Die Geschichte, die SALT OF THE EARTH erzählt, ist authentisch, der Bericht eines vierzehn Monate langen Streiks, mit dem 1950 in Silver City mexikanisch-amerikanische Bergarbeiter nach einem Grubenunglück für mehr Sicherheit und gerechtere Bezahlung demonstriert und ihr Ziel erreicht hatten. Sie kämpfen auch gegen die Diskriminierung der Mexikaner-Amerikaner und damit der Rassen überhaupt.
Daß dabei nicht nur die Arbeitgeber diese Diskriminierung in ihre Taktik einbeziehen, sondern auch die streikenden Gewerkschafter Unterschiede machen, das ist ein Beispiel für die große Ehrlichkeit, durch die sich dieser Film auszeichnet, der eben kein Klischee von Arbeiterheroen kultiviert, sondern auch hier realistisch bleibt.
Am deutlichsten zeigt sich die Ehrlichkeit aber im dritten – fiktiven – Handlungsstrang, in dem es um die erstaunlichste Emanzipation geht: um die Befreiung der Frau in einer Gesellschaft von Männern. Der Film wird nicht von einem der beteiligten Männer erzählt, sondern von Esperanza, der Frau des Arbeiters Ramon. Die Männer haben kein Recht mehr, das große Wort zu führen. Sie haben zwar gelernt, für ihre Befreiung zu kämpfen, in ihren Familien aber, ihren Frauen gegenüber, sind sie selbst Ausbeuter. In SALZ DER ERDE wird gezeigt, wie ihnen das abgewöhnt wird und daß ihnen das abgewöhnt werden muß. Es sind in diesem Film die Frauen, die den Streik gewinnen und durch ihn neues Selbstbewußtsein, Freiheit und Gleichberechtigung.
In der Art, wie beispielsweise die Geschichte von Ramon und Esperanza entwickelt wird, im Witz und der Heiterkeit, mit der hier Lernen sich abspielt, wie Sympathie geweckt wird: darin liegt auch der Unterschied zwischen SALZ DER ERDE und vielen in letzter Zeit verbreiteten Arbeiterfilmen. Nichts ist hier von verbaler Agitation, von sturem Dogmatismus, alles wird in Bildern, in Geschichten und nicht in Thesen entfaltet. Bis heute ist dieser Film ein „unerreichtes Vorbiid für die Verbindung von Dialektik und Sinnlichkeit, von Agitation und Konkretheit“.
(Wolfgang Limmer, Süddeutsche Zeitung, München,12./13.8.1972)
Mit dem amerikanischen Film „Salz der Erde“ von Herbert J.Biberman hat das Forum einen Klassiker des sozial-kritischen Films entdeckt, der freilich auch in jedem Kinoprogramm glanzvoll bestehen könnte. „Salz der Erde“ ist ein erzählender Spielfilm: die Geschichte der Ehe eines mexikanischen Bergarbeiters, der in den Südstaaten der USA arbeitet und sich an einem Streik beteiligt. Das Rassenproblem, die Emanzipation der Frau und der Kampf am Arbeitsplatz spiegeln sich in der Beziehung des Ehepaares, immer weitere Bereiche ihres Privatlebens werden von den politischen Problemen durchdrungen, bis endlich der einzelne zur Solidarität fähig wird.
Bibermans Film rekonstruiert einen Streik, der sich im Jahre 1950 tatsächlich ereignet hat. Durch ein Grubenunglück ausgelöst, hat dieser Streik vierzehn Monate gedauert und den Arbeitern schließlich zur Durchsetzung ihrer Forderungen verholfen. Die Dreharbeiten und schließlich die Aufführung des 1953 gedrehten Films sind in den USA mit vielen Mitteln zu verhindern versucht worden. Nur ein Kino in New York wagte ihn zu zeigen, wo er immerhin volle neun Wochen lief.
Als Vorbild kommt innerhalb der amerikanischen Filmkunst vor allem John Fords Spielfilm „Die Früchte des Zorns“ in Frage. Wie Biberman hat auch Ford stilistisch von den sozialkritischen Fotoreportern aus der Zelt der großen Wirtschaftkrise (etwa Dorothea Lange) gelernt. Im Gegensatz zu Ford hat Biberman seinen Film freilich weitgehend von Laiendarstellern gestalten lassen. Und genau dies macht ihn heute zum Vorbild vieler jüngerer Regisseure. So etwa hat der Franzose Marin Karmitz erklärt, daß „Salz der Erde“ für ihn ein wichtiges Vorbild für seine eigenen Filme gewesen sei. Karmitz, der sich seit dem Pariser Mai des Jahres 1968 um eine neue Form des politischen Films bemüht, hat mit „Coup pour coup“ (Schlag auf Schlag) versucht, kollektiv einen Film herzustellen: Arbeiterinnen wurden auf dem Arbeitsamt angeheuert, um Arbeiterinnen zu spielen, und das wichtigste: sie selbst durften Drehbuch, Regie und Schnitt mitgestalten. Gezeigt wird ein spontaner Streik in einer französischen Textilfabrik, wobei die Arbeitgeber von den Arbeiterinnen eingesperrt werden – mit Erfolg. Wenngleich dieses Verfahren in Frankreich tatsächlich in den letzten Jahren mehrfach praktiziert wurde, will der Film doch kaum Anleitung zum Handeln sein. Als eine Art politisches Märchen wäre er angemessener charakterisiert. In Frankreich hat es heftige Ideologische Auseinandersetzungen um den Film gegeben, denn der Appell an die spontane Einzelaktion ist von den Gewerkschaften zu Recht als Angriff auf ihre Taktiken gedeutet worden. Der Film hat in Frankreich ein größeres Publikum erreicht, was durchaus verständlich wirkt, da er die Arbeiterinnen durchaus so zeigt, daß kein reiner „Arbeitsplatzfilm“ entstanden ist, sondern jeder Zuschauer an eigene Erfahrungen anknüpfen kann. Damit nimmt der Film von Karmitz eine Mittelstellung ein zwischen jenen Werken, die (wie „Salz der Erde“ oder auch die italienischen Neorelisten) ihre Sozialkritik in die Dramaturgie des Spielfilms binden und jenen, die nur noch reine Arbeitsplatzanalyse sein wollen.
Besonders hierzulande sind derartige Filme in den letzten Jahren zahlreich entstanden, wobei allerdings in letzter Zeit eine Hinwendung zu Spielfilmelementen zu beobachten war. „Wir haben das früher versucht, mit dokumentarischen Mitteln unsere Probleme darzustellen, damit sind wir nicht weitergekommen“, hat Christina Perinciolo kürzlich diese Abwendung vom reinen Dokumentarfilm zusammengefaßt. Die Regisseurin hat mit ihrem Film „Für Frauen; erstes Kapitel“ ein erstes Beispiel für nachgespielte Arbeitsplatzsituationen geboten. Inzwischen gab es mit Winkelmann/ Büttenbenders „Streik bei Piper und Silz“ auch den ersten Versuch, eines Kurzspielfilms aus der Arbeitswelt. Wer freilich gehofft hatte, aus diesen Ansätzen würde sich schon bald ein sozialkritischer deutscher Spielfilm entwickeln, sieht sich vorerst enttäuscht: Christian Ziewers „Liebe Mutter, mir geht es gut“ analysiert einen gescheiterten Streik, verzichtet jedoch fast ganz auf Einbeziehung des Privatlebens der gezeigten Arbeiter und damit auch auf die Dramaturgie des Kinospielfilms. Die formalen Qualitäten von Ziewers „Liebe Mutter…“ sind unbestritten. Ob allerdings diese Arbeit über die Gattung des politischen Zielgruppenfilms hinausweist, ist die Frage.
(Wilfried Wiegand in FAZ vom 1.7.1972)
In diesem von der amerikanischen Minenarbeitergewerkschaft finanzierten und von einer Gruppe linker Filmemacher gedrehten halbdokumentarischen Film spielen mexikanische Arbeiter den Streik nach, mit dem sie für mehr Sicherheit und die gleiche Bezahlung wie ihre amerikanischen Kameraden kämpften; nachdem die Polizei eingegriffen hatte, führten die Frauen den Streik bis zum Erfolg weiter. Ein Dokument von überzeugendem Einsatz für die Gleichberechtigung der Geschlechter und der Rassen. (aus: Lexikon den Internationalen Films) „Das Salz der Erde“ gehört zu den bemerkenswertesten US-Filmen der fünfziger Jahre. Er wurde, damals eine regelwidrige Ausnahme, ohne Hollywood-Geld, aber mit gewerkschaftlicher Unterstützung gedreht. Zudem entstand der Film mitten im Kalten Krieg, mitten während einer hysterischen Kommunistenjagd in den USA, von der sich die Hollywood-Studios zu Schwarzen Listen anregen ließen. Wer auf diese Liste geriet – es genügte, als „Linker“ zu gelten oder gar als Kommunist denunziert zu werden – war praktisch und das oft für lange Zeit arbeitslos. Bibermans Name stand schon auf diesen Listen, als dieser Film produziert wurde. „Das Salz der Erde“ basiert auf einem authentischen Fakt: dem vierzehn Monate langen Streik der Minenarbeiter von Silver City, der dank der Beteiligung der Frauen der Minenarbeiter gewonnen werden konnte. Bibermans Film verbindet dramaturgisch geschickt den Arbeitskampf mit dem Rassenproblem und den Emanzipationsbestrebungen der Frauen. Was an diesem Film heute noch fasziniert, ist der dokumentarische Charakter der Inszenierung. Nur wenige Hauptrollen wurden mit professionellen Schauspielern besetzt; der größte Teil des Teams sind Amateure, sind Minenarbeiter, die ihr eigenes Leben vor der Kamera spielten. Für Biberman bedeutete dieser Film den finanziellen Ruin. Kein Kino wollte den brisanten politischen Film spielen; selbst die Zeitungen lehnten es ab. Werbeanzeigen zu veröffentlichen. Die Schauspielerin Rosaura Revueltas fand kein Engagement mehr, und einige der gewerkschaftlich organisierten Mitarbeiter des Films bezahlten ihre Teilnahme mit Geifängnisstrafen.
Erst zehn Jahre nach seiner Entstehung kam „Das Salz der Erde“ auch in amerikanische Kinos, nachdem er in einigen Ländern Westeuropas zu sehen war und 1955 in Paris mit dem „Etoile de Cristal“ ausgezeichnet wurde. Im Westdeutschen Fernsehen wurde der Film 1972 für die Bundesrepublik erstaufgeführt. (Aus: WDR Information, 49. Woche 1980, 6.12.80/21:00)
