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Schwarze Sonne

Schwarze Sonne

Was wissen wir von nordischen Mythen, germanischen Kultstätten oder dem Ursprung der Runen? Themen, die nach dem Ende der Naziherrschaft tabuisiert sind, der deutsche Faschismus hatte zuviel Schindluder damit getrieben, nicht zuletzt seinen Rassenwahn aus okkulten Deutungen überlieferter Legenden und Symbole hergeleitet. Der Film leistet Pionierarbeit. Seine Recherche erstreckt sich auf die esoterischen Quellen der Nazis, auf die „Rassenforschung“ der SS, auf die Architektur des Dritten Reichs mit seinen „Lichtburgen“, seiner Ahnengläubigkeit. Er schlägt aber auch einen Bogen in die Gegenwart, fragt nach Gründen für das aktuelle Interesse an Esoterik, Mystik und Magie. – Sehenswert.

„Die blöde Genußsucht hat die Seelen kaltgelassen. In allen Schichten gibt es Menschen, die eine Sehnsucht haben, aus allem Verstandesmäßigen herauszukommen. Sie empfinden die ganze Zivilisation von heute als Kälte und Finsternis.“ Ein Statement über die Hintergründe des aktuellen Esoterikboooms? Nein – ein Zitat aus einer völkischen Zeitschrift von 1924 und ein Schlaglicht auf die mythologischen Hintergründe des Nationalsozialismus, die Regisseur Rüdiger Sünner in seinem Dokumentarfilm Schwarze Sonne“ beleuchtet. Tatsächlich gab es im Vorfeld der Nazi-Bewegung in Deutschland einen weitverzweigten spiritistisch-mystischen Boom, dem unter anderem Adolf Hitler, Rudolf Heß und Heinrich Himmler anhingen. Der Glaube an eine arische Rasse, die auserwählt sei, die Welt vom Minderwertigen zu reinigen, Phantasien über versunkene Kontinente wie Atlantis und Thule sowie die Deutung von germanischen Runen als „älteste Schrift der Welt“ kumulierten zu einem Theoriegemisch, mit dem später Weltkrieg und Judenvernichtung gerechtfertigt wurden. Den Nazis gelang es, sich die Sehnsucht weiter Bevölkerungsteile nach spiritueller Heimat und geistigen Führern perfekt für ihre Ziele dienstbar zu machen. Imponierende nächtliche Fackelzüge, als heidnische Kulthandlungen inszenierte Massenkundgebungen, die Darstellung der SS als „heiliger Orden“ – alles Belege für Ernst Blochs These, daß die Nazis die Massen begeisterten, weil sie „die besseren Bilder“ hatten …

Rüdiger Sünner hat in seinem Dokumentarfilm Beziehungen aufgedeckt, an die sich die offizielle Geschichtsforschung bisher noch kaum herangewagt hat. Ist es die Tatsache, daß Mythen heute noch eine Faszination ausüben können, ist es Angst vor einer möglichen Macht von Mythen? Ist es die wissenschaftliche Scheu vor einem Thema, das sich gegen ein streng rationales Herangehen wehrt, dort wo die suggestive Wirkung von Bildern und Symbolen auf die menschliche Psyche untersucht werden müßte? Ist unser eigener, heutiger, Begriff von Wissenschaft, Aufklärung und Modernität letztendlich der gleiche beschränkte, der die wissentliche Verdrehung von Mythen zu unlauteren Zwecken erst ermöglicht hat? Brauchen wir Mythen? Und können wir unsere eigene germanische Vergangenheit heute besser, ‘heller’ deuten?
Rüdiger Sünners Film wirft viele Fragen auf, zu deren Beantwortung wir tief in uns selbst forschen müssen. Die Aufdeckung der Zusammenhänge oder aber Nicht-Zusammenhänge zwischen Germanentum und Nationalsozialismus bringt nicht nur Licht in ein kaum nachvollziehbares Kapitel der jüngeren Geschichte, sondern kann auch dazu dienen, im Angebot von aktuellen Heilslehren und Segensversprechungen Aberwitz und Gefahr rechtzeitig zu erkennen.