Um der Hitze zu entfliehen, verbringen zwei verwandte Großfamilien aus der Stadt „La Ciénaga“ – was soviel bedeutet wie „sumpfiger Morast“ – den Sommer auf einem Landsitz, dessen Glanz längst verblichen ist.
Der Film zeigt alltägliche Situationen und entwirft dabei das Psychogramm der erstarrten großbürgerlichen Gesellschaft in Argentinien. Der meisterhafte Erstlingsfilm von Lucrecia Martel, die zu einer neuen Generation argentinischer Filmemacher gehört, zeichnet auf nüchterne Art ein ebenso desillusioniertes wie vielfältiges Bild der Oberschicht eines Landes, das im wirtschaftlichen, politischen und sozialen Chaos zu versinken droht.
Der Februar im Nordwesten Argentiniens kann sehr heiß und schwül sein. Alles brütet in einem Käfig aus Hitze und wird vor Trägheit langsam verrückt. Die Sonne bricht die Erde auf.Tropische Regengüsse verwandeln den Boden in sumpfigen Morast – in tödliche Fallen für größere Tiere und Brutstätten für Ungeziefer jeder Art. Mecha ist um die 50, Mutter von vier Kindern, Ehefrau eines Mannes, der sich die Haare färbt, und Hausherrin mit den üblichen Dienstbotenproblemen. Nichts, was ein paar Drinks nicht heilen könnten. Oder wie Tali sagen würde: In diesem Hause ist der Alkohol der liebste Gast. Tali ist Mechas Cousine. Sie hat vier laute Bälger. Ihr Mann liebt sein Haus , seine Kinder und die Jagd. Sie
wohnen in der Stadt La Ciénaga, was ungefähr soviel bedeutet wie „sumpfiger Morast“. Um der Hitze zu entfliehen, verbringen Mecha und ihre Familie den Sommer in La Mandragora, einem
Landsitz, dessen Glanz längst verblichen ist. Der Pool ist trübe, aber spendet doch ein Minimum an Erfrischung. Das Leben geht weiter, mit seinen kleinen Schmerzen und den großen Verletzungen – jenen, die bluten und anderen. Ein Unfall verbindet die beiden Familien in La Mandragora für die Glut eines Sommers.
LA CIENAGA –MORAST folgt keiner klassischen narrativen Erzählform. Es gibt weder eine verborgene Wahrheit, die von den Schauspielern enthüllt werden muss, noch gibt es einen kausalen Zusammenhang zwischen den Ereignissen, die die Familie von Mecha und Tali treffen. Anstelle eines dramatischen „crescendos“ gibt es eine Akkumulation von Situationen, die entweder einfach verpuffen, oder eine tödliche Konsequenz zur Folge haben. In einer verschwom-menen, unbequemen Weise sind die Charaktere in LA CIENAGA – MORAST mit der Natur verknüpft. Das wird besonders bei den Aussenszenen deutlich. Ich wollte die Landschaft niemals pittoresk darstellen. Im Gegenteil, in meinem Film ist die Natur nicht freundlich und wohlwollend. Ich bin keine Anhängerin der romantischen Sichtweise, in der Natur gleichbedeutend mit Harmonie ist. La Cienaga bezeichnet ein Sumpfgebiet, das man allgemein mit dem Tod assoziiert, dem Tod durch Ersticken. Niemand und Nichts kann dort überleben, weder die Tiere, noch die Bäume, die nackt und weiss wie Skelette dort stehen. Aber diejenigen, die sich mit Hilfe eines Stockes dorthin wagen, spüren die Wärme von ca. 30 Grad Celsius, die dort aufgrund der organischen Aktivitäten
entsteht – und sie können die Wichtigkeit erkennen, die dieses „Gewimmel“ von Kleinstlebewesen hat. Der Film nähert sich vorsichtig diesem unruhigen, mikroskopisch verkleinertem Leben an, deshalb gibt es auch den klassischen „roten Faden“ nicht, der sich durch die Geschichte zieht.
Provinzielle Verhaltensweisen spielen eine bedeutende Rolle in LA CIENAGA – MORAST. In Buenos Aires stellen sich die Menschen ihren Problemen in einer mehr oder minder direkten Weise. Die Menschen in den Provinzen hingegen haben eine Tendenz, Geschichten lang, kompliziert und oftmals absurd darzustellen,
mit einem Hang zur Leidenschaft. Ihre Art Geschichten zu erzählen hat einen Hang zur Anstrengung, manchmal vom Erfolg gekrönt, Ängste durch das Wieder-Erleben zu überwinden.
Wenn es ein Schlüsselelement in LA CIENAGA – MORAST gibt, dann wäre dies das Gefühl, sich unbehaglich zu fühlen. LA CIENAGA – MORAST zeigt eine soziale Klasse, die weder eine Tradition
besitzt, auf die sie sich verlassen kann , noch über Möglichkeiten verfügt, sich solche Sicherheiten zu erkaufen, wie Tradition sie bietet. Eine Klasse, die ihre Sexualität auslebt, ohne irgendwelche
wohlausgefeilten Regeln. Eine Klasse, die einerseits die Dinge so will, wie sie sind, andererseits aber – ganz paradox – nichts mehr fürchtet, als dass sich die Geschichte wiederholen könnte.“


