In Peking des Jahres 1913 kreuzen sich die Wege dreier junger Frauen, die trotz unterschiedlicher Absichten gemeinsam in den Kampf demokratieliebender Rebellen gegen einen Operetten-General verwickelt werden. Mit viel Tempo inszenierter Action-Film mit zahlreichen komischen und burlesken, aber auch brutalen Szenen, der Kino als Ort der Imagination nutzt und ein Feuerwerk illusionärer Eindrücke erweckt, die sich um die Kunst der Peking-Oper ranken.
Wer Kino als Ort der Auseinandersetzung mit sozialen und/oder politischen Wirklichkeiten versteht, dürfte mit diesem Film wenig aunfangen können; wer pure Unterhaltung nach westlichen Mustern sucht, wird ebenso berfremdet das Kino verlassen. Somit ist „Peking Opera Blues“ durchaus als ein Stück „Zielgruppen-Kino“ zu sehen, etwas für Liebhaber und Kenner – aber auch für all jene, die Kino (auch) als Ort der Imagination verstehen und sich durch Bilder die künstlichen Kinowelten entstammen, faszinieren und emotionalisieren lassen können. Tsui Harks Actionfilm-Burleske ist der zweite Teil einer Trilogie, deren faszinierenden ersten Teil „Shanghai Blues“ (1984) man hoffentlich auch in den Kinos wird sehen können. Der dritte Teil ist derzeit in Arbeit. Diese Trilogie entspringt der Absicht, mit Mitteln des Genrekinos Anmerkungen zu wichtigen Wendepunktion in der chinesischen Geschichte dieses Jahrhundert zu machen, wobei die Filme jeweils auf ihre besondere Art von Verwirrungen und Chaos handeln, mit denen Tsui Hark auf Unsicherheiten im Vorfeld der Verhandlungen um 1997 reagiert. Das ist für den westlichen Zuschauer freilich kaum noch zu erkennen, allenfalls als äußerer Impuls interessant, der den Einstig in ein filmisches Werk erleichtert, das viel mit dem oft (zu Recht) gescholtenen Kung-Fu-Filgenre gemein hat. Elemente des Martial-Arts-Films verbindet Tsui Hark mit einer Fülle von Gags und Slapstick-Einlagen, Action-Szenen westlichen Urspungs und vor allem Variationen der klassischen Peking Oper, um die sich alles dreht; denn in einem Theater, in dem Stücke der Peking Oper aufgeführt werden, laufen die Fäden der Handlung immer wieder zusammen. Dort begegnen sich die im Ausland erzogene Tochter eines Generals, der im Peking des Jahres 1913 die Macht an sich reißt, die Tochter des Theaterleiter, die gerne selbst auftreten würde, was ihr jedoch zu jener Zeit als Frau noch generell verwehrt ist, und eine Sängerin, die hinter einer Schmuckschatulle herjagt, die durch Umwege in dieses Theater gelangt ist. Dise drei Frauen, allesamt attraktiv und nuancenreich dargestellt, werden zunächst wider Willen zu Verbündeten; denn die Generalstochter ist in Wirklichkeit eine patriotische Widerstandskämpferin, die für die Demokratie in China kämpft und ihrem Vater ein wichtiges Dokument abjagen muß, das die Verschwörungspläne der demokratischen Relbellen gefährden könnte. Diese Ausgangssituation führt zu einer nicht enden wollenden Reihe von Intrigen, die in Verstellungen und Verkleidungen, Rollentausch und Vertauschungen von Objektion mündet. Eine ereignisreiche Szene scheint dabei die vorherige zu variieren, das eine Versteckspiel logischer Reflex eines anderen zu sein. Nichts überläßt Tsui Hark dabei dem Zufall, jedes Detail der manchmal mit unvergleichlichem Tempo arraangierten Sequenzen „sitzt“, so daß die Illusionswelt stets als solche erkennbar bleibt und dennoch als eigenständig akzeptiert werden kann. Die grellbunten Ereignisse um die vielen Hauptfiguren, die man schnell ins Herz schließt, münden schließlich in ein atemberaubendes Finale, in dem das Geschehen auf der Peking-Oper-Bühne auf die filmische Kulisse übertragen wird und der Regisseur mit großer Souveränitat eine Vielfalt von Bewegungen, Richtungs- und Perspektivenwechseln zu arrangieren versteht, so daß man kaum noch weiß, ob man der Handlung oder der Inszenierung folgen soll. Dieser perfekte Actionfilm ist akrobarisch, gagreich, dramatisch und kitschig, amüsant und spannend – freilich auch in einem Maße grausam, wie man es im westlichen Kino nur aus einschlägigen Brutalfilmen kennt. Tsui Hark geht zwar auch mit solchen Gewaltszenen nicht spekulativ um, gibt sie als naturalistisch dargebotenen Teil der Genre-Variationen zu erkennen. Dennoch schlagen sie auf den Magen und grenzen die Empfehlung des Films weiter ein; eben auf ein faszinierendes „Zielgruppen-Kino“. (HPK – film-dienst 26 898, 12/88)
