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Protokoll über Chile (Teil 4) – Die entfachte Flamme

Acta General de Chile

Unter falschem Namen kehrt der exilierte Regisseur Miguel Littin in seine Heimat zurück und dreht heimlich einen Film. Das Ergebnis dieses riskanten und spektakulären Unternehmens ist die bisher umfangreichste Bestandsaufnahme der chilenischen Militärdiktatur. – Teil 4

1985 kehrte Miguel Littin, einer der profiliertesten chilenischen Regisseure, für sechs Wochen illegal in sein Land zurück, das er seit seiner Flucht 1973 nicht mehr hatte besuchen können, weil er zu den rund fünftausend vom Regime geächteten Personen zählt. Doch er wollte keine Reise in die Erinnerung unternehmen, sondern aus der Nähe untersuchen, was er aus der Ferne bekämpft hatte: die Diktatur Pinochets. Das Projekt wurde generalstabsmäßig vorbereitet. Littin verwandelte sein Äußeres und nahm die Identität eines Uruguayers an, der einen Werbefilm drehen will. Für die Aufnahmen hatte er drei Filmteams aus Holland, Frankreich und Italien geholt, die offiziell andere Aufträge als in Wirklichkeit besaßen. Hinzu kamen für spezielle Aufgaben sechs Filmgruppen des chilenischen Widerstands.

Das Ergebnis dieses riskanten und spektakulären Unternehmens ist die bisher umfangreichste filmische Bestandsaufnahme der chilenischen Militärdiktatur. In vier Teile ist das Material gegliedert:

1. Miguel Littin illegal in Chile – erste Eindrücke und erste Fragen

2. Hoher Norden: als ich durch die Pampa ging – die Lage in der Bergwerksregion, wo sich die Geschichte des Landes immer entschieden hat

3. Von der Grenze ins Innere Chiles: die entzündete Flamme – die Probleme des Exils, die Haltung der Jugend, die Spuren Nerudas, der bewaffnete Widerstand

4. Allende: die Zeit der Geschichte – der Präsident, der immer noch regiert

Das chilenische Volk hat keine Stimme, keine Organisation, die seine Interessen kundtun oder wahrnehmen könnte – kaum verwunderlich nach zwölf Jahren Militärherrschaft. Miguel Littins Dokumentation stellt so eine Art Sprachrohr für diese Menschen dar. Gehört werden sie natürlich nur im Ausland, nicht in Chile selbst, wo man bereits 15.000 Exemplare des Buches verbrannte, das aus dem Film, aus Littins Reise und durch die Feder des Schriftstellers Gabriel Garcia Marquez entstanden war.

Unter verwegenen Umständen, gewissermaßen ‚under cover‘, ist der 1973 geflohene Dokumentarfilmer Littin 1985 nach Chile zurückgekehrt, um eine umfangreiche filmische Bestandsaufnahme der politischen, wirtschaftlichen und ’seelischen‘ Situation seines Landes zusammenzustellen. Mit nur wenigen eigenen Kommentaren und Eindrücken verbindet er die Berichte der Befragten zu einem vitalen Bild Chiles. (Angelika Kaps, Der Tagesspiegel, Berlin, 3. März 1987)