Eine Wohnung, vier Zimmer, vier verschiedene Wohnparteien, die niemals das Zimmer der Anderen betreten haben. Der von Gorbatschow geprägte Begriff Perestroika für die Modernisierung der Gesellschaft steht hier für die Generalsanierung einer ehemaligen sowjetischen Kommunalwohnung, einer „Kommunalka“ in St. Petersburg. Nach dem Ende des Sozialismus schenkte der Staat den Bewohnern ihre Zimmer. Nun soll eine solche „Kommunalka“ im Zentrum der Stadt geräumt, verkauft und umgebaut werden.
Alle vier Eigentümer müssen dem Verkauf zustimmen und gleichzeitig ausziehen. Sie brauchen gemeinsam einen Käufer, denn nur mit dessen Geld können sie die neuen Zimmer in anderen Wohnungen erwerben. Alle wollen sich verbessern und haben besondere Wünsche. Eine nicht leicht zu bewältigende Aufgabe für die beiden Maklerinnen, die mit Verhandlungsgeschick und trickreichen Strategien arbeiten müssen. Ein Crashkurs in Kapitalismus in der russischen Variante.
‘Städte wie Träume sind aus Wünschen und Ängsten gebaut (…)’
Italo Calvino ‘Unsichtbare Städte’
Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Städten – Tendenz steigend. Das rasche Bevölkerungswachstum und die Urbanisierung treffen vor allem die armen Länder der Welt. Diese Entwicklung hat Auswirkungen auf die urbanen Lebensbedingungen: Armut und Hunger nehmen zu, Angst und Gewalt werden zur Alltagsrealität, lebensnotwendige Ressourcen werden schwerer zugänglich. Die soziale und wirtschaftliche Polarisierung spiegelt die räumlichen Strukturen wider: In der Nähe von gentrifizierten Stadtzentren entstehen Elendsviertel, überwachte Wohnanlagen grenzen an Slums.
Trotzdem sind die Städte stets attraktive Zufluchtsorte und bieten Vielen die Chance auf sozialen Aufstieg. Die Konzentration von Märkten und Dienstleistungen, besonders ausgeprägt in Metropolen und Megacities, steigert die Chance auf Arbeit und regelmäßiges Einkommen. Das kreative Kapital einer Stadt ermöglicht wiederum, neue Lebenskonzepte zu entwerfen und auszuprobieren.
Die Stadt ist bunt und düster, anziehend und bedrohlich zugleich. Die Filme, die das Allerweltskino in seiner Sonderreihe ‘Zukunft der Stadt’ präsentiert, zeigen die schönen und problematischen Momente des urbanen Lebens. Sie behandeln diverse Aspekte der Urbanisierung in verschiedenen Ländern. Dazu gehören u.a. Themen wie die Privatisierung des öffentlichen Raumes, dargestellt am Beispiel von überwachten Wohnanlagen in Indien, Südafrika oder Mexiko (‘Auf der sicheren Seite’, ‘La zona’), wie auch (fehlende) Stadterneuerungsstrategien in Russland (‘pereSTROIKA – umBAU einer Wohnung’) und auf Kuba (‘Havanna – Die neue Kunst, Ruinen zu bauen’). Es ist kein Versuch, anhand der gezeigten Filme direkte Vergleiche zu ziehen. Es geht viel mehr um die Vielfalt des städtischen Lebens, um die Probleme, mit denen die Bewohner von Städten gewöhnlich zu kämpfen haben (‘Megacities’), um neue Lebensentwürfe und Überlebensstrategien (‘Garden Stories. Looking for the country in the city’) – um die Zukunft der Stadt.


