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Sin querer – Zeit der Flamingos

SIN QUERER

Ingenieur Mario kommt in das abgelegene Nest San Lorenzo in Patagonien, um eine Landstraße zu vermessen, von der sich die Bewohner den Einzug von Fortschritt und Wohlstand erhoffen. Statt dessen bringt Mario die verkrusteten Machtstrukturen durcheinander, indem er die kriminellen Machenschaften der Dorfwürdenträger aufdeckt. – Ironischer Blick auf das alltägliche Leben in einem patagonischen Nest, wo die Zeit stehengeblieben zu sein scheint…

Aus der staubigen Einöde taucht ein Mann auf. Eine unwirtliche Landschaft liegt hinter ihm, vor ihm ein gottver­lassenes kleines Dorf, sein Bestimmungs­ort. Mit dieser klassischen Eröffnung, dem „Es war einmal“ des Western, beginnt Ciro Capellaris Zeit der Flamingos. Sein Pferd hat der Fremde gegen einen moder­nen Jeep getauscht. Er ist kein Revolver­held, sondern ein junger Ingenieur, den seine Arbeit aus der Hauptstadt Buenos Aires in die Ödnis von Patagonien führt. Mario (Daniel Kuzniecka) hat den Auf­trag, die Gegend um das abgelegene Nest San Lorenzo für den Überlandtransport eines Ausflugdampfers zu vermessen. Ein absurdes Unterfangen und ein aufsehener­regendes Ereignis für San Lorenzo: Mario ist nicht nur der erste Fremde seit langer Zeit, sondern zugleich Verkörperung des Versprechens, das Kaff aus seiner Bedeu­tungslosigkeit zu reißen. Doch Mario be­kommt es weniger mit der Zukunft, als vielmehr mit der Gegenwart und der Ver­gangenheit zu tun. Wenn er am Ende San Lorenzo verläßt, ist die Hoffnung auf den wirtschaftlichen Aufschwung dahin und ein dunkles Geheimnis aufgedeckt.
Es ließe sich darüber streiten, ob und inwieweit Zeit der Flamingos nun ein (Spät‑/Post‑/etc.‑)Western ist oder nicht. In jedem Fall bedient sich Capellaris Film der Western-typischen Dichotomie Fremder versus Gemeinschaft. Der fremde Einzel­gänger wird dabei zum Indikator der Herr­schaftsverhältnisse und der sozialen und ethischen Sollbruchstellen eines zunächst intakt scheinenden Mikrokosmos. Mit dem Eintreffen des Fremden gerät die Gesell­schaft genau dort ins Wanken, wo sie ei­gentlich jeden Zweifel abwehren müßte. So entpuppt sich das Verschwinden eines alten Indianers, der von seiner Toch­ter Rosa (Luise Calcumil) verzweifelt ge­sucht wird, als lokales Politikum. Die Spur des Indianers führt zu einem von den Dorf-Honoratioren geschmiedeten Komplott, das durch die Witwe Gloria (Angela Mo­lina), in die sich Mario verliebt, aufgedeckt wird. Die erschütternste Entdeckung: die schauerliche Normalität eines sozialen Gefüges, das zwölfjährige Mädchen zu Sexsklavinnen alter Männer heranzüchtet. Wir hören von Glorias Vergangenheit und beobachten das junge Mädchen Juanita (Yesica Cortinez), das den Despoten Amado (Patricio Contreras) heiratet. Die beiden sind über die Alltäglichkeit des sexuellen Mißbrauchs aneinander gebun­den, der zum Selbstverständnis der Ge­meinschaft gehört. Das Dorf selbst wird schließlich zur Hauptfigur. Gewalttätigkeit liegt über allem, und kaum eine Beziehung zeugt von Liebe – bald wirkt San Lorenzo wie aus einem Peckinpah-Film entsprun­gen. Einzig der schwule Javier (José Fabio Sancinetto), der Ausgestoßene der Macho­kultur, scheint Widerstand leisten zu wollen.
Was anfangs wie ein lakonisch liebe­volles Porträt der wüsten Schönheit Pata­goniens erschien – zu dem die eintreffen­den Flamingos so wenig zu gehören schei­nen wie der erwartete Ausflugsdampfer, wird zusehends zu einem radikalen und beklem-menden Einblick in die Gemein­schaft, an dessen Ende ein Ausbruchsver­such steht. Daß das treffende Original Sin Querer („Ohne Liebe“) dem romantisie­renden deutschen Verleihtitel weichen mußte, hat so wenigstens den Vorteil, diese Bewegung des Films nicht vorwegzu­nehmen.
Jan Distelmeyer
epd Film 6/97