„Nun schließ die Augen und hör gut zu…” beginnt eine Mutter im heutigen Marokko mit dem Märchen für ihre Tochter. Es ist das maurische Volksmärchen von der pfiffigen Tochter eines reichen Teppichhändlers und dem hochmütigen Sohn des Sultans und deren Streit um die Frage, was stärker sei, die List der Frauen oder die der Männer. Als wenn wir die Antwort nicht schon wüssten…
Die marokkanische Autorin und Regisseurin Farida Benlyazid schuf ein Hohelied auf die Kraft, Klugheit und den Ideenreichtum der Frauen, das die Stellung der Frauen in orientalischen Ländern selbstbewusst hervorhebt. Die erlesene, schauprächtige Inszenierung – die Haupthandlung spielt im mittelalterlichen Andalusien unter maurischer Herrschaft – trägt das ihre zu einem außergewöhnlichen Filmgenuss bei.
Es war einmal, und es war auch nicht. Mit dieser Wendung beginnt die Reise in die Welt dieses orientalischen Märchens für Erwachsene. Lalla Aicha ist die vorwitzige Tochter eines reichen Kaufmannes. Nach einer Begegnung mit dem Sohn ihres Nachbarn, des Sultans, der sie herablassend behandelt, was sie so gar nicht ausstehen kann, in der sie schlagfertig das letzte Wort behält, geraten ihre Gefühle in Aufruhr. Eine Liebesgeschichte, ein übermütiger Kampf der Geschlechter beginnt, von beiden mit aberwitzigem Aufwand betrieben, zunächst um das letzte Wort, und später nach der Hochzeit um die Macht. Und obgleich der Prinz alle seine königliche Gewalt einsetzt, triumphiert am Ende Keïd Ensa — die List der Frauen. Lalla Aicha führt ihn an seiner Eitelkeit herum und kann allegorisch aus dem Gefängnis ausbrechen, seinen Respekt gewinnen, ihren Prinzen zähmen.
Mit der liebevollen Ausstattung, besonders den historischen Kostümen, entsteht vor unseren Augen mit aller Selbstverständlichkeit die tausendundzweite Märchenwelt eines Königshofes im maurischen Andalusien. Wir werden verzaubert von den Gesängen und Tänzen, der Zubereitung der Speisen, dem Duft des grünen Basilikums…
Der Film entläßt uns nach allen unerwarteten Wendungen am Ende doch — wie im Märchen — mit einer Beschwörung der Liebe.
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Das Märchen
Es war einmal und es war auch nicht die schöne Lalla Aicha, die Tochter des Tuchhändlers, des Hoflieferanten des Königs. Seit ihre Mutter gestorben war liebte sie mit ihrer Amme Dada Mbarka und mit ihrem Vater in einem großen und schönen Haus neben dem Königspalast. Sie liebte die Basilikumpflanzen, und jeden Morgen eilte sie als erstes auf die Terrasse, um sie mit Wasser zu bestäuben.
Und wie sie sich freute am Basilikum und seinen Duft atmete, das alles sah der Sohn des Königs. Und er bemerkte auch ihre ungewöhnliche Anmut und Schönheit. Schnell ließ er eine Leiter holen, um über die Mauer zu schauen, die die Gärten trennte.
„Tochter des Tuchhändlers“ rief er sie an,
„Tochter des Tuchhändlers, sage mir, meine Schöne,
Tag und Nacht gießt du das Basilikum,
sage mir,
wieviel Blätter hat das Basilikum?“
Lalla Aicha aber antwortete:
„Du bist der Prinz, der Sohn des Königs.
Du wirst die Welt regieren.
Sage mir erst,
wieviel Sterne sind am Himmel,
wieviel Worte im Koran?“
So beginnt das andalusische Märchen „Die List der Frauen“, das Farida Benylazid von ihrer Stiefmutter erzählt bekam, als sie noch ein kleines Mädchen war. Es ist ein weises Märchen über die Kraft der Gemeinschaft der Frauen, über ihre Klugheit, über den Kampf der Geschlechter, über das Gefängnis der Ehe und über den Sieg der Liebe.
Überliefert ist die Geschichte von zwei Märchen: „Die Tochter des Basilikumgärtners“ (in anderen Versionen auch „Das Basilikummädchen“ u.a.) und „Die List der Frauen“. Beide sind in dem Märchen, das dem Film „Die List der Frauen“ zugrunde liegt, zu einem verwoben. Das Motiv vom Basilikummädchen ist im gesamten Mittelmeerraum in verschiedenen Versionen zu finden, in der Türkei, in den arabischen Ländern, in Spanien, in Italien. Das Motiv von der List der Frauen scheint aus indischen Märchen zu stammen, wo es weitverbreitet ist, und von dort in die arabischen Ländern gelangt zu sein. Verarbeitet wurde das Märchen bereits von Gabriel Garcia Lorca, der daraus ein Puppentheaterstück machte.
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Regisseurin Farida Benylazid über den Film und über ihre Situation als Filmemacherin in Marokko
„Ich glaube nicht daran, daß die Darstellung von Gewalt (gegen Frauen d.A.) eine Lösung ist. Ich habe statt dessen ein Märchen adaptiert, das mir meine Stiefmutter erzählte, als ich klein war. Schon damals beeindruckte mich tief, wie die Heldin sich gegen den arroganten und mächtigen Prinzen durchsetzte. Ich selbst bin ja noch in einer Zeit aufgewachsen, als die Welt der Frauen strikt getrennt war von dem Bereich der Männer. ‚Der Mann besitzt Körperkraft, die Frau List‘, heißt es im Koran. Von dem sufischen Lehrmeister Jallal Al Din Rumi stammt der Ausspruch ‚Die Frau ist nicht das Objekt der Begierde, sondern das Geschenk Gottes‘. Ich verwende diese Zitate im Film als einen Fingerzeit an die Jugendlichen heute, daß wir eine lange Tradition haben, in der Frauen wertgeschätzt werden.“ (SZ 25.02.1999)
„List ist für mich eine Form der Intelligenz. In einer patriarchalischen Gesellschaft wie der arabischen ist sie oft die einzige Möglichkeit für Frauen, ihre Wünschen und Ziele zu erreichen. Über die Jahrhunderte hinweg entwickelten und bewahrten die Frauen so eine eigene Kultur, die mündlich weitergegeben wurde: Erzählungen, Lieder, Tänze. Diese Kultur der Frauen zeige ich.“ (SZ 25.02.1999)
„Ich erinnere mich an diese archaische Frauengemeinschaft als einen behaglichen Schutzraum. In der marokkanischen Tradition haben die Frauen eine starke Position gehabt. Im Innern der Familie, jenseits der Institutionen, haben die Mütter und Großmütter seit jeher das Land regiert.“ (filmdienst 6/99)
„Der Film ‚Poupées de rouseau‘ (‚Schilfrohrpuppen‘), für den ich das Drehbuch geschrieben habe, ist eine deutsche Koproduktion und lief im ZDF. Mein erster eigener Film ‚Une porte sur le ciel‘ wurde jedoch abgelehnt, weil er ‚zu schön‘, das Dekor zu opulent sei. Von arabischen Filmemachern wird erwartet, daß sie stets Problemfilme machen und Armut zeigen – Dritte Welt eben.“ (SZ 24.02.1999)
„Als ich vor 25 Jahren anfing, Filme zu machen, gab es überhaupt keine staatliche Filmförderung. Damals hielten mich alle für verrückt. Ich habe mich mit anderen Filmemachern zu einem Förderverein zusammengeschlossen. Jetzt, nach zehn Jahren, sehen wir erste Erfolge: Das Nationale Filmzentrum hat einige kleine Filme produziert, und die marokkanischen Verleiher greifen vermehrt zu einheimischen Produktionen.“ (SZ 25.02.1999)
„Ich merke keine Schwierigkeiten im Umgang mit Kollegen, mit Technikern etwa. Eine Diskriminierung spüre ich, wenn es um die Vergabe von Filmförderung geht. Dabei werden Männer noch wie vor bevorzugt.“ (filmdienst 6/99)
Pressestimmen
„Daß wir uns mit Mühen durch das Leben kämpfen müssen, daran haben wir uns in den Jahrtausenden seit der Vertreibung aus dem Paradies langsam und schmerzhaft gewöhnt. Auch im Kino muß das Glück oft hart erarbeitet werden. Ein kleines Ausnahmewunder also, wenn die Dinge sich einfach übermütig überschlagen und wir dürfen da sitzen und einfach nur staunen. Ein andalusisches Volksmärchen soll die Vorlage zu ‚Keïd Ensa‘ sein, der so verwegen bunt daherkommt, als wäre er einer multikulurellen tausendundzweiten Nacht entsprungen.
Ein Sultanspalast also. Ein Prinz. Und die schöne Kaufmannstochter von nebenan, deren vorwitziges Näschen auf dem Balkon in den Basilikumsprossen schnuppert. Dabei steht doch der Prinz schon hinter den Schlagläden mit dem goldenen Fernrohr im Visier. Der Prinz ist eitel und der liebt die Frauen. Doch ihn quält eine schreckliche Frage, nämlich, ob etwa auch über dem Busen intelligentes Leben existiert? Lalla Aicha, die Kaufmannstochter, ist ein unschuldiges Ding, doch keineswegs auf den Mund gefallen. Also hält der Prinz erst um ihre Hand an und sperrt sie dann ins Verlies, wo sie eingestehen soll, daß die List der Männer die der Frauen übersteigt. Aicha ist stur. Und sie macht ihre Thesen praktisch wahr, indem sie den Prinz an seiner Eitelkeit herumführt. Die marokkanische Regisseurin Farida Benlyazid ihrerseits nutzt die propagierte Weiberlist selbst: Auch ihr Märchen ist hinter dem Mäntelchen der moralischen Erzählung eine an Bilderlust überschäumende Hymne an die Phantasie, die Sinnlichkeit und, wie selbstverständlich, an die Macht der Frauen.“ (Tagesspiegel 14.02.1999)


