Michale ist 30, sie lebt in Tel Aviv und hat reichlich viel um die Ohren: Tagsüber arbeitet sie als Buchhalterin im Büro ihres Vaters, in dem die Buchführung religiöser Institutionen erledigt wird. Schon seit Monaten betrügt sie ihren Ehemann, was ein cleveres Zeitmanagement erfordert. Die Kinder, ihr Mann, die Arbeit, der Liebhaber – manchmal weiß Michale wirklich nicht, wo ihr der Kopf steht. Eines Tages verändert sich ihr Leben auf drastische Weise: Auf dem Weg zum Rendezvous wird das Hotel, in dem sie sich mit ihrem Geliebten verabredet hat, von einem Sprengstoffanschlag zerstört. Ihre Trauer um ihren Geliebten kann Michale aber nirgendwo zeigen …
Regisseur Raphaèl Nadjari gibt in seinem Film Avanim Einblicke in das traditionelle sephardisch jüdische Leben in Tel Aviv, wie es nirgends mehr sonst in der Welt existiert.
Asi Levi spielt Michale als eine Frau von wenig Worten, die mit niemandem über ihre Probleme spricht. Aus dem traditionellen Milieu stammend, ist sie dennoch nicht bereit, alle Traditionen mitzumachen. Zwar steht sie mit den anderen Frauen gemeinsam draußen vor der Synagoge, aber ohne Kopfbedeckung. Was der Rabbiner akzeptiert, will der Gabbai nicht gelten lassen. Zwischen ihm und Michale wird ein erbitterter Kampf ausgetragen.
Der gemeinsame Schabbat mit ihrem Vater, zeigt dann wiederum Michale als Traditionalistin, die Gespräche über Arbeit zwischen Schmoulik, ihrem Mann, und ihrem Vater unterbinden will. Sehr dezent umspannt Nadjari hier die Breite gelebten Glaubens, mit dem nur der engstirnige Gabbai nicht umgehen kann.
Als Michale nach einer Nacht am Strand in Schmerz und Trauer um den Geliebten nach Hause kommt, wird sie von Ehemann und Vater aufgebracht und in großer Sorge zu Hause erwartet. Sie verweigert jede Auskunft über ihre Abwesenheit. Sie packt ihre Sachen und verlässt mit dem Sohn das Haus, nachdem sie vom Vater als Hure beschimpft wird und er ihr verbietet, ihn weiter Vater zu nennen. Hier verliert Michale, die sonst rational reagiert, endgültig die Kontrolle über ihre Handlungen. Mit ihrem Rachefeldzug gegen den Gabbai und ihren Vater setzt sie eine Verkettung furchtbarer Ereignisse in Gang, die in einer Katastrophe endet. Am Ende verlieren alle.
Mit seiner Methode, die Dialoge nicht zwingend vorzuschreiben, sondern den Schauspielern darin viel Freiheit zu geben, ist es dem Regisseur gelungen, allen Agierenden einen individuellen Charakter zu geben mit Brüchen und Schwächen, Wärme und Stärke. Selbst beim kleinen Sohn Nathi gelingt dies. Mit dieser Methode geht Nadjari ein Risiko ein, das er als Könner seines Faches jedoch zur Steigerung Spannung und zur Intensivierung der Charaktere zu nutzen vermag.



