Rossellini stellt in vier Episoden Geschichten vom Alltag in Indien vor und reflektiert den Zusammenhang von Natur und Mensch bei der Betrachtung der indischen Kultur und Lebensweise. Ein in seiner Einfachheit und Intelligenz außerordentlicher Film, der keine ausgewählten Landschaften und Ereignisse zeigt, sondern eine globale Sicht der Welt gibt, ein freies Poem darstellt, weder zeitlich noch örtlich festgelegt.
Roberto Rossellini: „Was ich versucht habe, auszudrücken, ist das Gefühl, das Indien in mir ausgelöst hat, die innere Glut, die die Menschen in Indien haben.“
Mehrschichtiger Film, der Dokumentarmaterial mit Spielfilmszenen und einem Reisebericht mit einer Meditation über Indien verbindet; gleichzeitig reflektiert Rossellini den Zusammenhang von Natur und Mensch bei der Betrachtung der Kultur und des Lebens Indiens. Einer Einführung mit Bildern aus Bombay folgen vier Episoden, die Geschichten vom Alltag erzählen und gleichzeitig metaphorischen Hintersinn in ihrer realistischen Betrachtung aufweisen. (Film im Fernsehen, Beilage film dienst, Nr. 3/91)
„India“: Dokumentarfilm? Spielfilm? Film-Essay? Die vertrauten Klassifizierungen wollen auch auf diesen Rossellini-Film nicht passen. Was wie ein Reisefilm daherkommt – mit Bildern, die dem Zuschauer aus anderen Indien- Filmen vertraut sind – ist zugleich ein Film der meditativen, dokumentarischen Erzählungen über das alte und neue Indien, über Tiere und Menschen und ein Leben mit der Natur. Auf eine Einführung mit Bildern aus Bombay folgen vier Episoden: – Das Leben der Arbeitselefanten und die Liebesgeschichte eines Elefantenführers und der Tochter eines Figurenspielers. – Der Abschied eines Arbeiters von einem Staudamm, an dessen Errichtung er jahrelang mitgearbeitet hat und bei der sein Bruder den Tod gefunden hat. – Vom alltäglichen Leben im Dschungel. Fremde, die nach Erzen suchen, stören das Leben der Tiere. Ein alter Mann rettet einen Tiger. – Ein Affe, der Kunststücke vorzuführen gelernt hat, verliert seinen Herrn. Mit den wild lebenden Affen kann er nicht mehr leben, mit seinen Kunststücken auch nicht. Er findet einen neuen Herrn. Wenn Rossellini die Arbeitselefanten zeigt, dann führt er das Modell eines Austausches vor, dem Ausbeutung fremd ist: Die gewaltige Arbeit der Elefanten korrespondiert mit ihrer mühevollen Ernährung und ihrer langwierigen Pflege durch die Elefantenführer. Endet die genau bemessene Arbeitszeit der Tiere, beginnt die geradezu zeremonielle Arbeit der Pfleger. Die Herstellung eines Gleichgewichts: ein alter Mann, der einen Tiger rettet; ein an den Rand seiner Existenz gebrachter Affe, der in menschlicher Gemeinschaft überleben wird. Rosseilinis Bilder vom Miteinander der Menschen und der Tiere zeigen Natur und Kultur nicht als getrennte, für sich allein existierende Bereiche. Es geht um eine Einheit, die beides umschließt. Darum kann Rossellini auch so weit gehen, eine menschliche und eine tierische Liebesgeschichte zusammenzubringen. „India“ ist gleichsam die Vorstellung von einem mit Tätigkeit erfüllten Paradies. Godard: „India‘ ist schön wie die Erschaffung der Welt.“ Und Rossellini: „Wenn man einen Baum zeigt, dann muß er zu Ihnen über die Schönheit des Baumes, ein Haus über die Schönheit des Hauses, ein Fluß über die Schönheit des Flusses sprechen. Und die Menschen und die Tiere auch. Ein Tiger, ein Elefant, ein Affe, das ist genauso interessant wie ein Gangster oder eine Dame von Welt. Und umgekehrt. ,India‘, das ist ein wenig wie ein Wort, das ich seit Jahren auf der Zunge hatte. Das Wort hieß ,Paisà`,Europa 51′ oder ,Angst‘. Heute heißt es ,India`. (Info West3 Nr.8/91)
