Bosnienkrieg irgendwann nach 1992: Im Niemandsland zwischen den bosnischen und serbischen Stellungen hat sich Ciki, ein Bosnier, in letzter Sekunde in einem Graben in Sicherheit gebracht. In diesen gerät auch Nino, ein Serbe. Unter Beschuss sind sie gezwungen, im Erdloch miteinander auszukommen. Zuerst stehen sie sich als erbitterte Feinde gegenüber, schließlich schaffen sie es, miteinander zu reden, sogar darüber, wer denn den Krieg angefangen haben könnte. Als Ansätze zu einem friedlichen Miteinander der beiden denkbar werden, greifen UN und die Medien ein. Natürlich nur, um ihnen zu helfen …
Der Film funktioniert als Blick in den Mikrokosmos dieses speziellen Krieges genauso wie als Metapher über den Krieg im Allgemeinen. Die Handlung pendelt zwischen Naivität und Perfidie: Der Film hat zu Recht 2002 den „Oscar“ als bester nicht-englischsprachiger Film erhalten.
Kritik:
No Man’s Land „No Man’s Land“ ist bereits der zweite Film nach „Im Fadenkreuz – Allein gegen alle“ (fd 35 266), der den Bos-nien-Krieg 1993 zum Hintergrund hat und vor dem 11. September 2001 gedreht wurde. Im Gegensatz zur amerikanischen Großproduktion voller Kriegsherrlichkeit aber gibt sich „No Man’s Land“ als kleine, aber explosive Kriegsparabel zu erkennen, die bei ihrer Premiere in Cannes 2001 für eine Sensation sorgte. Der Autor-Regisseur Danis Tanovic bekam die Goldene Palme fürs Drehbuch – und im Jahr darauf auch den Auslands-“Oscar“.
Der Film beginnt mit einem Hinterhalt. Als eine bosnisch-muslimische Kundschafter-Einheit nahe der Frontlinie durch eine serbi-sche Gewehrsalve niedergestreckt wird, überlebt nur Ciki, indem er in einen Schützengraben springt. Dieses Gebiet ist „no man’s land“, ein Todesstreifen, der weder zum serbisch kontrollierten noch zum bosnischen Gebiet gehört. Als zwei Serben nach Überlebenden suchen, platzieren sie eine Bombe unter der Leiche eines gefallenen Kameraden von Ciki; sie soll explodieren, wenn jemand den Körper abtransportieren will und jeden im Umkreis von 30 Metern töten. Doch die Serben entdecken auch Ciki, der einen von ihnen erschießt und den anderen, einen verschüchterten Intellektuellen namens Nino, gefangen setzen kann. Mitten in die wüsten Wortgefechte der beiden, ob die Serben oder die Bosnier schuld am am Krieg trügen, platzt eine schreckliche Entdeckung: Cikis angeblich toter Kamerad Cera ist gar nicht tot, sondern kommt langsam zu sich.
Aus dieser an sich spannenden Konstellation schöpft „No Man’s Land“ im ersten Teil seine Dynamik: Ciki und Nino versuchen, jeweils die Kontrolle über die Situation zu gewinnen, sind aber aufeinander angewiesen. Cera hält unterdessen still, weil die kleinste Bewegung die Bombe unter ihm zünden und alle drei töten wird. Doch es ist kein Drama, was sich dort abspielt; Tanovic inszeniert vielmehr eine schwarze Komödie, die streckenweise in Klamauk mit moralischem Impetus abgleitet. Als man sich jedoch zu fragen beginnt, ob der gesamte Film eine absurde Kammerspiel-Farce bleibt, erweitert Tanovic die Bühne und bringt die Haltung der Außenwelt ins Spiel. Mittlerweile von beiden Kriegsparteien um Hilfe gebeten, liefert sich die zur „Neutralität“ verdammte UN-Schutztruppe mit einer abgebrühten Journalistin einen Kleinkrieg um den Zugang zum Drama im Niemandsland. Mit dem Medienzirkus, der entsteht, weil jede Partei ihrer eigenen Agenda folgt, wird – szenenweise – die Inszenierung lebendig und findet aus der konstruierten Farce heraus. Plötzlich wird der Wahnsinn des Krieges glaubwürdig, wobei dies vielleicht auch an den Schauspielern liegt. Denn die großartige Katrin Cartlidge als News-Frontfrau und George Sitiadis als französischer Lieutenant spielen natürlich und vorwärtsdrängend wie in einem dokumentarischen Film. Die drei Kämpfer im Schützengraben dagegen agerien statisch-theatralisch, wie man es aus vielen osteuropäischen Filmen kennt. Doch man ahnt, dass Tanovic, der 1993 Berichterstatter in Bosnienkrieg war, genau hingeschaut hat. Der Film funktioniert als Blick in den Mikrokosmos dieses speziellen Krieges genauso wie als Metapher über den Krieg im allgemeinen. Das Drehbuch hat in Cannes zu recht einen Preis erhalten. Die Handlung pendelt streng konstruiert zwischen Naivität und Perfidie, der man mit angemessener Verstörung folgt, auch, weil sie im Schlussbild einen ungeahnten Höhepunkt erfährt. Doch die Charaktere bleiben auch im zweiten und dritten Teil des Film in ihren Nuancen begrenzt. Es gibt die Engagierten und die Vampire, die Desinteressierten und die wirklich neutralen Perfektionisten. Zu Letzteren zählt ein deutscher UN-Bombenentschärfer, der ob seiner teutonischen Pünktlichkeit auch nur für einige Lacher gut ist. Die Soldaten sind, wie einem erst lange nach der Vorführung aufgeht, alle als Klischees inszeniert – auch in ihrer Täterschaft nur Opfer und nicht in der Lage, in einer Ausnahmesituation ihren Hass aufeinander zu vergessen. Nichts Neues also an Erkenntnis – zu geradlinig und konsequent ist „No man’s Land“ in seiner Message: „Krieg ist überflüssig“, die ihn leider zu einem Stück reinen Thesenkinos macht.
Karin Laub, film-dienst Nr. 4/2003



