In einer virtuosen Vermischung von Geschichte und Gegenwart zeigt der Film am Beispiel einer Indiogemeinde in Kolumbien einen neuen Weg, die soziale Realität zu analysieren und die Hoffnungen und Werte eines Volkes auszudrücken.Fünf Jahre lebten die Filmemacher unter den Indios einer Gemeinde in Cauca, erforschten intensiv ihre Geschichte, ihre Kultur, ihr Leben und ihren Kampf, und was unter der Mitwirkung der Indios dabei herauskam, ist ein faszinierender Dokumentarfilm, der für dieses Genre neue Maßstäbe setzen dürfte, voller Schönheit, Kraft und politischer Klarheit, geprägt von dem tiefen Eindringen in die uns so fremde Welt der Magie und des Mythos.
Die Indios haben immer gekämpft und kämpfen heute noch darum, ihr Land zurückzuerobern. Denn sie sagen: „Das Land ist die Mutter, die Wurzel unserer Kultur.“ Mit der Rückgewinnung dieses Landes beginnt der Indio einen Prozess der kulturellen Wiederfindung, der ‚kritischen‘ Aufarbeitung der Vergangenheit, der eigenen Geschichte. Er beginnt, die Vergangenheit politisch und die Gegenwart historisch zu sehen. Der Film unterstreicht die Bedeutung dieses Prozesses und unternimmt den Versuch, sich dem Unterbewusstsein einer indianischen Andenkultur zu nähern, jene Dialektik verständlich zu machen, die einen Zusammenhang herstellt zwischen Teufel und Feudalherr, Knecht und Besitzer, Analyse und Poesie, Organisation und Magie, Mythos und Ideologie.
Die kolumbianischen Dokumentaristen Marta Rodriguez und Jorge Silva sind bei uns keine Unbekannten. 1972 stellten sie auf dem ‚Forum‘ der Filmfestspiele in Berlin ihren mit „ärmlichen Mitteln hergestellten, aber höchst eindrucksvollen 37 Minuten langen Film PLANAS – DOKUMENT EINER AUSROTTUNG vor, der die Ausbeutung, Vertreibung und Vernichtung der Indios in Kolumbien zum Inhalt hatte. Sie haben beide inzwischen in jeder Hinsicht viel dazugelernt, wovon ihr langer Dokumentarfilm UNSERE STIMME VON ERDE, ERINNERUNG UND ZUKUNFT Zeugnis ablegt.
Die Indios haben begonnen, ihr Land, das die weißen Eroberer ihnen raubten, wieder in Besitz zu nehmen. Sie versuchten es erst auf ‚gesetzlichem Wege‘, aber die Gesetze dieses Landes sind nicht für sie gemacht. Sie schärften die Macheten, Waffe und Arbeitswerkzeug zugleich, und sie haben Opfer gebracht, die besten ihrer Führer wurden von der Armee ermordet. Aber der Zeitpunkt ist offenbar vorbei, da man ihren Widerstand mit diesem Terror brechen könnte.
Doch der Film zeigt noch mehr. Er offenbart, wie dieses gewachsene Bewußtsein einhergeht mit der Wiedergewinnung ihrer Geschichte und Kultur, und dabei wird fernab aller sonst folkloristischen Verbrmung deutlich gemacht, welche konkreten Bezugspunkte die Mythen der Indios zur sozialen Realität haben.
Der Teufel, das „Böse“ schlechthin, verschmilzt in ihrer Vorstellung mit der Gestalt des Großgrundbesitzers; Furcht und Albträume, in Legenden gefasst, sind der unbewusste Ausdruck ihrer unterdrückten Situation.
Wie aber so etwas in Bildern zeigen? In schnellen Schnitten werden die steinernen Denkmäler der hochmütigen spanischen Eroberer, die abweisende Figur eines Großgrundbesitzers, der mit dem Teufel in einer schaurigen Maske seinen Pakt schliesst, zu einer Symbiose der Herrschaftsverhältnisse über die Jahrhunderte vereint.
Dazwischen marschierendes Militär von heute, Versammlungen der Indios, mit klugen Analysen und den Kampfaufgaben in den Reden, einschliesslich einer herben Kritik an der Linken in den Städten, die immer noch zersplittert ist.
Literatur: Internationales Forum des Jungen Films, Berlin 1982
