Der Film spielt in Japan, Guinea-Bissau sowie den Kapverden. Die Kamera vermittelt Reiseeindrücke. Auf den Straßen, in den Tempeln und den Kaufhäusern durchdringt der Kamera-Blick den schönen und auch den häßlichen Schein der Dinge. Er entdeckt die Stadt und das Wesen ihrer Bewohner in den alltäglichen Begebenheiten.
So reist Marker durch die Welt, entdeckt hinter den Fassaden des Großartigen das Banale, das zumeist Unwichtige. Augenblicke von Trauer und Glück, von sterbenden Giraffen und zündenden Raketen, Katzenfriedhof und Waffen. Dazu einfühlsame, durchdachte und zum Denken anregende Texte, die auf das Unbelichtete aufmerksam machen.
„Sans Soleil“ ist ein von Intelligenz und Gedankenschärfe geprägter Film-Essay, der das Auge ‚hören‘ macht. Die Leidenschaft, mit der Marker seine poetischen Metaphern, sein ironischen Anspielungen und seine revolutionäre Philosophie formuliert, ‚erschlagen‘ den Zuschauer/Zuhörer geradezu: Es ist unmöglich, die ‚Wahrhaftigkeit‘ von „Sans Soleil“ beim ersten Hinhören, Hinsehen zu erfassen.
Scheinbar zusammenhanglos hat Marker Kamera-Impressionen aus Japan, Guinea-Bissau und den Kapverdischen Inseln mit Computer-Bildern des japanischen Video-Künstlers Hayao Yamenko und anthropologischem Filmmaterial anderer Regisseure montiert. Erst der Kommentar in Form eines imaginären Briefwechsels zwischen dem Kameramann und einer unbekannten Frau stellt die Zusammenhänge her; nicht, indem er Bild und Sprache zur im Dokumentarfilmgenre üblichen Tautologie verkommen läßt, sondern indem er versucht, die ‚Wirklichkeit‘ von innen her zu erklären. Er verläßt die einengende gegenwartsbezogene Betrachtungsebene zugunsten einer Vergangenheit und Zukunft einbeziehenden historisch-philosophischen Interpretation, die er kongenial mit einer ’neuen‘ filmischen Sprache verbindet. Und druch das Vertauschen der Perspektiven rückt Marker den Zuschauer auf Distanz, zwingt ihn zum Nachdenken, weil er ihm den Glauben raubt, alles zu verstehen.
„Sans Soleil“ schenkt zu Bildern gewordene Augenblicke des stillen Glücks: drei Kinder auf einer isländischen Vulkaninsel, kaleidoskopartige Impressionen japanischer Kultur und ‚Unkultur‘ – die Kimonomädchen, die an ihrem Feiertag das Stadtbild Tokios prägen, dann wieder das Tokio der Kastenlosen, die sich kein Rauschgift leisten können und sich mit fermentierter Milch berauschen; das alte Ehepaar, das auf dem Katzenfriedhof seine entlaufenen Lieblings gedenkt; Demonstrationen gegen einen Flugplatzbau – zu Beginn des ‚Kampfes‘ und zehn Jahre später. Diese Bilder jagt Hayao Yamenko durch den Coomputer, denn „die elektronische Materie sei die einzige, die das Gefühl, das Gedächtnis und die Phantasie verarbeiten könne.“ Und schon beginnt Marker einen brillanten Zwischen-Essay über die Struktur unseres Gedächtnisses, fragt sich, wie man sich erinnern kann, wenn man nicht fotografiert oder filmt. Was ein Filmkritiker schon 1963 schrieb, beweist „Sans Soleil“ aufs Neue: „Der Dokumentarfilm von morgen wird an dieser Arbeit Markers zu messen sein.“ (Rolf-Ruediger Hamacher)
