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Indian Love Story

KAL HO NAA HO

Im kalten Frühling New Yorks begegnen Naina und Rohit dem charismatischen Aman. Ohne zu ahnen, dass dieser todkrank ist, lassen sie sich von seiner ungeheuren Lebenslust mitreißen und machen sich gemeinsam auf eine Reise, die sie Liebe, Glück und Trauer erfahren lässt. Dabei verwandeln sie mit ihrer Lebensfreude den grauen Alltag New Yorks in eine farbenreiche Musik-Revue, wie sie nur eine indische Produktion bieten kann.– Bemerkenswert: Ein indischer Film spielt in New York und damit in einem fremden Kulturkreis, und nutzt dennoch alle Mittel des indischen Kinos: Farbenpracht, Gesangseinlagen und große Gefühle. Fast schon ein Dokument der Globalisierung des Kinos …

Indian Love Story

Edle Helden, schöne Prinzessinnen, großartige Schätze, geheimnisvolle Bande, prunkvolle Paläste, Stolz, Ehre und das klassische „Wenn sie nicht gestorben sind…“ Weit mehr noch als die Geschichten etwa der Gebrüder Grimm sind jene aus „1001 Nacht“ der Inbegriff für das Märchenhafte, entführen sie doch nicht nur in ein Reich voller Zauber und Magie, sondern auch in ein Land, das nicht von dieser Welt ist. Dort kann passieren, was will, weil die Bereitschaft, alles zu glauben, mit der Distanz von Morgen- und Abendland ins Unermessliche steigt. Im Kontext des Märchenhaften wirken auch die Filme aus dem indischen „Bollywood“-Genre: Die Szenerien können nicht grellbunt genug sein, die Schauplätze nicht überzogener, die Helden nicht glamouröser, die Prinzessinnen nicht ätherischer, das Melodram nicht melodramatischer. Es darf gesungen und getanzt werden, auch wenn das Sujet ein beinharter Thriller ist. Solange das Ganze weit weg in Indien spielt, hat das alles seine Richtigund Stimmigkeit und stellt die Form per definitionem nicht in Frage.
„Bollywood“ hält langsam, aber unaufhaltsam auch Einzug ins westliche Filmverständnis, generiert sich als Trend und füllt die Kassen der Arthouse-Kinos. „Sometimes Happy, Sometimes Sad“ (fd 35 894) war der erste Film seiner Art, den die deutschen Kinogänger auf Open-Air-Festivals oder bei vollen Matinees bestaunen durften. Zusätzlich angestachelt durch Jeans-Werbung und Ethno-Hype, schlug Hollywood alsbald zurück und klonte mit „Der Guru“ (fd 33 701) und „Bollywood Hollywood“ (fd 36 008) die indischen Film-Märchen. Prompt war der Zauber verloren, ganz so wie bei den „Indischen Wochen“ von McDonalds. Mit der India-Welle geraten nun aber auch Filme ins westliche Blickfeld, die ihrerseits den Schauplatz zunehmend Richtung Westen verlegen. So kommt jetzt auch „Indian Love Story“ in die deutschen Kinos – und dürfte gründlich für Verwirrung sorgen.
Naina und Rohit praktizieren schon lange Zeit das, was zwischen Frau und Mann gemeinhin als unmöglich gilt: sie sind beste Freunde. Für die familiengeschädigte Naina ist Rohit ein Fels in der Brandung, denn wenn die Zankereien um den Familienvorsitz zwischen ihrer verwitweten Mutter und der Großmutter wieder einmal voll entbrandt sind oder wenn die drakonische alte Dame auf der jüngeren Adoptivschwester herumhackt, braucht Naina Abwechslung. Als eines Tages ein neuer Mieter ins Nachbarhaus einzieht, weht ein frischer Wind durch den krisengeschüttelten Haushalt. Mit seinem umwerfenden Charme und einer mitreißenden Natürlichkeit erobert der charismatische Aman seine Nachbarn im Sturm. Nur Naina ist zunächst ein wenig reserviert. Doch je häufiger sich beide treffen, desto intensiver wird ihre Beziehung. Ganz zum Leidwesen Rohits, der erstmals tiefe Eifersucht verspürt. Überraschenderweise sucht Aman aber auch die Freundschaft mit Rohit, denn er hat mit Naina ganz besondere Pläne. Was zunächst niemand weiß: Aman ist todkrank und wünscht sich nichts sehnlicher, als dass seine große Liebe Naina mit Rohit glücklich wird.
In den Indian Communities von New York, Los Angeles und London begann „Indian Love Story“ seinen Siegeszug im Westen und ist nun auch in Deutschland angelangt, wo der Film eher auf Interessierte als auf seine indische Zielgruppe trifft. Es ist eine Produktion, die erstmals in der Geschichte Bollywoods zur Gänze im Ausland entstand. Das mag für ein indisches Publikum eine interessante Variante sein, die ihrerseits vom Exotismus des Schauplatzes lebt; das west-liche Auge sieht sich indes mit der Entwurzelung eines Märchens konfrontiert. Plötzlich passieren hier Dinge, die im Kontext von „1001 Nacht“ akzeptabel waren, in unmittelbar greif-barer Umgebung aber völlig deplatziert wirken. Die Folge davon ist, dass der Film über weite Strecken schwer genießbar wird. Der deutsche Verleih macht bereits den Anfang, in dem er den Film unter dem anglisierten Titel „Indian Love Story“ herausbringt und damit deutlich auf Arthur Hillers tragische „Love Story“ (fd 17 449) anspielt, in der Ali MacGraws und Ryan O’Neals perfekte Liebe an einer tödlichen Krankheit scheiterte. Urplötzlich verpufft die märchenhafte Stimmung; die Grundkonstruktion des Melodrams tritt „nackt“ in den Vordergrund; wobei diese die Schmerzgrenze überschreitet und „Love Story“ wie ein unspektakuläres Drama erscheinen lässt. Naina und Rohit werden als perfektes Paar etabliert. Aman ist idealer Sympathieträger, Freund und Liebhaber, aber kein Gegenspieler, der ein erst aufzulösendes Gefühlspatt erzeugen würde. Dies verschärft sich, wenn Aman eine (vermeintlich) tödliche Herzkrankheit verpasst wird, nicht ohne zuvor die tiefe Freundschaft aller Beteiligten zu etablieren. Das mündet in einem melodramatischen Showdown, der in nicht enden wollenden Schüben den Zuschauer in Tränen auflösen will. Als sei dies nicht genug, wird der Subplot um den Zwist zwischen Mutter und Großmutter und der Schmach des durch Selbstmord aus dem Leben geschiedenen Ehemanns/ Sohns in einer Weise dramatisiert, die man keinem westlichen Drama verzeihen würde. Gewiss: „Indian Love Story“ bietet perfektes, auch über drei Stunden nie langweilendes „Bollywood“-Kino, das mit den Emotionen der Zuschauer Achterbahn fährt; allerdings überschreiten selbst die Tanzeinlagen die Grenzen des Erträglichen, wenn sie mit westlicher Pop-Musik plötzlich aus dem Rahmen des Märchenhaften fallen. Was bleibt, ist das verstörende Gefühl einer Geschichte, die mitreißend schön und doch unerträglich klebrig ist.

Jörg Gerle
Kritik aus film-dienst Nr. 14/2004