Jeden Frühling machen sich vier Männer der Dropkas, eines Nomadenvolkes in Nordtibet, mit ihren Yaks auf den beschwerlichen Weg nordwärts, um in einem der bodenschatzreichsten Gebiete der Erde Salz zu schürfen: Das weiße Gold Tibets. Geprägt vom tibetischen Buddhismus und den fast unwirklich scheinenden Naturgewalten, zeugt ihre Art zu reisen, zu leben, mit den Bodenschätzen umzugehen vom tiefen Respekt vor der Natur, von lebendiger Kultur und Religion. – “Ein wunderschönes und wichtiges Denkmal für Menschen, deren Lebensweise vielleicht schon heute Vergangenheit ist.” (Tagblatt Zürich)
Wo die Luft fast zu dünn ist zum Atmen können nur Yaks durchatmen und jene Menschen, die mit der Atemtechnik der Buddhisten vertraut sind. Die Drokpas zum Beispiel, Hirtennomaden im nördlichen Tibet, die sich über Generationen an das unwirtliche Klima im Himalaya-Hochland anpassen konnten. 4.500 Meter über dem Meeresspiegel haben sie ihre Zelte aufgeschlagen und ihre Opferstätten errichtet. Nur das Feuer will nicht recht brennen im Wind und verlegt sich auf bloßes Rauchen. Eintönig fegen die Böen durch die Leere der Landschaft, reißen Wolken auf und schieben sie wieder zusammen: ein endloser Himmel über braunem Gras und weißen Gipfeln. Ulrike Koch hat es unternommen, die Tradition der Drokpas zu dokumentieren, bevor die moderne Zivilisation dem Nomadenvolk die natürlichen Ressourcen streitig macht. Dabei ging es der Filmemacherin vor allem um die „Salzmänner“, jene auserwählte Schar, die Jahr für Jahr im Frühling zu den Salzseen aufbricht, um dort „weißes Gold“ zu schürfen. Acht Jahre lang hat die studierte Sinologin und Ethnologin an ihrem Film gearbeitet: hat recherchiert, Vertreter des Bergvolkes aufgestöbert und das Vertrauen dieser Menschen gewonnen, die ihren rituellen Salzabbau streng geheimhalten. Denn die Göttin des Salzsees ist eifersüchtig. Um sie nicht zu erzürnen, ist es nötig, jene Regeln zu befolgen, die sich seit Menschengedenken unter den Drokpas weitervererbt haben. Drei Monate sind die Männer insgesamt unterwegs, wobei zwei von ihnen, „Magren“ und „Pagren“ benannt, sich um die Schar kümmern. Gemütlich ist diese Reise nicht: Eisiger Wind zerrt am Großzelt, Schnee bedeckt den Rücken der Ponys, und wenn der „Herr der Tiere“ kein Weideland findet, fressen die Yaks womöglich Sand und siechen an einer Darmverschlingung dahin.
Hinter der Felsformation „Steinerne Ziege“ beginnt der heilige Bezirk des Salzsees. Niemand außer dem „Magren“ darf in der Nähe der Salzgöttin mit einer Frau schlafen, sonst gibt der See womöglich sein Salz nicht mehr her. Auch bestimmte Worte sind nun tabu. Eine geheime „Salzsprache“ grenzt alle Uneingeweihten aus, sogar die Frauen der Salzmänner. Vor und nach ihrem Schürfwerk beschwichtigen die Salzmänner die „Lhamas“, Geister und Götter des Landes, mit rituellen Gesängen. Dazwischen rackern sie so, dass man vom bloßen Zuschauen müde wird. Die Salzschicht wird mit Schabern und Kegeln zusammengekehrt, zu einer imposanten Halde gehäuft, dann in Säcken an Land getragen, ausgeschüttet, getrocknet und so akkurat in andere Säcke vernäht, dass Schnee oder Graupel die Salzkristalle nicht lösen kann. Zum Abschied werden der See-Göttin noch ein paar winzige Yaks aus geknetetem Teig offeriert.All dies erzählt Ulrike Koch mit der Kamera, ohne selbst zu kommentieren. Zu hören sind nur die (deutsch untertitelten) Stimmen der Drokpas. Doch wenn die Männer in ihre „Salzsprache“ verfallen, lassen sich die Hieroglyphen am unteren Bildrand nur noch von Eingeweihten dechiffrieren. Da die Filmemacherin jeden Kommentar verweigert, bleibt manche Frage offen. Und doch: Zwischen Landschafts-Totalen und Nahaufnahmen im Zelt fängt die Kamera das Nötigste ein: leuchtende Augen, zerfurchte Gesichter, rissige Hände, speckige, aber wärmende Kleider, kurzum: Zeugnisse eines entbehrungsreichen Lebens, das sein Geheimnis noch nicht verloren hat.
Eine berühmte „Gesar“-Sängerin gibt dem Zuschauer einen dramaturgischen Leitfaden in die Hand: das gleichnamige Epos. Träger kultureller Identität in Tibet. Wer sich dieser Identität nähern will, muß sich vor allem auf den ungewohnten Rhythmus des Dokumentarfilms einlassen: Achtsam, doch ohne Aufhebens folgt er dem Wind, macht den Zuschauer erst kribbelig, bevor sich dieser der fremden Raum- und Zeitdimension ergibt und die gleichmütige Ruhe genießen kann.
Claudia Schülke
epd Film 10/97
