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Mein Vietnam – Land und kein Krieg

Mein Vietnam - Land und kein Krieg

Minh Khai Phan Thi wurde hierzulande als Moderatorin des Fernsehsenders VIVA bekannt. Sie arbeitet inzwischen als Schauspielerin und moderiert ein Theatermagazin auf 3Sat. Ihre Eltern stammen aus Vietnam, und so hat sie, obwohl in Deutschland aufgewachsen, an ihren vietnamesischen Wurzeln immer festgehalten. Minh Khai Phan Thi hat nun ihren ersten Film gedreht, einen Dokumentarfilm, der sich mit Hilfe eindrucksvoller Bilder auf eine Entdeckungsreise in das Land ihrer Eltern, nach Vietnam begibt. Ihr Film zeigt das Land aus einer radikal subjektiven Perspektive. Gleichzeitig ist die Reise eine Konfrontation mit ihrer persönlichen Biographie: Als Kind vietnamesischer Einwanderer sieht sie in Vietnam vor allem ein Land, dessen Geschichte und Kultur sehr viel mit ihrer eigenen Identität zu tun hat. Vor allem durch die Beobachtung des Alltags ihrer Großfamilie in Saigon verdeutlicht der Film die Unterschiede zwischen der westlichen und der immer noch eher traditionellen Lebensweise Vietnams, in der die Familie für den Einzelnen alles ist. Ein Höhepunkt ist dabei das Tet-Fest, das asiatische Neujahrsfest, an dem ganz Vietnam Kopf steht.
Die Regisseurin Minh Khai Phan Thi ist zur Vorführung im OFF-Broadway am 15. März 2005 eingeladen.

Produktionfirmen: www.networkmovie.de , www.zerofilm.de

Vietnam, Heimat meiner Seele
Von Minh-Khai Phan-Thi

Als ich die Augen öffne, befinden wir uns bereits im Landeanflug auf Saigon – sorry, im korrekten Amts- Vietnamesisch heißt es natürlich Ho-Chi-Minh-Stadt. Ja, genauso hatte ich Saigon in Erinnerung: flache Wellblechdächer, Palmen und tausende Menschen auf Fahrrädern und Mopeds. Ein Blick zu meinen Eltern verrät mir, dass sie genauso aufgeregt sind wie ich, obwohl sie erst vor kurzem hier waren. Bei mir ist es immerhin schon zweieinhalb Jahre her. Die Flugzeugtür öffnet sich und mir schlägt wieder diese feucht-heiße Luft mit den so typischen Gerüchen entgegen. Der Eintritt in eine andere Welt, in mein anderes Ich – mein Vietnam! Draußen schließt uns die Familie in ihre Arme: Oma, Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen. Es hagelt die ersten Kommentare zu meiner Kleidung, dass ich abgenommen und – oh Graus – die wunderschönen langen Haare abgeschnitten hätte. Das Symbol vietnamesischer Weiblichkeit! Warum nur, Kind? Ja, ich gelte als vietnamesisches Kind, nicht als junge deutsche Frau. Daran werde ich mich erst wieder gewöhnen müssen. Während es meine Eltern bevorzugen, im klimatisierten Wagen nach Hause zu fahren, setze ich mich auf das Moped meiner Tante. Ich schließe beim Fahren die Augen und lausche dem permanenten Hupen, dem Motorengeknatter und Fahrradgeklingel. Ich finde es himmlisch.

Der erste Tag. Beim Frühstück gibt es bereits kleine Missverständnisse. Meiner Tante klar zu machen, dass ich morgens nur Kaffee trinken und Obst essen möchte, stößt auf völliges Unverständnis. In Vietnam werden Suppen (Pho, Hu Tieu), Nudeln, Reis oder belegte Baguettes gefrühstückt. Baguette! Ein Überbleibsel aus der mehr als hundertjährigen Kolonialzeit. Nach dem Frühstück machen wir uns auf den Weg zum berühmten SaigonMarkt. Hier bekommt man alles, von Lebensmitteln und Haushaltswaren über Schmuck und Stoffe bis hin zu Kosmetika. Handeln ist Pflicht. Bei Touristen wird natürlich zwei- bis dreifach draufgeschlagen. Ich kaufe feine Stoffe, angeblich italienische Schuhe, einen Reiserucksack, Haarspangen, ein Portemonnaie aus Leder, Zimtdosen, Unterwäsche von Triumph und noch diverse Souvenirs für gerade mal 150 Mark. Trotz 38 Grad Hitze und extrem hoher Luftfeuchtigkeit habe ich mittags Hunger. Wir gehen in eines der kleinen Restaurants rund um den Markt, und ich bestelle zum ersten Mal Lotussalat – ich weiß nicht, wann ich zuletzt etwas so Gutes und Erfrischendes gegessen habe!
In den folgenden Tagen werde ich wieder an vieles erinnert, woran ich in Deutschland gar nicht mehr denke: Zum Beispiel an die innere Ruhe der Menschen hier und an die unterschiedliche Erziehung. Während in Deutschland jeder gern seine Individualität pflegt, ist sie in Vietnam nahezu verpönt. Hier zählen noch Tradition und das Recht der Älteren. Die Stellung der vietnamesischen Frau würde man in Deutschland sicher als altmodisch bezeichnen: Sie zieht nach der Heirat zur Familie des Mannes und kümmert sich dort um Familie und Haushalt. Auch beim Thema Schönheit gehen die Idealvorstellungen weit auseinander. Während Deutsche gern in der Sonne sind, meiden Vietnamesinnen sie fanatisch. Blässe kann sich nicht jede „leisten“ – häufig vermummen sich die Frauen komplett, trotz der Hitze. Viele lassen sich zudem die Schlupflider entfernen und Dauerwellen legen, um europäischer zu wirken.

Nach einer Woche bei der Familie mache ich mich auf, um durchs Land zu reisen. Meine Eltern, Tante und Onkel schließen sich mir und Sammy, dem Fotografen, an. Im gemieteten Kleinbus mit Fahrer quälen wir uns fünfhundert Kilometer nach Nha Trang.Kurz hinter Saigon kommen wir durch Long Khanh. In diesem kleinen Dorf lebte die Familie meiner Mutter kurz nach Ende des Vietnamkriegs. Als Kind verbrachte ich hier meine Ferien. Ich erinnere mich noch gut an die Fassungslosigkeit meiner Mutter über die Zerstörungen und das damit verbundene Elend. Ihr Vater, ein angesehener Arzt und Apotheker in Da Nang, hatte nach dem Sieg der Kommunisten 1975 alles verloren. Die Lebenslust der Hinterbliebenen dagegen ist nach wie vor ungebrochen. Die Zähigkeit der Vietnamesen ist in meinen Augen ein Grund für den Sieg über die Amerikaner. Am Haus meines Großvaters bitte ich den Fahrer zu stoppen. Wie winzig es wirkt – dabei wohnten doch einst zwölf Menschen unter seinem Dach. Damals gab es nur selten Strom. Die Toilette befand sich, wie in der Provinz üblich, im Hof. Ich entdecke die Palme, von der mir mein Onkel damals immer Kokosnüsse pflückte. Nach Long Khanh verändert sich die Landschaft. Die nächsten vierhundert Kilometer führen uns auf holprigen Straßen durch Gebirge und Wälder, vorbei an saftigen Wiesen und Feldern, durch Dörfer und Kautschukplantagen. Ab und zu sehen wir das Meer. Häufig verhindern Tiere, Mopeds, Lkw und Busse das zügige Vorwärtskommen. Auch ich bin schon mit solchen Bussen gereist – die billigste Variante, Vietnam kennen zu lernen. Es empfiehlt sich, gleichzeitig zwei Sitzplätze zu kaufen, um genügend Raum für sich zu haben. Nach fünfzehn Stunden erreichen wir endlich Nha Trang. Mit seinen kleinen Villen und Vorgärten erinnert es mich an Italien oder Frankreich. Wir mieten uns in einem Hotel typisch französischen Kolonialstils ein: hohe Säulen am Eingang, eine große Freitreppe und Stuck an allen Decken. Nur ein kurzer Zwischenstopp, den ich für einen Tauchgang nutze. Am übernächsten Morgen brechen wir früh auf. Vierhundert Kilometer bis Da Nang, dem Geburtsort meiner Eltern, liegen vor uns. Trotz der ermüdenden Fahrt nehmen wir uns Zeit, die Leibspeise meiner Eltern zu probieren. Mon Cai, ein Vorort von Da Nang, ist bekannt für „Be Thui“, Reispapierrollen mit Kalbsfleisch, Salat und frischen Kräutern, die in eine spezielle Sauce (Mam Nem) getaucht werden. Auf dem Weg zum Strand Non Nouc überqueren wir eine französische Brücke. Ganz in der Nähe wohnte mein Vater als Kind. Für die Amerikaner war die Brücke Verbindung zwischen ihrer Basis und der Stadt, und damit die einzige Versorgungsmöglichkeit. Tag und Nacht stand sie unter Beschuss. Mein Vater konnte damals vor lauter Angst kaum einschlafen. Heute gilt Non Nouc als einer der schönsten Strände Vietnams. Ironischerweise erleben wir eine Gruppe amerikanischer Kriegsveteranen, die dort gerade mit ihren Frauen Urlaub machen. Nicht weit entfernt besichtigen wir Millionen Jahre alte Tropfsteinhöhlen. Am Eingang zu einer Höhle schläft eine alte Nonne. Sie wirkt so friedlich. Einzige Lichtquelle in der Höhle ist eine riesige Öffnung von mehreren Metern Durchmesser in der hohen Felsendecke. Punkt zwölf Uhr Mittag wirft die Sonne eine mächtige Lichtsäule durch die Öffnung und erhellt so auf geradezu magische Weise den Raum. Beim Verlassen der Höhle ist die Nonne wach. Ich frage sie, ob sie mir eine Gebetskette besorgen könnte. Sie antwortet, dass sie dafür eigentlich eine Reise zu einem mir unbekannten Ort machen müsse. Doch dann drückt sie mir plötzlich ihre eigene Gebetskette in die Hand. Um nach Hue zu gelangen, müssen wir über den Pass Hai Van. Hai bedeutet Meer und Van Wolken: Vom höchsten Punkt aus hat man entweder eine überwältigende Sicht aufs Meer – oder man steht im Nebel.

In Hue ist es kalt und grau. Die Kaiserstadt am Parfümfluss Houng war bis 1945 die Hauptstadt Vietnams. Als Buddhistin freue ich mich am meisten auf die „Thien Mu“-Pagode. Ich spüre die Ruhe und Kraft, die von diesem Ort ausgeht. Mönche bewegen sich andächtig durch die Tempelanlage, die meisten sehr jung und mit ausgesprochen schönen Gesichtern. Vor einem der Häuser der Anlage sitzt ein sehr alter Mönch. Er winkt mich zu sich und erzählt, dass er mit neunundvierzig Jahren fast an Krebs gestorben sei. Er fand den Glauben anBuddha wieder, wurde Mönch und bezwang seine Krankheit durch Meditation. Heute ist er über neunzig. Ein Inlandsflug bringt mich zurück nach Saigon. Für die nächsten Tage beziehe ich ein Hotel im ersten Bezirk (Q 1), wo sich auch alle In-Cafés, Bars und Diskotheken befinden. Jetzt endlich will ich das „andere“, das westliche Saigon kennen lernen. Meinen ersten Cappucino trinke ich im „Ciao Café“, einem beliebten Treffpunkt geschäftiger Vietnamesen und hier lebender Ausländer. Ich lerne Rainer kennen. Er kommt eigentlich aus Hamburg, lebt, liebt und arbeitet nun aber schon seit sechs Jahren in Saigon. Kommt er mit den Vietnamesen zurecht? Anstrengend sei es, sagt Rainer. Vietnamesen würden sich nur ungern festlegen. Hat man ihr System verstanden, sei es für einen Westler aber überaus angenehm, hier zu leben. Wir verabreden uns für den Abend im „Globo“. Es gehört Pierre, 26, der seit drei Jahren in Saigon lebt. Im „Globo“ genießt man französische Küche, exzellente Importweine und gute Drinks. Nach Wochen mit einheimischer, von Rumba-, Cha-Cha-Rhythmen durchmischter Musik und von Vietnamesen gecovertem Europop, genieße ich die reinen Klänge Bob Marleys. Während sich das Saigoner Nachtleben gegen Mitternacht zur Ruhe begibt, dauern die Partys im „Globo“ bis weit in die Morgenstunden. Nächste Station ist das „Camarque“, das angesagteste Restaurant der Stadt. Der Wiener Besitzer kam vor sieben Jahren nach Saigon. Die geschlossene „Vascobar“ ist die neue Heimat der Kreativen und Schönen Saigons. Ich lerne viele Leute kennen, von Autoren über Architekten, Werbern bis zu Computerspezialisten. Gegen zwei Uhr morgens ziehen wir zum einzigen noch geöffneten Club: Das „Apocalypse“ ist das Sammelbecken für die letzten Nachtschwärmer. Die Models Dao und Dum, deren Bekanntschaft ich bei dieser Gelegenheit mache, zeigen mir am nächsten Tag die Läden von „Dolce & Gabbana“ und „Versace“. In einer kleinen Straße nahe dem Saigon- Markt werden ausschließlich Schuhe verkauft – und zwar die bestkopierten Markenschuhe, die ich je gesehen habe. Und die preiswertesten dazu: zehn bis fünfzehn Mark pro Paar! Nach dem Shopping lade ich die Mädels zu mir ins Hotel auf einen Drink ein – hätten sie ihre Ausweise nicht dabei gehabt, wäre das nicht möglich gewesen. Jede Einheimische muss sich beruflich ausweisen können; die Hotels wollen sicher sein, es nicht mit Prostituierten zu tun zu haben. Die noch verbleibenden Tage widme ich der Meditation im Tempel. Wie immer fällt mir der Abschied von Vietnam sehr schwer. Im Flugzeug stelle ich mir wieder einmal die Frage, wohin ich gehöre, wo mein Zuhause ist. Die Antwort ist einfach: Ich muss erneut feststellen, dass ich im Hier und Jetzt zu Hause bin.