Ein sehr persönlicher Reisebericht aus Kuba. Den roten Faden bilden die Porträts von Che Guevara. Auf riesigen Tafeln im ganzen Land verkünden sie “Dein Beispiel lebt!”
Die Avantgarde-Filmemacherin Birgit Hein (“Baby I will make you sweat”) versucht, in diesem Widerspruch von revolutionären Kitsch zu realem Leben in Kuba ihre Situation als Touristin auszuloten. Aus der Frage “Was ist aus Che geworden?” wird so ein “Was ist aus uns geworden?”
Kuba wird von einem Bild beherrscht, und zwar von dem Portrait Che Guevaras.
An der Autobahn und an den Landstraßen stehen keine Werbeschilder, sondern riesige Tafeln mit den Portraits in allen Variationen und unterschiedlichster Ausführung mit den immer gleichen Parolen wie „Tu ejemplo vive (wobei VIVE immer ganz groß geschrieben wird), tus ideas perduran“: Dein Beispiel lebt, Deine Ideen werden fortdauern – „Patria o Muerte“: Vaterland oder Tod – „Hasta la victoria siempre“: Immer bis zum Sieg.
Sein Gesicht schwebt auf einer riesigen Tafel über dem panamerikanischen Stadion vor Havanna. Seine Konturen aus Eisenbändern bedecken die Wand eines etwa zehnstöckigen Hochhauses und in Santa Clara steht er als gigantische Bronzeskulptur auf einem Sockel in einem weiten Denkmalskomplex.
Wir sehen Che’s Gesicht als großes Wandmosaik, auf Häuserwände gemalt, als Foto in den Büros, den Kindergärten, den Apotheken, den kleinen Läden und Kaufhäusern. In den Buchläden dominieren seine Veröffentlichungen und natürlich ist sein Portrait auf den Umschlägen abgebildet. An den Wänden hängen die Poster, die Che unterschiedlich interpretieren, als Licht, als Stern, als Natur (Wald) und sogar als Heiland.
Sein Gesicht beherrscht auch den Souvenirmarkt. Man findet es als Gemälde, in Holz gebrannt, in Leder oder Metall geprägt, als Teppich (gewebt oder gestickt) und als Perlenvorhang. Es schmückt Bierkrüge, Tassen, Aschenbecher, Schlüsselanhänger etc. Vor allem aber hängen überall die TShirts mit seinen zahllosen verschiedenen Portraits.
In diesen Souvenirs ist für mich der gesamte Zynismus enthalten, mit dem die entpolitisierte Konsumwelt, vertreten durch den Tourismus, der dritten Welt gegenübertritt.
Aber gleichzeitig bereiten mir auch die immer wiederholten Parolen Unbehagen. „Tu ejemplo vive“, der moralische Anspruch, den das offizielle Bild von Che im ganzen Land verkörpert, steht in krassem Widerspruch zur gesellschaftlichen Realität.
In Kuba besteht inzwischen eine Zweiklassengesellschaft. Es gibt die wenigen, die Dollars und die Vielen, die Pesos verdienen. Mit Dollars kann man fast alles kaufen, mit Pesos fast nichts, kaum das Lebensnotwendige. Das zerfallende Havanna erinnert mich an die Nachkriegszeit. Die einzigen Neubauten sind Hotelpaläste und Banken.
Die Blockade ist ganz sicher ein großes Unrecht. Aber sie dient auch als Ausrede für die Funktionäre, die nichts an den überlebten autoritären Regierungs-strukturen ändern wollen. Korruption ist längst alltäglich und die Polizei allgegenwärtig.
Sobald ich das Touristen-Ghetto verlasse, wird fast alles, was ich tue, illegal. Mein Begleiter ist ein Jinete. Bei Polizeikontrollen muß ich mich als seine Ehefrau ausgeben, sonst kann er verhaftet werden. Die alten Sammeltaxis, in denen wir fahren, dürfen Touristen nicht befördern. Die Privatzimmer, in denen wir übernachten, sind wegen der hohen Steuern oft nicht angemeldet. Selbst für den heimlich gekauften Lobster können wir ins Gefängnis kommen.
In den Hütten und Wohnungen der Freunde und Verwandten gibt es kein fließendes Wasser und keine sanitären Anlagen. An den Wänden hängen keine Bilder von Che. Hier stehen Madonnenstatuen auf dem Regal und auf dem Fußboden Schüsseln mit den schwarzen Köpfen der afrokubanischen Religion. Es wird getrunken, getanzt und gesungen. Ein Huhn legt ein Ei aufs Bett. Mitten in Havanna krähen die Hähne, werden Schweine in Trümmergrundstücken gehalten und Enten als Haustiere.
Die Anarchie und Vitalität des alltäglichen Überlebens ist eine Ebene meines Films. Den roten Faden bilden die Che-Portraits. Ich bin durch das ganze Land gefahren, um sie zu filmen. In ihrem Widerspruch von Kitsch und Pathos spiegeln sie die Situation des Landes und meine eigene gespaltene Situation als Touristin.
Immer mehr hat mich aber auch fasziniert, wie die Art der Abbildung den Inhalt des immer gleichen Vorbildes verändert und bestimmt. In den Revolutionsmuseen kommt noch etwas hinzu: hier geht es nicht nur um die Aussagekraft der Abbildung, sondern auch um deren Beweiskraft als historisches Dokument. Den Fotos der Revolutionäre werden Gegenstände zugeordnet wie Waffen, ein Paar Schuhe, eine Tasche oder ein Rasierpinsel. So liegt zum Beispiel das Hemd, das Fidel Castro auf einem Foto trägt, unter diesem gefaltet in einer Vitrine. Das echte Pferd, auf dem Camillo Cienfuegos ritt, steht ausgestopft mit braunen Glasaugen im Museum und ist gleichzeitig in historischen Filmaufnahmen auf einem Monitor zu sehen. Camillo und Che stehen als lebensgroße Figuren mit echten Kampfuniformen auf echten Steinen im Museum, in der Vitrine liegen Hut und Pfeife.
Aber selbst das echte alte Schiff Granma und die echten Panzer, Flugzeuge und Raketen vermitteln nicht den Glanz der Geschichte, sondern gerade dessen Vergänglichkeit.
Was bedeutet das Bild von Che heute nach dem Ende des Sozialismus in Europa? Seine Forderungen nach einer gerechten Gesellschaft sind weder in Kuba noch anderswo erfüllt und bleiben bestehen, denn die Ursachen für die Entwicklung des Sozialismus und seine Ziele sind noch genauso gültig wie am ersten Tag.
Auf der internationalen Che-Guevara-Konferenz in Berlin 1997 sagte der kubanische Funktionär Armando Hart Davalos in einem Interview: „In Kuba steht nicht nur der Sozialismus auf dem Spiel, sondern ein Land, das für das Schicksal der gesamten Welt entscheiden wird. Denn die Krise, die hier zum Ausdruck kommt, ist nicht die Krise Kubas, es ist die Krise der westlichen Zivilisation.“
Birigit Hein

