Rund um das AKW Tschernobyl wurde nach der nuklearen Katastrophe von 1986 eine 30-km-Sperrzone errichtet, aus der 116.000 Menschen ausgesiedelt wurden. „Pripyat“ ist das Porträt jener Menschen, die 12 Jahre nach dem Unfall nach wie vor oder wieder dort leben und arbeiten. Wie gehen die Menschen, die sich dort aufhalten, mit der unsichtbaren und unbegreifbaren Gefahr Radioaktivität um? Wie werden sie mit den Folgen eines Unfalls fertig, der laut Statistik so unwahrscheinlich war. Vier Protagonisten kommen zu Wort und geben Einblick in den Alltag in „ihrer“ Zone. Der Regisseur Nikolaus Geyrhalter sagt: „Ich konzentriere meine Arbeit gerne auf Menschen, auf Einzelschicksale. Ich versuche, Geschichte anhand von Individuen zu erzählen. Der Film darf gerne als leiser Beitrag zur laufenden Atomenergiedebatte verstanden werden.“ – Dokumentarfilmpreis des Bayrischen Rundfunks.
Hintergrundinformationen
Insgesamt sind in der ehemaligen Sowjetunion 9 Millionen Menschen, darunter 3 Millionen Kinder, von der Katastrophe betroffen. 800.000 Menschen waren als „Liquidatoren“ an den Aufräumungsarbeiten im AKW Tschernobyl und am Bau des Sarkophags beteiligt. Von diesen sind ca. 5-10 % heute nicht mehr voll arbeitsfähig.Umsiedlung1986 wurden aus der Sperrzone 116.000 Menschen evakuiert. In den Jahren 1990 bis 1995 wurden in der Ukraine 53.000 Bewohner verseuchter Gegenden umgesiedelt, in Weißrußland 107.000 und in Rußland 50.000. Gravierende soziale und ökonomische Probleme sind die Folge. Verlust der Wohnung, Arbeitslosigkeit und fehlende soziale Integration führen wiederum zu psychischen Erkrankungen, weshalb bestimmte Krankheitsbilder von offizieller Seite eher dem Faktor „Streß“ zugeschrieben werden als der Verstrahlung. Gesundheitliche FolgenDie gesundheitlichen Folgen sind sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen, insbesondere bei den evakuierten Menschen und der Gruppe der Liquidatoren zahlreich: akute Strahlenkrankheit, Schilddrüsenkrebs, Leukämie, Herz-Kreislauferkrankungen, Krankheiten der Atmungsorgane, Störungen des Immunsystems. Insgesamt erkranken die Menschen öfter. Die Sterberaten steigen. Genetische Defekte und psychische Folgen werden öfter registriert. Nach Angaben der UNO leiden 75 % der Menschen, die in kontaminierten Gebieten leben, an Depressionen. Es gibt allerdings keine umfassenden Datenerhebungen (z.B. über die erhaltene Strahlendosis), die eindeutige Aussagen ermöglichen.
Interview mit Nikolaus Geyrhalter
Warum Tschernobyl nach Bosnien?
Um es gleich vorwegzunehmen: Ich interessiere mich nicht nur für die hoffnungslosen Umgegenden auf dieser Welt, aber was Tschernobyl und Bosnien verbindet, ist die Tatsache, daß beides – ein Krieg oder ein atomarer Unfall – sich überall und jederzeit ereignen kann. Ich konzentriere meine Arbeit gerne auf Menschen und versuche, Geschichte anhand von individuellen Einzelschicksalen zu erzählen. Was in Tschernobyl geschehen ist, ist hinlänglich bekannt und dokumentiert. Wie aber diejenigen, die zufällig gerade auf diesem Flecken der Erde geboren wurden oder leben, mit den Folgen dann tatsächlich umgehen und fertigwerden müssen, wird allerdings kaum ausführlich gezeigt. Insofern gibt es eine Parallele zwischen Bosnien und Tschernobyl: Ich verstehe beide Filme als Ergänzung zu bereits bekannter und gewissermaßen beim Zuschauer vorausgesetzter Information, und auch als Festhalten von zeitgeschichtlich exemplarischen Kapiteln – nur aus einem anderen Blickwinkel.
Wie haben Sie die Menschen, die Sieinterviewten, gefunden?
Ich glaube, daß man, um interessante Menschen zu finden und ein offenes Verhältnis zu ihnen aufzubauen, vor allem zwei Dinge braucht: Zeit und Glück. Deshalb versuche ich, mir immer eine möglichst lange Drehzeit einzuräumen, speziell wenn wie in diesem Fall sämtliche Kommunikation über Dolmetscher abgewickelt werden muß, und meine Fähigkeiten, mich direkt mit den Menschen zu unterhalten, mehr als eingeschränkt sind. Vieles, was dann geschieht, basiert auf Zufällen und ist nicht vorherzusehen. Ein Dreh wie dieser besteht bis zum Ende aus einem dauernden Suchen und Augen-Offenhalten.
Warum in schwarz-weiß?
Meine Bilder entstehen oft intuitiv und rein assoziativ. Ich habe eine Idee von einem Film im Kopf und richte mich eher nach diesem fiktiven Konstrukt als nach konkreten konzeptionellen Überlegungen. Ich glaube, daß schwarz-weiße Bilder in einem Dokumentarfilm eher das Gefühl der Wahrhaftigkeit und Authentizität vermitteln. Aber gleichzeitig bleibt dem Zuschauer durch das Fehlen der gewohnten Farben bewußt, daß es sich um die Bilder einer Kamera handelt. Natürlich hat schwarz-weiß oft einen ästhetisierenden Effekt, der manchmal auch zu einer scheinbaren „heile Welt“-Wahrnehmung führen kann. Um die Zone als kompaktes und gleichermaßen absurdes Gebilde zu zeigen, in dem die eigentliche Gefahr unsichtbar ist, scheint mir schwarz-weiß durchaus ein geeignetes Mittel. Dadurch auch eine gewisse tragikomische, manchmal ans Absurde grenzende Stimmung zu vermitteln, ist ein durchaus nicht unerwünschter Nebeneffekt.
Wollen Sie in die laufende Atomdiskussion eingreifen oder haben Sie mehr die Grunderfahrung des Verlusts und der Unsicherheit interessiert?
Ich will mit meinen Filmen keine Politik machen und glaube auch nicht, daß Filme wie dieser viel bewirken können. Mir geht es eher um das Konservieren und Archivieren von Geschichte anhand von Präzedenzfällen. Ich verstehe meine Filme als eine Art Nachschlagewerk für kommende Generationen. Mir sind vor allem die einzelnen Personen wichtig, aber es ist klar, daß dieser Porträts durch das gemeinsame Schicksal, das Leben innerhalb des 30-km-Stacheldrahts, zusammengehalten werden. Ich gehöre nicht zu denen, die sagen „sperrt sofort alle Atomkraftwerke zu“, aber auch wenn dieser Film auf den ersten Blick keine eindeutige Stellungnahme abgibt, darf er gern als ein leiser Beitrag zur laufenden Atomenergiedebatte verstanden werden.
Protagonisten
Ungefähr 700 vorwiegend ältere Menschen leben, trotz aller Verbote, in der Sperrzone. Die einen sind in ihre Heimat zurückgekehrt, weil sie es vor Sehnsucht nicht mehr ausgehalten haben, und leben hier mit der stillschweigenden Duldung der Behörden. Andere warten schon Jahre auf ihre von den Behörden versprochene Umsiedlung. Sie ernähren sich von dem, was sie auf ihren Feldern anbauen.
Sinaida Iwanowna
Krasnoschon arbeitet als Strahlenlaborantin im Umweltlabor „Radek“ in der Stadt Pripyat, wo sie vor dem Unfall nicht nur gearbeitet, sondern auch gelebt hat. In Kiew, wohin sie ausgesiedelt wurde, fühlt sie sich bis heute nicht heimisch. Als sie uns ihre frühere Wohnung in Pripyat zeigt, wird das Ausmaß der Verwüstung klar: Die Wohnung ist geplündert, die Fenster und Möbel wurden demoliert. Sinaida versucht, Fassung zu bewahren und ihre Erschütterung nicht zu zeigen. Sie arbeitet hier, weil sie es besser findet, wenn sich so wenig junge Menschen wie möglich in der Zone aufhalten müssen. „Es werden 100 Jahre vergehen, und 150, und trotzdem wird hier niemand mehr leben können.“
Nikolaj Nikolajewitsch
Suworow ist Ingenieur im AKW Tschernobyl und arbeitet als Schichtleiter in der Schaltzentrale des 3. Reaktorblocks. In seiner Position ist er für die Sicherheit des Kraftwerks verantwortlich. „Ein zufriedener, gut bezahlter AKW-Arbeiter ist die Garantie für ein sicheres Kraftwerk“, sagt Nikolaj. Sein Lohn reicht nicht aus, um ihn und seine Familie zu ernähren, seit einigen Monaten hat er ihn überhaupt nicht mehr ausbezahlt bekommen.
Olga Grigorjewna
Rudtschenko und AndrejAntonowitsch Rudtschenko leben in der Stadt Tschernobyl. Sie wurden nach dem Unfall auf die Krim ausgesiedelt, kehrten aber 1993 wieder an ihren Heimatort zurück. Sie leben dort als „Samosjoli“ („Selbst-Rücksiedler“) und bewirtschaften seither wieder ihren kleinen Hof. Sie kennen das gesundheitliche Risiko, dem sie sich aussetzen. „Was soll die Strahlung uns anhaben, in unserem Alter?“ fragen die beiden und bieten uns ihre selbst gesammelten Pilze an.
Maria Burka
lebt in Poleskoje, einem Dorf an der Zonengrenze. Seit über 10 Jahren wartet sie auf ihre Absiedlung. Aber das Häuschen, das der Staat ihr als Ersatz für ihr eigenes versprochen hat, ist noch nicht bezugsfertig. Sie findet es nicht richtig, daß sie nicht frei entscheiden konnte, ob sie aus ihrer Heimat wegziehen will oder nicht. Viele, die bereits ausgesiedelt sind, wollen wieder zurück. Aber mittlerweile haben sich die Lebensbedingungen so verschlechtert, daß Maria nichts mehr in Poleskoje hält. „Man kann das Haus nicht allein lassen, kaum ist man weg, streunt jemand um das Haus herum. Die Leute haben Angst, hier zu leben. Es ist schrecklich. Und niemand denkt an uns.“
Presse
Stefan Grissemanaus: Die Presse, 11.12.1999 Kontamination in Weiß: Report aus dem Nichts“Pripyat“, Nikolaus Geyrhalters dritter Dokumentarfilm, dringt in gesperrtes Gebiet vor: eine Bestandsaufnahme des Lebens in der verstrahlten Zone um Tschernobyl.Menschenleere Landschaft, triste Vegetation, graue Wohnblocks. Der Wind rauscht in den Mikrophonen, man kann Insekten hören. Nikolaus Geyrhalters „Pripyat“, benannt nach einer Stadt, in der nur noch ein paar hundert Leute wohnen, erzählt vom Ödland, das rund um Tschernobyl entstanden ist, 12 Jahre nach dem Reaktorunfall.„Pripyat“ ist ein einfacher Film. Er will nicht Politik machen und nicht anklagen, nicht Geschichte rekapitulieren und nicht belehren. Er will, als historische Fußnote, nur zeigen: wie man lebt an einem verstrahlten Ort, wie man – immer noch – arbeitet im Kraftwerk. Geyrhalter sammelt vor Ort Impressionen und führt Interviews: mit einer Strahlungsanalytikerin, einem Reaktorarbeiter und einem alten Mann, der beteuert, er spüre nichts von einer Strahlung. Und er trifft ein altes Paar an, das schon zwölf Jahre hier lebt, obwohl man ihm höchstens sieben prophezeit hatte. Ihre Geschichten sind die traurigsten in diesem Film. Aber es gibt auch seltsam heitere Momente, etwa wenn die Hausfrau strahlend beschließt, dem Filmteam die Pilze aus dem Vorgarten zu servieren.In „Pripyat“ regiert der Galgenhumor, aber auch Todesverachtung und Pragmatismus. Wie soll man hier leben, fragt jemand. Nur so, scheint der Film zu antworten: in der Leugnung der Angst und der Fakten. Geyrhalter wandert, in schwarzweißen Bildern, durch die winterlichen Landschaften, mit der Kamera hinter den Leuten her, durchs Gebüsch, in verlassene Häuser hinein. Mit einer Frau geht er, ohne Schnitt, minutenlang durch den Wald, an der einstigen Schule ihrer Kinder vorbei, in ein desolates Wohnhaus, das einmal ihr eigenes war.Geyrhalters Report führt stets ins Innere, ins Herz der Tragödie. Ein freundlicher Ingenieur des Kraftwerks führt vom aktiven 3. Block bis in die Schaltzentrale: Dort finden sich Bilder wie aus alten Science-fiction-Filmen. Der Ingenieur strahlt dabei vor Optimismus, an einem Ort, der sich dazu kaum eignet. Er könne sich doch nicht fürchten, sagt er, das wäre ja absurd. Eine Gedenktafel am Gang erinnert an die zu Tode gekommenen Kraftwerkstechniker. Draußen hält sich der Optimismus in Grenzen. Man hört, daß noch in 150 Jahren hier nicht zu leben sein werde: „Pripyat“ ist auch ein Film über die Resignation.Geyrhalters strenge Inszenierung, mit ihren weiten Winkeln und gesuchten Kompositionen, meidet die Improvisation, wo es geht: das Gegenteil eines Verite-Films. Gegen Ende wechselt „Pripyat“ dann noch die Farbe, verwandelt das Grau des späten Herbstes ins klare Weiß des Winters. Nur noch das alte Paar müht sich hier ab im Schnee, und es sieht aus, als stünde es im Nichts. Das Weiß suggeriert, genau wie das der Leinwand, Unschuld und Leben. Den Tod, der über diesen Bildern liegt, kann man nicht sehen, nur erahnen. Die Kamera bleibt endlich stehen, hört auf, die Menschen zu verfolgen: eingeschneit im Niemandsland, an jenem Nicht-Ort, diesem strahlend weißen Schauplatz der Vernichtung.
Ivette Löckeraus: Der Standard / Album, 6.3.1999
„Über meine Gesundheit kann ich nicht klagen“ 12 Jahre nach dem Unfall ist Tschernobyl zwar noch immer eine verbotene Zone. Doch es gibt Leben in ihr, sogar fast so etwas wie Alltag. Eindrücke von den Dreharbeiten für den Dokumentarfilm „Pripyat“. Europa war schockiert. Anfang Mai 1986 wußte keiner, was tun, was essen, was trinken: Der Super-GAU im Atomkraftwerk Tschernobyl verstrahlte weite Teile des Kontinents. Die Havarie ereignete sich am 26. April 1986 im 4. Reaktor des AKWs, als getestet wurde, ob bei einem Notfall die Stromversorgung ausreicht, um den Reaktor zu kühlen. Das Bedienungspersonal verlor die Kontrolle über das Experiment. Die Führung der ehemaligen Sowjetunion versuchte, die Katastrophe zu vertuschen. Die radioaktiven Wolken wurden bis nach Skandinavien getragen, wo der erste Alarm ausgelöst wurde. Keine Pilze sammeln, keine frische Milch trinken, kein Gemüse aus dem Garten essen, Kinder nicht im Sand spielen lassen – unsere Erinnerung an die ersten Tage und Wochen nach dem nuklearen Unfall läßt sich in diesen einfachen Ratschlägen ausdrücken.Unmittelbar nach dem Unfall wird ein 30-km-Sperrgebiet rund um das Kraftwerk eingerichtet. Die 4500 qkm große Zone soll die am stärksten kontaminierten Gebiete umfassen und erstreckt sich über die Landesgrenze zwischen der Ukraine und Weißrußland. Die Zone ist ein willkürlich mit dem Zirkel abgestecktes Gebiet. Sie entspricht nicht der realen Verseuchung der Böden. Die Grenzziehung erscheint eher als vergeblicher Versuch, die Katastrophe in kontrollierbare konkrete Schranken zu weisen. 116.000 Menschen wurden 1986 aus diesem Gebiet evakuiert. Es ist nach wie vor verboten, sich darin niederzulassen. An den Checkpoints wird der Übertritt kontrolliert.In den letzten Jahren häufen sich Berichte darüber, daß Menschen wieder im Sperrgebiet leben. Wie können Menschen in eine verseuchte Gegend zurückkehren und dort ein anscheinend „normales“ Leben führen? Was bringt sie dazu, an einem Ort zu leben, wo nach wissenschaftlichen Untersuchungen niemand leben dürfte? Wir wollten den Fragen nachgehen und beschlossen, einen Dokumentarfilm über den Alltag der Menschen um Tschernobyl zu drehen. Zu dritt – Regisseur und Kameramann Nikolaus Geyrhalter, Kameraassistent Christoph Meißl und ich als Regieassistentin und Produktionsleiterin – fahren wir mit dem Auto in die Ukraine, für drei Monate in drei Etappen zwischen Frühling und Winter 1998, ausgerüstet mit Dosimeter und Geigerzähler, betreut von den Strahlenschutztechnikern des österreichischen Forschungszentrums Seibersdorf. Zwölf Jahre nach dem Unfall arbeiten rund 15.000 Menschen in der Sperrzone. Sie arbeiten im AKW, dessen 3. Reaktorblock nach wie vor in Betrieb ist, bei permanenten Betriebsausfällen und Reparaturarbeiten. Sie arbeiten in der Verwaltung, bauen ein Endlager für radioaktiven Müll, bewachen die Fahrzeugdeponie, forsten Wald auf, führen Strahlenmessungen in der verseuchten Natur durch, untersuchen das Reproduktionsverhalten von Ratten. Oder sie schuften in den Kantinen, putzen die Wohnheime. Die meisten von ihnen sind 14 Tage hier und 14 Tage zu Hause, außerhalb der Zone. Sie tun es für den doppelten Lohn – der allerdings nur unregelmäßig ausbezahlt wird – und um überhaupt einen Arbeitsplatz zu haben. Manche sagen, aus Pflichtgefühl und Heimatverbundenheit eine Stelle hier angenommen zu haben. Ungefähr 700 vorwiegend ältere Menschen leben ständig in der Zone. Die wenigen, die sich 1986 geweigert haben, der Absiedlung zu folgen, und jene, die es vor Sehnsucht nach der Heimat nicht mehr ausgehalten haben und gegen die Weisung der Behörden zurückgekehrt sind. Um diese Menschen zu finden, müssen wir zunächst die Grenze zur Zone selbst überwinden. Was nicht schwer zu organisieren ist, denn Tschernobyl wird vermarktet. Für Journalistlnnen werden Fahrten organisiert, die sie zu den eindrucksvollsten Orten des Grauens bringen. Ohne Begleitung durch die Agentur „Tschernobylinterinform“, die dem ukrainischen Ministerium für Katastrophenhilfe unterstellt ist, ist allerdings kein Besuch möglich. Sich frei in der Zone zu bewegen, ist nicht erlaubt. Um den horrenden Kosten und den Unfreiheiten der Zwangsbetreuung durch diese „PR-Maschinerie“, wie die Schweizer Journalistin Susan Boos sie nennt, zu entgehen, arbeiten wir mit Wladimir Usatenko, dem Berater der Tschernobyl-Kommission des Ukrainischen Parlamentes, zusammen. Offiziell arbeiten wir für die Kommission und können so Tschernobylinterinform und die Zonenverwaltung umgehen. Usatenko kennt wie kein anderer die gefährlichen Stellen der Zone, die verseuchten Plätze. Er lebt für die Idee, die Zone wieder einmal für den Menschen zugänglich zu machen. Ohne Atomkraft. Mai 1998, die erste Fahrt von Kiev nach Tschernobyl, das entspricht in etwa der Distanz Wien-Mochovce in der Slowakei. 140 Kilometer auf holprigen, schlechten Straßen durch wunderschöne Landschaften. Je näher wir dem Checkpoint in Ditjatki kommen, desto mulmiger wird uns zumute. Wir erwarten die Wüste einer menschenverlassenen, aufgegebenen Zone. Aber was wir vorfinden, gleicht einer von Menschen unberührten wilden und zunächst idyllischen Landschaft. Erst auf den zweiten Blick erkennen wir verfallene Häuser unter verwilderten Bäumen und die Trostlosigkeit eines verlassenen Landstrichs, der zur Metapher für apokalyptische Vorstellungen und zum Feld widerstreitender Meinungen geworden ist. Keine andere Umweltkatastrophe hat derart unterschiedliche Zahlen zu den Opfern und zum Ausmaß der Auswirkungen hervorgebracht wie Tschernobyl. In- und ausländische WissenschafterInnen können sich in ihren Untersuchungen nicht einmal auf eine einheitliche Ausdehnung des von der Verstrahlung betroffenen Gebiets einigen. Noch weniger herrscht Klarheit darüber, wie viele Todesopfer es gibt, welche Krankheiten der Strahlung zugerechnet werden und welche Auswirkungen die Verseuchung haben wird. Langzeitfolgen sind nicht zu prognostizieren, denn es fehlen ausreichende Informationen und gesicherte Datenerhebungen.Je nach Interessenlage wird die Katastrophe instrumentalisiert. Die Internationale Atomenergiekommission (IAEO) verharmlost Krankheiten der Betroffenen als Folgen von psychischem Streß. Die Ukraine versucht, Geldmittel des Westens mit schlecht dokumentierten Opferstatistiken locker zu machen – und mit der Drohung, den dritten Reaktor des AKWs nicht wie vereinbart bis zum Jahr 2000 abzuschalten.Olga und Andrej, beide 64 Jahre alt, treffen wir bei unserem Besuch der Kirche in Tschernobyl. Sie wurden gleich nach dem Unfall auf die Krim ausgesiedelt, sieben Jahre hielten sie es „in der Fremde“ aus. Andrej hatte Arbeit in einer Autowerkstätte gefunden. Olga hatte ständig Alpträume. Dann beschlossen sie zurückzukehren. Sie leben hier mit stillschweigender Duldung der Verwaltungsbehörden, die den alten Leuten Hilfe zukommen läßt. In die entlegenen Dörfer werden Lebensmittel gebracht, an Feiertagen Busse für die Fahrt in die Kirche nach Tschernobyl organisiert. Olga und Andrej leben wieder in ihrem alten Haus, das erhalten geblieben ist. Viele Häuser wurden verbrannt, zerstört, geplündert, sind verfallen, ganze Dörfer wurden vergraben. „Nach der Katastrophe war es wie im Krieg, wie an der Front“, sagt Andrej. Im Labor für Umweltmonitoring in der Stadt Pripyat hängen Karten, die in bunten Farben die Bodenverseuchung mit Caesium-137, Strontium-90 und Plutonium-239 illustrieren. ForscherInnen nutzen die verstrahlten Felder zum Experiment und bauen an, um den fachlichen Diskurs voranzutreiben. Die „samosjoli“ („Selbst-Rücksiedler“) ernten auf ihren eigenen Feldern die täglichen Nahrungsmittel. Sie haben gelernt, die unbegreifbare und unsichtbare Verseuchung zu ignorieren. Wer es sich leisten kann, hält sich eine Kuh oder Schweine. Zur traditionellen Küche gehören Pilze und Fische, in denen sich Radionukleide bevorzugt anreichern. Über die Nahrungskette gelangen dann diese radioaktiven Partikel in den menschlichen Organismus, können Körperzellen schädigen, Krebs hervorrufen und zu genetischen Veränderungen führen. Wir können uns Olgas und Andrejs Gastfreundschaft nicht entziehen. Wie sollen wir ihnen erklären, daß wir Angst davor haben, verseuchte Lebensmittel zu essen? Auf dieses Dilemma stoßen wir ständig. Alle Bedenken, die wir äußern, werden mit dem Argument hinweggefegt, daß sie zwölf Jahre nach Tschernobyl (davon fünf in der kontaminierten Zone) immer noch leben und gesund sind. Was soll die Strahlung uns anhaben, in unserem Alter, sagen uns alle. Olga und Anton bedrängen uns aber nicht: Sie seien selbst verunsichert gewesen, als sie wieder in die Zone zurückgekehrt sind. Mittlerweile haben sie sich daran gewöhnt und verlassen sich auf die Messungen des radiologischen Labors. Weil uns Andrej darum bittet, messen wir mit unserem Geigerzähler seinen Acker hinterm Haus. Die Gammastrahlung ist leicht erhöht. Über die Strahlungsaktivität der Nahrungsmittel können wir mit unserem Gerät gar nichts aussagen. Die einzelnen Radionukleide kann man nur in aufwendigen chemischen Untersuchungen feststellen. Nachbarn haben Olga und Andrej keine. Das Telefon bietet die einzige Möglichkeit, die räumliche Entfernung zu Bekannten, die in anderen Dörfern leben, zu überwinden. Und so erfahren sie bei ihrem morgendlichen Rundruf sämtliche neuen Ereignisse. „Meistens sind es schlechte Nachrichten“, sagt Olga. Das Telefon ist auch die Hauptverbindung zu ihrer Tochter, die mit ihrer Familie 90 km entfernt wohnt. Die Enkelkinder können sie nur ein Mal im Jahr sehen, die Behörden erlauben es nicht öfter.Marusja und Nikolaj wollen aus dem Dorf Poleskoje, 25 km vom Reaktor entfernt, wegziehen, aber das Häuschen, das man ihnen versprochen hat, ist noch nicht bezugsfertig. Und das seit über 10 Jahren. Ständig werden sie vertröstet. Im Juni 1998 hat das ukrainische Parlament einen Veruntreuungsskandal von 2 Milliarden Griwna (13 Milliarden Schilling) aufgedeckt. Internationale Hilfsmittel, die den Tschernobyl-Opfern hätten zugute kommen sollen, haben das Gebiet nicht erreicht. Besonders beim Wohnungsbau wurde Geld unterschlagen. Marusja und Nikolaj sitzen noch immer in ihren verstrahlten vier Wänden. Das Telefon hat man ihnen abgeschaltet, das öffentliche funktioniert nur gelegentlich, es gibt keine Geschäfte mehr, nur mittwochs den Basar. „Und es werden immer weniger Menschen, alle ziehen weg“, sagen sie. Zumindest die Alten unter den bereits Ausgesiedelten meinen, es wäre besser gewesen, wenn sie geblieben wären. „Man hat die Leute an verschiedenen Orten angesiedelt, damit sie nicht sehen, wie die anderen sterben“, sagt Marusja. Fast mehr noch als vor der Radioaktivität fürchtet sie sich vor Obdachlosen, die, so erzählt sie, herumstreunen und die Häuser plündern. Wir hören von Flüchtlingen, Junkies und Deserteuren, die sich die kaum zu überwachende Zone zunutze machen: Die Miliz weiß von ihnen, zu Gesicht bekommen wir keine.Sweta und Wolodja leben in der weißrussischen Zone: 1987 ist das Paar illegal hier eingedrungen. Sie waren obdachlos und beschlossen, in die Zone zu gehen, nachdem sie erfahren hatten, daß noch viele Konserven in den zurückgelassenen Häusern lagern. Irgendwie schafften sie es in der Nacht, die Checkpoints zu umgehen – jahrelang lebten sie an verschiedenen Orten innerhalb des Sperrgebiets. Ständig auf der Flucht, ständig in der Angst, entdeckt zu werden. Sie haben sich in verschiedenen Häusern wohnlich eingerichtet, und die Zone ist inzwischen zu ihrer zweiten Heimat geworden. Vor drei Jahren wurden sie trotz aller Vorsichtsmaßnahmen – kein Licht am Abend, Fenster verhängen, keine Spuren im Schnee hinterlassen – von Waldarbeitern entdeckt. Der Verwalter der weißrussischen Zone, die offiziell „Radiologisch-ökologisches Naturschutzgebiet“ heißt, nahm sich ihrer an und verschaffte ihnen Arbeit. Zuerst bei der Forstabteilung, dann als Bewacher eines Checkpoints innerhalb der Zone, schlußendlich als Museumsdirektorenpaar. Ein kleines Heimatmuseum wurde eingerichtet, in der Nähe eines Geheges für Auerochsen. Es wird untersucht, wie sich die Strahlung auf die Tiere auswirkt. Stolz präsentieren sich die beiden 50jährigen als Hüter von Museumsgut. Die Freiheit, die sie nun genießen, wollen sie nicht missen. Und auch nicht die Publizität. Wir sind nicht die ersten, die mit einer Kamera auftauchen.Die Auswirkungen der Zone auf die Gesundheit sind komplex, erklärt uns Jekaterina Ganza, Ärztin und Leiterin der Poliklinik in Tschernobyl. Verschiedene Faktoren beeinflussen den Gesundheitszustand, die Strahlung ist einer davon. Die schlechte Ernährung, die katastrophale wirtschaftliche Situation, die alle ArbeiterInnen um ihre Jobs fürchten läßt, psychischer Streß, die Schichtarbeit – das alles muß man berücksichtigen, wenn man über die Gesundheit der Menschen in der Zone spricht. Viele arbeiten im Sperrgebiet, die auch vor und vor allem während des Unfalls schon hier gearbeitet haben. Die Folgen kann man nicht leugnen, weder die psychischen noch die körperlichen: An Schilddrüsenerkrankungen und Herz-Kreislaufstörungen leiden alle, der Bewegungsapparat ist in Mitleidenschaft gezogen, Veränderungen des Blutbildes werden beobachtet, die Menschen sind psychisch weniger belastbar. Es ist nicht erwiesen, daß der hohe Alkoholkonsum damit in Zusammenhang steht. Aber daß Wodka ein probates Mittel gegen Strahlung sei, ist ein hier gern geglaubter und verbreiteter Mythos.Jekaterina Ganza ist eine der wenigen in der Zone, die auch kleine Strahlungsdosen, über einen längeren Zeitraum, für schädlich hält. Seit dem Unfall steht sie der Atomenergie kritisch gegenüber. Damit gehört sie zur Minderheit unter den WissenschafterInnen in der Zone. Die meisten halten einen Ausbau der Kernkraft nach wie vor für einen Fortschritt der Menschheit. Verdrängung? Technologischer Machbarkeitswahn? Oder einfach ökonomisches Kalkül? Die meisten von ihnen glauben daran, daß dieses Gebiet wieder einmal für Menschen bewohnbar sein wird. Wenn auch vielleicht erst in sehr langer Zeit: Plutonium-239 hat eine Halbwertszeit von 24.000 Jahren.(Die Autorin hat in Wien Slawistik studiert und als Regieassistentin und Produktionsleiterin am Dokumentarfilm „Pripyat“ mitgearbeitet.)
Heike Kühnaus: Frankfurter Rundschau, 22.2.1999
In der Zone
Andrej und Olga sind in Pripyat geboren. Aus dem gleichnamigen Fluß haben die beiden ein Leben lang Wasser geschöpft. Die Welt kennt ihre Heimat als „Die Zone“. Die beiden Alten, Philemon und Baucis in der Ukraine, können sich an diese Bezeichnung nicht gewöhnen. »Wir leben hier“, sagen sie zu Beginn von Nikolaus Geyrhalters Dokumentarfilm Pripyat, der aus gutem Grund nicht „Tschernobyl“ heißt. Der Unfall im Block 4 des Atomkraftwerks hat 1986 das Leben der Menschen zerstört, wenigstens ihre Geschichten sollen bei Geyrhalter nicht auf die Katastrophe reduziert werden. 50000 Einwohner hatte.Pripyat, viele arbeiteten in Tschernobyl. Heute ist Pripyat eine Geisterstadt.Wie viele Bauern aus dem Umland wurden auch Andrej und Olga 1986 evakuiert. Sieben Jahre könne man in der Zone überleben. Zwölf Jahre sind vergangen, seitdem Andrej und Olga ihr Haus wieder bezogen haben. Wer in die Zone will, braucht die Genehmigung der Tschernobylinterform, wer das 30 Kilometer lange Sperrgebiet verläßt, muß sich einem dosimetrischen Check unterziehen. Die Rücksiedelung der Heimwehkranken scheint die Gebietsleitung übersehen zu haben. Bei näherer Betrachtung — und näher als Geyrhalter ist den von Geldmangel und Gleichgültigkeit geprägten Zuständen noch niemand gekommen — beschränkt sich der Katastrophenschutz rund um Tschernobyl auf Messungen, die selbst die Angestellten der Forschungszentren als Eingeständnis ihrer Hilflosigkeit empfinden. Stellvertretend für viele Menschen, die die Gefahr nicht begreifen, klammern sich Olga und Andrej ans Augenscheinliche. Sie leben noch, und die Pilze, die sie sammeln, geben eine köstliche Vorspeise ab. »Wir werden Sie bewirten“, sagen sie. Ihr gutgläubiger Pragmatismus ist erschütternd wie alle Kompromisse, die die Menschen in der Zone mit ihrem Schicksal schließen.Drei Monate lang hat Nikolaus Geyrhalter, der wie in seinem preisgekrönten Dokumentarfilm Das Jahr nach Dayton auch die Handkamera führt, in Pripyat recherchiert und gefilmt. Den Ingenieur des wieder in Gang gesetzten Blocks 3, der stolz ist auf die Sicherheitsvorkehrungen und die Reaktor-Essensbons, die sein Überleben sichern, weil sein Gehalt so niedrig ist; die Wissenschaftlerin, die in Kauf nimmt, ins Gefängnis zu gehen, um sagen zu können: 1986 hat man unzählige Helfer sinnlos der Strahlung ausgesetzt. Zeit und Glück, so der 25jährige Regisseur, brauche man, um interessante Menschen zu finden und ein offenes Verhältnis zu ihnen aufzubauen. Aber das Schwarzweißmaterial des Films spricht für die Kunst, das Authentische zum Auratischen zu stilisieren und es zugleich als Produkt filmischer Bild- und Sinngebung zu reflektieren: Die Farben des wuchernden Waldes um Pripyat machen die tödliche Strahlung nicht kenntlich. Als Filter eines dokumentarischen cinéma verité erinnert das gespenstische Schwarzweiß ständig daran.
Hans Jörg Rotheraus: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.2.1999
Pripyat
In ein Gebiet, das alle Personenzüge längst verlassen haben, ist der Wiener Dokumentarist Nikolaus Geyrhalter vorgedrungen. Wochenlang sind er und sein Team Lebensspuren in der Dreißigkilometerzone um das Atomkraftwerk Tschemobyl gefolgt. Die Schwarzweißbilder von „Pripyat“ zeigen eine Welt des Todes, in der sich noch vitaler Widerstand regt. Der erst sechsundzwanzigjährige Regisseur nimmt sich Zeit für die ihm fremden Menschen. Weil er zuhört, reden sie: der Techniker, der ihn in die Reaktorzentrale führt, die frühere Einwohnerin von Pripyat, die ihm das von Wildwuchs überzogene Stadion und ihre einstige Neubauwohnung zeigt, wo noch die Möbel herumstehen und Schulhefte auf dem Fußboden liegen – kontaminiert, wie alles hier.Am besten gelungen ist das Doppelporträt eines alten Paares, das in sein Bauernhaus hinter dem Stacheldraht zurückgekehrt ist und mit täglicher Mühe – das Wasser muß aus dem Fluß geholt werden -, Gottvertrauen und Duldung der Behörden die Risiken des verstrahlten Orts den Unwägbarkeiten andernorts vorzieht – Philemon und Baucis in Tschernobyl. Keine Musik untermalt die Szenen, es ist still wie auf einem Friedhof, wo den am Leben Gebliebenen jeder neue Tag wie ein Wunder vorkommt.


