hässlichkeit
Meinen schlechten Geruch
Meine schwarze Linie
Reinigt sie, damit sie nicht riecht!
Gebt’s ihr, gebt’s ihr bis das Blut kommt
Schaut ihr in die Öhrchen
Das Mäulchen
Den Arsch.
(Auf dem Nachttopf ließen sie mich manchmal in Ruhe“
Wo ist das kleine Mädchen?
(Bringt sie her!)
Grüß mein Töchterchen
(Mach einen Knicks!)
Und immer ging ich weinend in mein Zimmer
(Wie schön die Ohrringe meiner Mutter waren!)
Ich bin es, die Judas ins Gesicht küßte
Komm rein!
Ich bin die Wanderin
Schließ die Tür!
Die der vielen Bücher.
Diebin!
Schließ die Tür!
Schließ die Tür!
Schließ die Tür!
Setz dich
Ai, die Blätter des Mandelbaumes
ich schaute sie
Ai, die Eier der Hunde
ich schaute sie
Ai, die Wolken und das Wasser
ich habe sie berührt
Vagabundin!
Fädel die Nadel ein!
(silbern und der Faden fliegt)
Du gehst Sonntag nicht raus!
Flick die Strümpfe
Flick die Strümpfe
Flick die Strümpfe
Und ich nähte Tränen
Und ich nähte Fische
und ich nähte Wind
(alles ganz glatt, ganz quadratisch, ganz gleichmäßig)
Ich bin die Vagabundin
Die hinter die Stühle schaut und
alles sieht
Die nicht an das Lachen glaubt
lächelnd
Sie haben mich skalpiert und jetzt jammern sie,
daß mein Gehirn zu sehen ist.
Verschwunden
In den finsteren Zeiten
wird da auch gesungen werden?
Da wird auch gesungen werden.
Von den finsteren Zeiten
(Bertold Brecht)
Für einen Mann Carlos Pérez Vargas am 10. Sept. 1974 in Santiago de Chile verhaftet und seitdem verschwunden.
Für alle Angehörigen der Verschwundenen in allen Ländern.
In langen Nächten hörte ich die Hunde heulen. Sie heulten die ganze Nacht, als wollten sie den Tod heraufbeschwören, andere antworteten ihnen wie toll; ich lag dann ganz still in meinem Bett und wartete auf ein Zeichen aus dem Jenseits, von den Hunden.
Wenn eine Frau allein wartet zwischen Leben und Tod, beginnt sie den Mond und die Lüfte zu befragen, die Nacht wird lang, wenn die Brust angefüllt ist, mit Stille und Geheul.
In acht Tagen kommen Sie in acht Tagen wieder. Um sechs haben sie die Listen verlesen, aber dein Name war nicht dabei, und nicht seiner und nicht ihrer – alle acht Tage eine Liste. Kommen Sie in acht Tagen wieder, und dann kommen Sie in 14 Tagen wieder, und dann, kommen Sie nicht wieder, wir werden Sie benachrichtigen – aber das Telefon klingelte nie, und doch immer wenn ich nach Hause kam, setzte ich mich ans Telefon auf die Treppe – Aber wozu nützt ein Telefon, wenn doch niemand anruft. Und eine Frau wartet?
Doch das Haus ist stumm, leer, und eben wurde es Nacht.
Cerro Santa Lucia, ich schreibe dies, weil ich kein Loch in deine Erde gegraben habe, um dort den Namen des Geliebten herauszuschreien, damit aus ihm ein Baum der Einsamkeit, der Verzweiflung und des Widerstandes erwachse, ein Baum größer als alle Fahnen dieser Welt.
(aus: „Verschwunden“, einem Roman, in dem Virginia Grütter das „Verschwinden“ ihres dritten Mannes in Chile verarbeitet)
Más fuerte que el dolor – stärker als der Schmerz
Ich kam aus der Schule
fröhliches Kleid und das Haar im Wind.
Bäume fischten nach den Sternen,
dunkle Wolken.
Er kam und umfaßte meine Taille
und es war die Nacht, in der meine Brust sich öffnet.
Und so öffnet sich mein Hemd
und meine beiden Brüste waren Palmen und Zephir
und seine Hände Fische im Wasser
stark und sanft wie der Wind.
Die Hände und Brüste so im Verborgenen
vereint und allein in anderem Leben.
Später kam ich nach Hause und klopfte an die Tür
Und es erschienen meine Mutter und Tante Berta.
Und sie gaben es mir mit dem Stock für die Sünde.
Und der Körper im Himmel
überzogen sie ihn mit blauen Flecken
mit Stockhieben und spitzen Schlägen,
aber mich umfing der Schlaf
mit leuchtenden Diamanten in beiden Brüsten.
