Der Film sammelt Zeugnisse und Dokumente aus dem Alltag amerikanischer Minderheiten und stellt sie kommentarlos einander gegenüber. Indianer, Arbeitslose, Kommunarden, Vietnam-veteranen zeigen in impressionistischenTupfern ein Bild von der Kehrseite Amerikas.
Die Filmemacher leuchten und horchen hinein in die Lebensumstände des „anderen Amerika“, jenes Teils der Bevölkerung, der sich den Konventionen und Forderungen des amerikanischen Traums nicht mehr fügen will, ihnen nicht mehr gewachsen ist, der sich zu lösen versucht oder schon abgehängt ist.
Ein dreistündiger Film, in dem nur Zeugnisse und Dokumente aus dem Alltag amerikanischer Minderheiten gesammelt und kommentarlos einander gegenübergestellt sind, muß schon einiges „auf dem Herzen“ haben, wenn er nicht lästig und langweilig werden soll. Robert Kramer und John Douglas haben in Milestones eher zuviel als zuwenig zu „sagen“, zu zeigen, an die Öffentlichkeit zu bringen. Sie leuchten und horchen hinein in die Lebensumstände des „anderen Amerika“, jenes Teils der Bevölkerung, der sich den Konventionen und Forderungen des amerikanischen (Alp-)Traums nicht mehr fügen will, ihnen nicht mehr gewachsen ist, der sich zu lösen versucht hat oder schon abgehängt ist.
Eine alte Frau etwa erzählt von der Arbeitsfron, in der sie als Kind aufwuchs; im Camp einer Kommune übt man sich in kollektiver Nacktheit, im Ziegenmelken, Flechten, Flöteblasen, in Akupunktur und Feldmannskost; haftentlassene Demonstranten, Arbeitslose, Gewerkschaftsmitglieder, Indianer unterhalten sich über ihre Probleme; um einen blinden Töpfer sammelt sich ein Freundeskreis; ein Hippiepaar fährt ziellos durchs Land und durch persönliche Krisen; ein Vietnamgeschädigter wird bei einem ersten Einbruchsversuch erschossen; in einer Wohngemeinschaft kommt, in Gegenwart der versammelten „Familie“, ein Kind zur Welt.
All diese im Untergrund miteinander verbundenen Episoden werden von Kramer und Douglas ungezwungen sachlich mit der Handkamera aufgezeichnet. Die beiden vermeiden jede Wertung, sie verunglimpfen niemand, sie verklären nichts. Ihre Gesprächspartner kommen ihnen weit genug entgegen: Mit einer Offenheit, die bei uns exhibitionistisch wirken würde, mit einer naiv wirkenden Offenbarungslust kramen die Beteiligten ihr eigenes Inneres voreinander aus. So entsteht aus impressionistischen Tupfern ein Bild von der Rückseite Amerikas, wie es genauer kaum zu wünschen ist. Man muß Atem holen danach, kann aber auch Hoffnung schöpfen.
Süddeutsche Zeitung vom 12. Februar 1977
MILESTONES, das ist das Feuer, das Wasser, die Luft, die Erde, die Menschen. Eine Vision Amerikas in den 70er Jahren; und auch eine Reise in die Vergangenheit und in die Zukunft. Ein Film mit vielen Personen. Ein Volk, das sich eines Erbes bewußt ist, welches auf dem Völkermord an den Indianern und auf der Versklavung der Schwarzen basiert. Eine Nation von Menschen, von denen viele die Vergangenheit überdenken, um die Fehler der Gegenwart zu korrigieren – den versuchten Völkermord an den Vietnamesen.
MILESTONES ist ein komplexes proustianisches Mosaik von Leuten und Landschaften; aus ihrem Zusammenwirken ergibt sich der Stoff des Films. Es gibt viele Szenen in vielen Städten, Gesichter und Stimmen, Enden, aber auch Anfänge. Der Film überquert Amerika von den schneebedeckten Bergen Vermonts bis zu den Wasserfällen Utahs, den Naturdenkmälern des Monument Valley, den Höhlen der Hopi-Indianer, dem Schmutz und Ruß und der Energie New Yorks.
MILESTONES ist ein Film über die Wiedergeburt. Über die Wiedergeburt der Ideen und der Gesichter, der Bilder und Töne. Der geformte Ton eines blinden Töpfers ist die Wiedergeburt der Erde. Der tiefe Schnee ist das Versprechen eines kommenden Frühlings. Die Geburt eines Kindes ist eine symbolische, aber auch visuelle Wiedergeburt des Films selbst. Und ein Film im Film über das heroische vietnamesische Volk erweist seinem revolutionären Kampf, seinem Sieg und seiner Zukunft Tribut.
Robert Kramer, John Douglas
