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perfekte Kreis, Der

LE CERCLE PARFAIT /
SAVRSENI KRUG

Sarajevo im Krieg: Adis, sieben Jahre alt und sein Bruder Kerim, neun Jahre, haben gerade sehen müssen, wie ihre Eltern getötet wurden. Bei ihrer Odyssee durch die zerstörte Stadt stranden sie bei dem Dichter Hamza. Gemeinsam suchen sie die Tante der beiden Kinder. Und so kommen sich der kauzige ältere Herr und seine jungen Begleiter näher. Doch der Tod lauert hinter jeder Häuserecke… – Inmitten des Grauens gelingt es dem bosnischen Regisseur Ademir Kenovic, einen poetischen, bildgewaltigen und melodramatischen Film zu inszenieren.

Adis und Kerim, sieben und neun Jahre alt, finden zufällig Zuflucht bei dem Dichter Hamza, dessen Frau und Tochter Sarajevo verlassen haben. Adis und sein Bruder haben ihre ganze Familie verloren; nur ihre nach Deutschland geflüchtete Tante Aicha ist noch am Leben. Hamza bringt es nicht über sich, die Kinder ihrem Schicksal zu überlassen und beschliesst, die Tante ausfindig zu machen. Tag für Tag kommen er und die Kinder sich näher, lernen sich gegenseitig kennen und lieben, beginnen gemeinsam zu träumen…

Und dieser Funke der Zuneigung gibt ihnen die nötige Stärke, um die Probleme des täglichen Lebens in einer zerstörten Stadt zu bewältigen. Hamza findet heraus, wo sich Tante Aicha aufhält und organisiert die Reise der Kinder nach Hrasnica, von wo sie Deutschland erreichen können. Doch dank der Zuwendung Hamzas haben Adis und Kerim das Gefühl der Geborgenheit wiedergefunden und lassen sich nur mit Widerwillen zur Abreise überreden. Hamza begleitet die Kinder bis zur Demarkationslinie, der letzten schwierigen Stelle auf ihrem Weg und bleibt allein mit der Ungewissheit zurück, ob seine „neue Familie“ gut angekommen ist…

Inwiefern ist der Film von dem Dichter Abdulah Sidran, mit dem Sie das Drehbuch zusammen geschrieben haben, geprägt ?

Viele von uns haben inmitten dieser besonderen Stimmung im besetzten Sarajevo nach Antworten auf eine unmenschliche Realität gesucht. Paradoxerweise haben wir angesichts des Mangels an solchen Antworten einen Weg zum Überleben in der Poesie gefunden. Sidrans Leben am Anfang des Krieges bildet sogar den Ansatz unserer Geschichte. Wir gedachten nicht, einen autobiographischen Film zu drehen, aber die Mischung von einfachen Dingen und aussergewöhnlichen Details, die man in seinen Gedichten vorfindet, schaffte ein einzigartiges Universum. Und genau das haben wir versucht, in dem Film neu zu erschaffen.

Wie ist die Geschichte entstanden ?

Wissen Sie…die Geschichte dieses Films ist ziemlich lang. Die Dreharbeiten zum ursprünglichen Drehbuch waren für Frühjahr 1992 geplant, aber ein paar Wochen vor Drehbeginn gab es die ersten Gefechte in Sarajevo. Der Krieg fing gerade an. Wir mussten uns verstecken, um am Leben zu bleiben. Nach ein paar Monaten haben wir angefangen, alles zu filmen, was um uns herum geschah
Dann habe ich mein erstes Drehbuch noch einmal gelesen, und mir wurde klar, dass diese Geschichte, die ich vor dem Krieg geschrieben hatte, unserer Geschichte nicht mehr entsprach. Etwas besonderes geschah in diesem Augenblick in Sarajevo, was der Film zeigen musste: Diese Stimmung, diese Geisteshaltung, diese aussergewöhnlichen Ereignisse mussten wir, die dort lebten und diese Realität vor Augen hatten, zumindest aufbewahren oder beschreiben.

Ich habe gehört, dass Sie sich zum Schreiben in ein Hotel allein zurückgezogen haben. Wie ging das vor sich ?

Sidran und ich haben uns für vier Monate in einem Zimmer im Holiday Inn eingeschlossen. Es war das einzige noch funktionierende Hotel. Es ähnelte aber keinem anderen Holiday Inn auf der ganzen Welt. Es sah eher wie ein Stück Emmentaler Käse aus, es war überall durchlöchert. Wenn ich heute wieder Dokumentaraufnahmen von Sarajevo sehe, denke ich, dass wir verrückt waren, dort zu bleiben. Es war der absolute Irrsinn ; wir stapelten unsere Notizblätter zwischen Granatsplittern und hingen unsere Entwürfe an halb zerstörte Wände. Es wirkte alles so unvernünftig, so unmöglich. Ich musste allerdings Sidran zum Schreiben zwingen, denn bei den ersten Versuchen hielt er unser Vorhaben für unrealisierbar. Es kam ihm vor, wie eine Vulkanexplosion aus dem Zentrum des Kraters zu beschreiben.

Wie kamen Sie auf die Idee, die Geschichte von zwei Kindern, einem Dichter und einem Hund zu erzählen ?

Wir haben lange überlegt, wie wir am besten eine eigenartige Realität in einer ebenfalls höchst aussergewöhnlichen Umgebung schaffen könnten. Wir haben angefangen, die Geschichte von zwei älteren Männern aufzuschreiben, aber erzählt haben wir die Geschichte von einem Dichter, zwei Kindern und einem Hund. Diese Personen sind stärker geworden und haben sich von selbst durchgesetzt, und mit ihnen ist diese Überlebensgeschichte zu einer Liebesgeschichte zwischen einem Dichter und zwei Kindern geworden. Die Geschichte des Hundes ist eine Erfahrung aus diesem Krieg ; nirgendwo anders hätte er überlebt, aber in Sarajevo blieb er wohl am Leben und seine Hinterpfoten rollten ! Das gab’s nur in Sarajevo!

Wie verliefen die Vorbereitungen und die Dreharbeiten in Sarajevo ?

Wir haben Anfang Februar 1996 zu drehen begonnen, hatten aber drei Jahre vorher bereits Probeaufnahmen gedreht. Während dieser ganzen Zeit haben wir gedacht, die Dreharbeiten würden gleich beginnen. Einen Film zu machen, ist immer eine schwierige Sache, aber wenn auch noch Krieg herrscht, ist es noch schwieriger. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ich eines Tages die UNO um Erlaubnis bitten würde, in meiner Heimatstadt zu drehen. Es war übrigens sehr schwer, diese Genehmigung zu bekommen… Ich hätte mir auch nie vorstellen können, dass ich während der Vorbereitungen und der Dreharbeiten auf die Hilfe einer Einheit zur Heckenschützenbekämpfung und einer Minenräumungsgesellschaft angewiesen sein würde. Trotz aller auftretenden Schwierigkeiten haben wir den Drehplan um keinen Tag überschritten. Es herrschte bei allen eine wirklich starke und einzigartige Energie. Kein einziges technisches oder finanzielles Hindernis hätten mich davon abgebracht, diesen Film zu machen.

Wie haben Sie die Finanzierung und die französisch-bosnische Koproduktion zustande gebracht ?

Die Finanzierung hat uns grosse Probleme bereitet. Zu Beginn schien es unmöglich, diesen Film zu produzieren, denn wir hatten keinerlei Kontakte nach aussen; wir konnten noch nicht einmal telefonieren. Es waren schliesslich das CENTRE NATIONAL DE LA CINEMATOGRAPHIE/Paris, das uns aufgrund des Drehbuchs einen für die osteuropäischen Länder vorgesehenen Vorschuss auf die Einnahmen gewährte, und ARTEs Unterstützung, die den Produktionsprozess in Gang setzten. Unser französischer Koproduzent, Sylvain Bursztejn von Parnasse International, hat uns von aussen sehr geholfen und uns die Durchführung dieser komplexen Koproduktion, die u.a. von Bosnien, Frankreich, Kroatien, den Niederlanden finanziert wurde, ermöglicht. Was die Produktion anbetrifft, so haben wir zuerst in Sarajevo, später in Brac an der kroatischen Küste gedreht, dann wurde der Film in Zagreb entwickelt, die Musik mit einem Komponisten aus Sarajevo und einem aus Tel Aviv in Amsterdam aufgenommen, und die Postproduktion wurde in Paris durchgeführt.

Wie haben Sie Ihre Hauptdarsteller ausgesucht ?

Unsere Geschichte handelt von Menschen, die in Sarajevo leben, also mussten wir Schauspieler finden, die in der Lage waren, die Atmosphäre, in der wir selbst gelebt hatten, nachzuempfinden. Viele Schauspieler hatten Sarajevo verlassen, also hatten wir keine grosse Auswahl. Wir haben also alle begabten Menschen engagiert, ob Berufsschauspieler oder nicht. Ich war sehr froh, dass Mustafa Nadarevic bereit war, den Dichter Hamza zu spielen. Er ist ein ausgezeichneter bosnischer Schauspieler, der in Zagreb lebt. Er hat sich ein ganzes Jahr auf die Rolle vorbereitet und hat mir bei der Arbeit mit den anderen Schauspielern sehr geholfen. Das Schwierigste war die Besetzung der zwei Kinderrollen, denn der Erfolg des Filmes hing von ihnen ab. Sie mussten nicht nur Talent haben, sondern auch die sehr harten Drehbedingungen ertragen. Ich habe mit mehr als viertausend Kindern Probeaufnahmen gemacht. Die zwei, die ich auswählte, stammen aus zwei Dörfern, die von Sarajevo weit entfernt liegen. Sie hatten noch nie einen Film gesehen. Nachdem wir uns für sie entschieden hatten, erfuhren wir, dass sie fast die gleiche Geschichte selbst erlebt hatten.

Sie haben nun einen Film über den Krieg gemacht, sprechen aber die Ursachen dieses Konflikts nicht an. Genauso ist der Feind nie zu sehen. Warum ?

Ich habe natürlich nie gesagt, ich würde einen Film über den Krieg machen, auch wenn er im Raum steht. Ich konnte weder den Konflikt noch den Feind zeigen, denn beides gab es nicht! Es war kein Bürgerkrieg, sondern ein Krieg gegen die Bürger eines Landes, die von Mördern umgebracht wurden. Das Fehlen eines Konflikts und eines Feindes ist die eigentliche Geschichte unseres „Krieges“. Ich habe also eine Geschichte über Menschen geschrieben, einfach über Lebewesen, die versuchen, unter ungewöhnlichen Bedingungen ein – so weit es geht – gewöhnliches Leben zu führen. Diese Geschichte könnte sich überall ereignen; wenn man sie aber in Sarajevo ansiedelt, zeigt man alle Umwälzungen, die der Krieg mit sich bringen kann.

Was sind Ihre Zukunftspläne ?

Mein einziger Wunsch ist, mich nicht wieder in einer Situation zu befinden, wo ich mein Drehbuch neu schreiben muss, weil es der Realität nicht mehr entspricht. Ich möchte einen normalen Film machen, in einer normalen Stadt, über ein „normales Leben“.

Das Interview führten Corinne-Alizé le Maoult und Dominique Bursztejn.

Ademir Kenovic

1950 in Sarajevo geboren
1969 Studium an der Universität von Sarajevo
1972-73 Studium an der Denison Universität, Ohio in den Fächern
Film, englische Literatur und Kunst
1974 Abschlussarbeit an der Universtät von Sarajevo über
„Shakespeare und der Film“
1989 Lehrtätigkeit an der Film- und Theaterakademie Sarajevo

Als Regisseur :

1986 UN SUPPLEMENT D’AME (Quinzaine des Realisateurs,Cannes 1991
1989 KUDUZ (Quinzaine des Realisateurs, Cannes 1990
Felix der Europäischen Filmakademie, 1990 für den besten
Film, die beste weibliche Hauptrolle und die beste Musik)

1990 Mitbegründer der SaGa, Sarajevo Group of Authors.
Während der Besatzung von Sarajevo ist die SaGa der
Treffpunkt der dort gebliebenen
Filmemacher und Intellektuellen,
die bemüht sind, ihre Ideen zu
verteidigen, weiterhin frei zu
denken und sich trotz des Krieges
auszudrücken.

1994 MGM/SARAJEVO (Quinzaine des Realisateurs, Cannes 1994,
Felix der Europ. Filmakademie Berlin)

Abdulah Sidran
Drehbuchautor

1944 in Sarajevo geboren, hat Abdulah Sidran seinen Geburtsort nie verlassen. Er ist Dichter, Schriftsteller und Drehbuchautor und hat ebenfalls für das Fernsehen gearbeitet und Zeitungen herausgegeben. Seine Dichtung und Prosa sind sehr beliebt in seiner Heimat, und zahlreiche seiner Bücher sind ins Französische übersetzt. Er schrieb u.a. „Sahbaz“ 1970, „Os et chair“ 1976, „Le recueil de Sarajevo“ 1979, „La maladie de l’ame“ 1988, „Tabut de Sarajevo“ 1993. Sein erstes Drehbuch schrieb er 1979 für den Fernsehfilm „Les anguilles voyagent dans la mer des Sargasses“, zusammen mit dem Autor S. Praljak, mit dem er den Film „Le retour de Katarina Kozul“ machte. Er schrieb Drehbücher für Emir Kusturica : „Te souviens-tu de Dolly Bell“ 1981 und „Papa ist auf Dienstreise“ 1985.

„Kuduz“ war die erste Arbeit, die er zusammen mit Ademir Kenovic realisierte. Seitdem haben sie drei Filme zusammen gemacht und das Drehbuch zu „Le cercle parfait“ gemeinsam geschrieben. Er lebt und arbeitet in seiner Geburtsstadt.

Die Darsteller

Mustafa Nadarevic: Hamza

1943 in Banja Luka geboren, Absolvent der Theaterakademie Zagreb. Seine Schauspielerkarriere beginnt beim Kroatischen Volkstheater . Ab 1980 ist er in verschiedenen Filmen zu sehen, wie z. B. in „Papa ist auf Dienstreise“ von Emir Kusturica (1985) und geniesst grosse Popularität als Fernsehschauspieler.

Almedin Leleta : Adis

1987 in Trebecajl geboren, einem Dorf in der Nähe von Trnovo. Er verbringt seine Kindheit bei seiner Grossmutter, bei der er Schafe hütet. Nach Kriegsausbruch flüchtet seine Familie im August 1993 nach Hrasnica, einem Vorort von Sarajevo, wo er nun zur Schule geht.

Almir Podgorica: Kerim

1984 in Brutusl geboren, einem Dorf in der Nähe von Trnovo. Im September 1993 muss er aus seinem Dorf flüchten. Er durchwandert Kilometer von Wald und Gebirge und kommt in Hrasnica an. Dort geht er zur Schule.

Planet Sarajevo
Überleben in einer belagerten Stadt – Ademir Kenovic erzählt in DER PERFEKTE KREIS vom Kriegsalltag und der Sehnsucht nach Normalität

Weihnachtsfeier in der französischen Botschaft: eine romantisch verschneite Villa im Zuckerbäckerstil, hinter deren hell erleuchteten Fenstern sich Schatten tanzender Männer und Frauen aneinander schmiegen. Ein Bild wie aus dem Märchen, doch die Idylle trügt. Das Haus steht im belagerten Sarajevo und bleibt den normalen Besuchern der Stadt verschlossen. Die betrachten das allnächtliche Feuerwerk der Granatwerfer, tagsüber rennen sie über breite Kreuzungen, ducken sich hinter ausgebrannten Omnibussen, laufen um ihr Leben. Von den Hügeln droht die Gefahr. Dort, über der Stadt, um die ganze Stadt herum verteilt, sitzen die Scharfschützen.

Der taubstumme Kerim hört die Schüsse nicht. Gemeinsam mit seinem Bruder Adis ist er nach Sarajevo geflohen, nachdem eine Tschetnik-Einheit ihr Heimatdorf überfallen hat. Sie sind in die Wohnung des Dichters Hamza eingedrungen, der alleine in Sarajevo zurückgeblieben ist. Nach anfänglichem Misstrauen entwickelt sich gegenseitige Zuneigung zwischen dem Schriftsteller und den beiden Jungen, entsteht inmitten des hysterischen Kriegsalltags ein Refugium der Geborgenheit.

Was er in „Der perfekte Kreis“ beschreibt, war für Ademir Kenovic jahrelanger Alltag. Im Frühjahr 1992, als die Dreharbeiten beginnen sollten, fing der Krieg an. Kenovic und sein Team waren wie alle anderen Bewohner Sarajevos mit dem Überleben beschäftigt. Als Mitglied der Sarajevo Group of Authors (SaGa) begann er, den Alltag in seiner Heimatstadt zu dokumentieren. SaGa produzierte zahlreiche Videofilme. 1993 wurden sie mit „MGM – Man, God, the Monster“ nach Cannes eingeladen. Die Geschichte von „Der perfekte Kreis“ ging erst später weiter, als sich Kenovic zusammen mit seinem Autor Abdulah Sidran für vier Monate in ein Hotelzimmer zurückzog und den Plot umschrieb.Das absurde Alltagsleben auf dem „Planeten Sarajevo“ wurde zum eigentlichen Thema des Films. Anfang 1996 konnten die Dreharbeiten wieder aufgenommen werden. In der Zwischenzeit sind zahlreiche Filme über den Krieg im ehemaligen Jugoslawien entstanden. Ausländischen Filmemachern ging es dabei auffällig oft darum, eindeutige politische Standortbestimmungen einzufordern oder wohlmeinend die Klischees des klassischen (Anti-)Kriegsfilms zu reproduzieren. Die bosnisch-herzegowinischen Regisseure richteten ihren Blick zumeist nach innen, erzählten von den persönlichen Veränderungen, die der Eingriff des Krieges in die Normalbiographie eines Menschen mit sich brachte.

„Der perfekte Kreis“ ist eine Synthese aus Antikriegsfilm und persönlichem Tagebuch. Kenovic beschreibt einen von der Omnipräsenz des unsichtbaren Feindes dominierten Alltag und ein Lebensgefühl, das zwischen nervöser Verzweiflung, starkem Überlebenswillen und lakonischer Angstbewältigung pendelt. Gewalt ist meist indirekt präsent, drängt sich jedoch immer wieder – wie in der illusionslosen Schlussszene – mit brutaler Endgültigkeit in den Vordergrund, zerstört die kleinen Nischen der Normalität, die sich die Protagonisten mühsam aufgebaut haben. Die Suche nach dieser Normalität bezeichnet Ademir Kenovic als sein Leitmotiv : „‚Der perfekte Kreis‘.

ist kein Film über den Krieg. Es ist eine Geschichte über die Liebe und über die Hoffnung in einer extremen Situation.“
Verkörpert wird diese Hoffnung von Adis und Kerim. Als er sich in einem Luftschutzkeller mit einem Mädchen über die ersten kindlichen Kussversuche unterhält, hört man von Adis eines der schönsten unvoreingenommenen Lachen der letzten Filmjahrgänge. Kerim steuert die Sehnsüchte bei, träumt von einer gemeinsamen Reise ans Mittelmeer. An solchen Stellen wird der realistische Grundton von Momenten der Magie überlagert, die mal als liebevolle Einzelheit am Rande der Szenerie inszeniert werden, mal symbolkräftig aufgeladen daherkommen. Diese Momente korrelieren mit surrealen Details, die dem Alltag im belagerten Sarajevo entlehnt sind. Einmal sitzen Hamza, Adis und Kerim in der Wohnung zusammen. Es ist kalt, und es gibt kein Holz zum Heizen. Hamza möchte noch nicht, wie viele andere, seine Bücher verbrennen und wirft statt dessen ein paar alte Schuhe in den Ofen.

Um seinen Film möglichst authentisch zu gestalten, suchte Kenovic nach Schauspielern, die im belagerten Sarajevo gelebt hatten. Die Besetzung der Kinderrollen erwies sich dabei als besonders schwierig. Nachdem er Probeaufnahmen mit mehr als 4000 Kindern gemacht hatte, entschied er sich für zwei Jungen, die aus entlegenen Dörfern kamen und vor den Dreharbeiten noch nie im Kino gewesen waren. Als Kenovic in einem Flüchtlingslager mit ihnen zusammentraf, hatten sie ähnliche Erlebnisse hinter sich wie die beiden Kinder, die sie nun im Film darstellen.
Almedin Leleta und Almir Podgorica spielen ihre Rollen mit Bravour. Sie trugen damit wesentlich zum internationalen Durchbruch des Films bei. Nachdem „Der perfekte Kreis“ auf zahlreichen Festivals ausgezeichnet wurde, kommt er inzwischen auch in verschiedensten Ländern ins Kino, sogar in Ademir Kenovics zweitem Lebensmittelpunkt Mexiko, wo sich ein grosser Verleiher des Films annahm. Kenovic betrachtet den Erfolg seines Films allerdings mit gemischten Gefühlen : „Ich empfinde es als Genugtuung, dass der Film auf der ganzen Welt gezeigt wird und dass es uns gelungen ist, die Ereignisse zu zeigen, die wir durchgemacht haben. Andererseits würde ich lieber mein Leben lang Seifenopern drehen, wenn es auf dem Balkan in den nächsten Jahrhunderten genauso aussehen würde wie in Skandinavien.“ (Bernd Buder, tip 6/99)

Le cercle parfait. Bosnien-Herzegowina/Frankreich 1997; Regie : Ademir Kenovic; Darsteller : Mustafa Nadarevic (Hamza), Almedin Leleta (Adis), Almir Podgorica (Kerim); Farbe; 108 Minuten.

Was machst Du bloss, mein Kind ?
Ich träume, Mutter…
Ich träume, dass ich singe
und Du fragst mich :
„Was machst Du bloss, mein Kind ?“
Wovon erzählt das Lied Deines Traums,
mein Kind ?
Es erzählt, dass ich ein Haus hatte.
Jetzt habe ich keines mehr.
Das erzählt es…
Es erzählt, dass ich eine Stimme
und eine Sprache hatte.
Nun habe ich keine Stimme mehr,
und auch keine Sprache mehr…
Mit dieser verlorenen Stimme,
in dieser Sprache, die nicht mehr meine ist,
singe ich ein Lied, Mutter,
in dem Haus, das ich nicht mehr habe.

Sta to radis sine ?
sanjam majko.
Sanjam majko kako pjevam,
a ti me pitas u mome snu sta to cinis sinko.
Ocemu u snu pjevas sinko ?
Pjevam majko kako sam imao kucu,
a sad neman kuce,
o tome pjevam majko.
Kako sam majko imao glas i jecik svoj sam imao,
a sad ni glasa ni jezika nemam.
Glasom koga nemam, u jeziku koga nemam,
u kuci koju nemam ja pjevam pjesmu majko.

Abdulah Sidran
Drehbuchautor „Der perfekte Kreis“