„Lebe das Leben und liebe das Leben“, so könnte das Motto dieses anrührenden Films heißen. Leichtfüßig kommt das zweite Werk des Argentiniers Juan José Campanella daher – eine romantische Komödie und tiefsinnige Charakterstudie zugleich: Das Leben von Rafael Belvedere ist ein einziges Chaos. Die Familie ist anstrengend, die Arbeit frisst ihn auf, die geschiedene Frau nervt. Auch seine Freundin Natalia ist ihm eigentlich nicht so wichtig. Er findet keine Beziehung zu den Menschen um sich, und genau genommen ist Rafael gerade dabei, sein Leben gründlich zu vermasseln. Einen Herzinfarkt und mehrere Wochen Intensivstation später, nach dem Wiedersehen mit seinem skurrilen Jugendfreund, wird ihm klar, dass er sein Leben wohl selbst in die Hand nehmen muss.
„Eine zarte und wunderbar gespielte bittersüße Komödie“ (Screen International). Preisträger in Havanna, Valladolid und Montreal, Oscarnominierung 2002.
Das Leben des Restaurantbesitzers Rafael Belvedere (Ricardo Darín) ist reich an Problemen. Mehr schlecht als recht kämpft der jungenhafte 42-Jährige mit den Anforderungen von Beruf und Familie: Von einem Termin zum nächsten hetzt er durch den Alltag, permanent vom Handy unterbrochen und von seinen Angestellten belagert. Rechnungen müssen bezahlt werden, für die Mascarpone im Tiramisu fehlt das Geld – die argentinische Wirtschaftskrise ist unaufhaltsam in sein italienisches Restaurant vorgedrungen. Und auch privat steht es nicht zum besten: Seine Ehe ist schon lange geschieden, für die Tochter Vicky (Gimena Nóbile) bleibt zu wenig Zeit und seine junge Freundin Naty (Natalia Verbeke) hält er emotional auf Distanz. Rafael Belvedere wünscht sich nichts sehnlicher, als in Ruhe gelassen zu werden.
Einzig vor dem Fernseher, mit einer Schüssel Tiramisu auf den Knien, bleibt er von den Ansprüchen seiner Umwelt unbehelligt. Dann sieht er sich ZORRO an, seine Lieblingsserie aus Kinderzeiten, und schwelgt in Erinnerungen an eine glückliche Kindheit. Wie er im Kostüm des schwarzen Rächers in den Straßen von Buenos Aires mit seinen Freunden spielte und am Abend von der warmherzigen, nachgiebigen Mutter belegte Brote gereicht bekam. Auch Rafaels Vater Nino (Héctor Alterio) erinnert sich gerne an die guten alten Zeiten, an das kleine italienische Restaurant, das jetzt Rafael übernommen hat, und an ein Leben voller Liebe zu Rafaels Mutter Norma (Norma Aleandro). Ungebrochen ist diese tiefe Verbundenheit mit seiner Frau, die an Alzheimer leidet und in einem Pflegeheim lebt. Rafael jedoch besucht sie nur selten, noch immer belasten ihn die enttäuschten Hoffnungen seiner Mutter, weil er vor vielen Jahren sein Studium abbrach. Mehrfach gescheitert scheint Rafael heute all seine Träume aufgegeben zu haben. Rafael Belvedere, der einstige Zorro, ist unzufrieden mit seinem Leben. Seinem Kampf mit den Problemen des Alltags fehlt alles Heldenhafte.
Doch bald erreicht das Chaos eine neue Qualität: Vater Nino will Mutter Normas lebenslangen Wunsch nach einer kirchlichen Heirat, dem sich der überzeugte Atheist so lange erfolgreich entziehen konnte, zu ihrem Geburtstag erfüllen. Doch Rafael ist nicht sehr begeistert: Als senile Alterskauzigkeit tut er die großherzige Geste seines Vaters ab – und wendet sich wieder dem nächsten Telefonat zu. Dann taucht Rafaels Jugendfreund Juan Carlos (Eduardo Blanco) auf, ein erfolgloser Schauspieler, und placiert sich inmitten der Familie. Und als plötzlich Rafaels Herz streikt und er sich auf der Intensivstation wiederfindet, nimmt sein Leben eine entscheidende Wendung. In einem neuen Licht erscheinen die Dinge um ihn herum, neue Prioritäten geben seinem Leben neue Richtungen. Seine charmant-hilflosen Überlegenheitsposen weichen auf, sein schützender Zynismus fällt langsam von ihm ab. „Ich will keine Probleme mehr“, sagt Rafael und geht daran sie zu lösen.
Auch wenn Juan José Campanella seine sehenswerte Komödie ganz um die Erlebnisse der Figur des sympathisch-überforderten Rafael angelegt hat, sind doch dessen Eltern das emotionale Zentrum des Films: Mutter Norma, „ein Engel, der das Leben in ein Paradies verwandelt“, wie Vater Nino seine Frau nennt, und Nino, der rüstige, sanftmütige Charmeur. In Norma, die in ihrer Krankheit ganz für den flüchtigen Augenblick lebt und in einem Moment großes Glück wie tiefen Schmerz empfinden kann, erkennt Rafael eine Reinheit der Gefühlswelt, die ihm bislang unbekannt war. Vor allem aber die Zerbrechlichkeit seines Körpers führt ihm vor Augen, was in seinem Leben wirklich zählt. „Wenn mir eine Sache gut getan hat,“ sagt Rafael, „dann die Intensivstation.“
Nachdem der Film schon in vielen Ländern und auf diversen Festivals Publikum wie Kritik begeistert hat, rief er auch als umjubelter Eröffnungsfilm des Münchener Filmfestes 2002 gleichermaßen Lachen wie Tränen hervor. Originelle szenische Ideen, eine turbulente Situationskomik, unverbrauchte Gesichter und ungewöhnliche Charaktere sind der Stoff aus dem der Erfolg dieses Films gemacht ist. Filme wie DER SOHN DER BRAUT bereichern das Kino und darum bereichern sie auch das Leben.(Regie.de)



