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Sainkho

Sainkho

Eigentlich ist die spezielle Form des schamanistischen Obertongesangs in Tuwa nur Männern vorbehalten. Sainkho Namtchylak, Sängerin und Performerin aus der zentralasiatischen Republik Russlands, hat das geändert. Sie hat sich nicht nur zuhause gegen alle erdenklichen Widerstände durchgesetzt und als Frau den “Klang der tuwinischen Steppe” ersungen, sondern ist heute weltweit bekannt und ein Star der Weltmusik. Regisseurin Erica van Moeller und ihr Kameramann Hajo Schomerus haben Sainkho bis nach Tuwa begleitet und ein einfühlsames Porträt der Künstlerin gezeichnet.

a voice on the edge

Der Film

Die Orte: Ein barocker Konzertsaal in England, ein etwas heruntergekommener Club in Rom, ein staubiger Dorfplatz am Ende der Welt. Die Musik: Jazz, Pop und Drum’n Base. Die Frau: Ein Stimmwunder, ein Energiebündel, eine Verletzte, eine Großmutter und Freundin.

Wer Sainkho Namtchylak das erste Mal in diesem Film hört, wie sie mit ihrer Stimme einen Raum öffnet, wie sie vom Flüstern unvermittelt in einen Schrei wechselt, wie sie Obertonklänge an Scatgesang reiht, der ahnt, daß sich in ihrer Person mehr als nur Musikstile begegnen.

„Sainko“, der erste Dokumentarfilm von Erica von Moeller, stellt die Sängerin vor, die aus der Tuva, einer Republik an der Grenze zur Mongolei kommt. Kaum 20, zieht es sie nach Moskau kam, begegnet dort dem Jazz, der sie im Westen Europas bekannt machte, in dem sie von Avantgarde-Musikern aller Fraktionen geschätzt wird. Eine Reisende in Sachen Weltmusik, die sich von den sie umgebenden Räumen immer wieder zu ganz eigenen Klangexperimenten inspirieren lässt. Eine nervöse Forscherin des Klangs der menschlichen Stimme. Eine ungeduldige Lehrerin ihrer heimatlichen Gesangstechnik.

„Sainkho“ ist ein Reisefilm, der die Stationen einer typischen Konzert-Tournee aufsucht und der am Ende staunend mit seiner Protagonistin in ihre Heimat zurückkehrt. Es ist ein Konzertfilm, der ihre bewegenden Auftritte an den unterschiedlichsten Orten dokumentiert und ihr improvisierendes Zusammenspiel mit ihrer Band und Freunden festhält. Es ist ein filmisches Porträt, das in seinen zurückhaltenden Beobachtungen und abwartend tastenden Gesprächen etwas von der Geschichte der Musikerin zu erspüren versucht.

„Sainkho“ ist zusätzlich noch etwas anderes. Der Film ist das Dokument der Suche einer Entwurzelten, die sich in der Stimme und der Erscheinung der Sängerin hörbar und sichtbar entfaltet. Es ist Recherche nach den Elementen, aus denen sich die Vielfalt ihres musikalischen Ausdrucks zusammensetzt. Das Aufzeigen eines Lebenswegs, der seiner Protagonistin viele Opfer abverlangt hat. Er ist der Versuch, einer Frau nahe zu kommen, die sich allein mit ihrer Stimme jeder Zeit Abstand verschaffen kann.

Der Film bleibt auf Distanz und sieht doch genau hin. Er registriert staunend, wie die Sängerin behauptet und sich ihr fremde Welten erobert. Er nähert sich der Frau der vielen Perücken und der unterschiedlichen Gesichter an, lässt manches von dem erahnen, was sie durchmachte und durchmacht, und gewährt ihr doch ihr Geheimnis. Und er spiegelt Glücksmomente wider, wie sie nur großen Künstlern gelingen und gewährt werden: wenn das improvisierende Zusammenspiel sich in einer Ekstase wechselseitig stimulierender Klänge entlädt, wenn der Auftritt als Rückkehr der heimischen Künstlerin gefeiert wird, wenn die Nomaden der tuvinischen Steppe gelassen der Musik zu hören, die mit Sainkho Namtchylak von hier aus in die Welt zog.

a journey of extremes

Sainkho Namtchylak

Sainkho Namtchylak wurde in einer kleinen Goldgräber-Stadt in der ehemals sowjetischen Republik Tuva, nahe der mongolischen Grenze, geboren. Ihre Großeltern waren Nomaden, beide Eltern Lehrer. Sainkho studierte Musik an der Musikhochschule in Kyzyl, bekam später allerdings keine Berufserlaubnis. Deshalb ging sie nach Moskau, studierte Gesang am Gnesin Institut und beendete dort ihr Musikstudium.

Zur gleichen Zeit lernte sie verschiedene Gesangstechniken der lamaistischen und schamanistischen Tradition Sibiriens, sowie den tuvinischen und mongolischen Oberton-Gesang. Ihre berufliche Laufbahn begann sie als Sängerin im Ensemble „Sayani“, dem staatlichen tuvinischen Folklore-Ensemble, mit dem sie auch auf Tourneen nach Europa, Australien, Neuseeland, USA und Kanada ging.

Seit 1988 arbeitete Sainkho mit Jazzmusikern in der Soviet-Union zusammen und versuchte, traditionelle ethnische Elemente mit den Klängen der Avantgarde zu verschmelzen. Sie wurde Mitglied des international renommierten Ensembles Tri-O. Mongolischer Oberton-Gesang war zwar im Westen schon bekannt, aber mit Sainkho und Tri-O verließ er die esoterische Ecke und das WeltMusik-Reservat. Ihre Musik stand für Stärke, Vitalität, Sensitivät und Gefühl. Ihre ersten Auftritte im Westen führten sie 1990 auf das Jazzfestival nach Münster und nach Ulrichsberg.

Sainkho übersiedelte in den Westen, arbeitete mit zahlreichen Künstlern, unternahm Tourneen durch viele Länder und trat auf diversen Festivals auf.

Mit ihrer Fähigkeit, kulturelle Welten miteinander zu verbinden, ist Sainkho mittlerweile eine der bekanntesten Botschafterinnen ihres Landes, doch in Tuva wird sie deshalb nicht von allen akzeptiert. Einer der Gründe dafür ist sicherlich, daß Oberton-Singen traditionell Männern vorbehalten ist. Ein weiterer Grund liegt wohl darin, dass sie die Tuva verließ, um im Westen zu leben – ein Schritt, der der überwiegenden Mehrheit der Tuviner nicht möglich ist.

Erica von Moeller: Ich kannte Sainkho von einem alten CD-Cover: eine rundliche, asiatische Frau mit langen, schwarzen, hochtoupierten Haaren. Wer da kam, war eine zierliche Person mit kahl rasiertem Kopf und viel zu weiten Raver-Hosen. Zerbrechlich schaut sie zwischen den breitschultrigen Europäern aus.
Wir treffen uns auf dem Bahnhof. In der schäbigen Eckkneipe gibt es nur Bier oder Wasser. Sie ein Bier, ich ein Wasser. Über ein pinkfarbenes Plastikblumengesteck hinweg erzählt sie mir einen Traum. Dann springt sie auf, weil ihr einfällt, dass sie zum Soundcheck muss. Ich hätte sie gerne noch gefragt, ob sie mit mir einen Film machen will.

Während des Konzertes bin ich fassungslos, fasziniert, gebannt. Auf der Bühne ist sie pure Energie. Ohne Körper. Scheinbar. Sie schreit und krächzt, flüstert und gurrt, säuselt und lallt. Ihre Stimme mal übernatürlich hoch dann ebenso extrem tief, mal glatt und gebrochen, mal sauber und schrill. Sie schmiegt sich ein in elektronischen Beats und Sounds und erfindet dabei ihr eigenes Klanguniversum zwischen Pop, Ambient und Drum’n Base. Sainkho lebt die Extreme. Auf der Bühne und ihrem Leben.

Unsere Reise hat dann über zwei Jahre gedauert. Eine Reise zwischen Kontinenten und Konzertsälen, im Kreis der Familie und in der Einsamkeit ihres winzigen Appartements in Wien. Eine Reise, die viele Fragen aufwarf nach Identität, Inspiration und Heimat, nach Vorstellungen von Familie und Zusammenleben, nach ihrem Selbstverständnis als Künstlerin. Ich bin Sainkho hinter den zahlreichen Facetten näher gekommen.

Erica von Moeller

Erica von Moeller, Regisseurin
*1968 in Wiesbaden
Nach ihrem Studium für Freie Bildende Kunst in Mainz bei Prof. Harald Schleicher belegte Erica von Moeller 1998 den postgraduierten Studiengang an der Kunsthochschule für Medien Köln.

Sainkho ist ihr erster abendfüllender Dokumentarfilm

Preise
1997
Förderpreis der Stiftung Vordemberge – Gildewart
Förderpreis für Bildende Kunst der Stadt Mainz

1999
Gutenberg Förderpreis
Emmy – Röder – Preis H.-W.- Geissendörfer Nachwuchsförderpreis

2000
Staatskunstförderpreis des Landes Rheinland-Pfalz

Filmographie
1996
Pi-rouette, 7 Min.,16 mm

1997
selbstmontage
1.Preis Filmbüro Rheinland Pfalz

1999
mariemarie 15 Min,35 mm
MFG Nachwuchsförderpreis

2000
Von einem Sommer Spielfilm, 15min., 35mm,

2002
Sainkho Dokumentarfilm, 80min, 35mm

Titus Kreyenberg, Produzent
* 1961 in Hamburg
Arbeitete als Regieassistent, Produktionsleiter und Produzent, in Deutschland, Israel, Frankreich und England. Produzierte div. Fernsehspiele, Fernsehserien, Dokumentarfilme und Videoinstallationen. Seit 1999 Produzent bei der Colonia Media – hier u.a. zuständig für die preisgekrönte Serie „Der Fahnder

Hajo Schomerus, Kameramann
* 1970 in Hannover
Nach einem einjährigen Studienaufenthalt in Japan, studierte Hajo Schomerus ab 1995 an der FH in Dortmund bei Axel Block und Adolf Winkelmann Kamera. Sein Studium führte ihn an das „Anthology Film Archive“ in New York sowie an das „Film and Television Institute of India“ in Pune.

Filmographie (Auswahl)

4 Minuten 3sec
Regie: Carolin Schmitz
2000, exp. Dokumentation, 16mm
2. Preis im dt. Wettbewerb Oberhausen 2000

Silverstar
Regie:Flöter/Siepmann
2000, Kurzspielfilm,Super35
Publikumspreis Kurzfilmtage Hamburg 2000
Murnau-Preis 2001
nominiert für den Dt.Kamerapreis 2001

groundspeed
Regie: Luzia Schmid
2000, Dokumentation, Video
„First Steps“ Dokumentarfilmpreis 2001

Narren
Regie: Tom Schreiber
2002; Kinofilm 90min.
Roadmovies und WDR