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Im Deutschen Sudan

Im Deutschen Sudan

Die Reisebeschreibungen des 19. Jahrhunderts und die ersten Filmbilder zu Beginn des 20. Jahrhunderts brachten das Wissen um andere Länder, Völker und Kulturen nach Europa. Diese Berichte prägten unsere Vorstellungen von fremden Ländern. Das Alle(r)weltskino zeigt mit dem Stummfilm “Im Deutschen Sudan” von 1914 einen der Expeditonsberichte, die dem damaligen Kinozuschauer die fremden Kontinente anschaulich machten. Hans Schomburck bereiste und erforschte den Norden Togos. Seine Aufnahmen verbergen kaum das Überlegenheitsdenken des Forschers, zeigen aber auch beeindruckende Bilder vom damaligen Alltagsleben, aus Handel, Handwerk und Landwirtschaft. Dieses Afrika ist für uns heute Vergangenheit, unsere Großeltern sahen einen faszinierend fremden Kontinent – Projektionsfläche für Wünsche aller Art.

Als Schomburgk 1912 seine erste Filmexpedition nach Liberia durchführte, wurde er von dem Kunstmaler Kay H. Nebel und dem Kameramann Georg Bürli begleitet. Nach Abschluß der Aufnahmen in Liberia fuhr die Expedition nach Togo und setzte dort die Arbeit fort. Irgendwo in Mitteltogo, vielleicht in der Gegend von Sokode, erhielt Schomburgk die telegraphische Nachricht, daß alle Aufnahmen “unterbelichtet, unscharf, mißglückt, unbrauchbar wären”. Die Expedition wurde sofort abgebrochen. Nebel blieb in Togo, während Schomburgk mit dem Kameramann nach Europa reiste, um die Ursachen festzustellen. Die Auswertung der Filme war einer englischen Firma übertragen worden. Für den Mißerfolg machte man den Kameramann verantwortlich. Über das Ergebnis dieser ersten Phase seiner Filmarbeit schrieb Schomburgk: “von den vielen tausend Metern waren noch keine fünfhundert zu gebrauchen… Der Rest war grau in grau, völlig unscharf und unterbelichtet.” Die brauchbaren Aufnahmen sind die in unserem Film befindlichen Szenen aus Liberia: der Fang des Zwergflußpferdes sowie das Krokodil aus dem Ort Sugary. Erst später, nämlich nach dem Ersten Weltkrieg erfuhr Schomburgk, daß durchaus nicht alle Aufnahmen schlecht waren, denn in den USA lief ein aus seinen Aufnahmen zusammengestellter Film mit Erfolg. Leichtsinnigerweise hatte Schomburgk nicht alles Material selbst durchgesehen, sondern nur das, was man ihm zeigte.
Schomburgk verpflichtete den Engländer Jimmy Hodson. Um den englischen Verleiher überhaupt für die Fortführung des Unternehmens zu interessieren, mußte Schomburgk zustimmen, auch einen Spielfilm zu drehen, dessen Hauptdarstellerin, Meg Gehrts, auf einigen Aufnahmen unseres Films zu sehen ist. Schomburgk schrieb über sie: “Meg Gehrts wurde die erste Filmschauspielerin im Inneren Afrikas; sie war die erste weiße Frau, die Togo vom Süden nach dem Norden durchquerte.”
Über die technische Ausrüstung erfahren wir nicht viel. Schomburgk erwähnt nur an einer Stelle, daß er zwei Ernemann-Kameras auf seine erste Filmexpedition mitgenommen hatte. Ob er mit diesen Kameras in der zweiten Phase der Expedition weiterarbeitete, ist leider nirgendwo erwähnt. Die technischen Schwierigkeiten, die Schomburgk und seine Kameramänner zu überwinden hatten, waren enorm. Schomburgks Schilderung spricht für sich:

“Wir machten verschiedene Versuche und Probeaufnahmen, von denen wir kleine Stücke nebeneinander entwickelten. Um das Fading, mit dem wir auf der dreimonatigen Reise nach Europa rechnen mußten, auszugleichen, entschlossen wir uns kurzerhand, 50 Prozent überzubelichten. Und daß wir hiermit das Richtige getan hatten, zeigte uns das erste Telegramm, das wir aus London bekamen…
Ein Rätsel war noch ungelöst: die Unschärfe. Darüber haben wir uns lange vergeblich den Kopf zerbrochen. Die Apparate, die wir mitführten, waren seinerzeit noch Holzapparate. Das Objektiv war in die vordere Holzwand eingelassen. Selbstverständlich haben wir versucht, unsere Apparate nach Möglichkeit gegen die Sonne zu schützen. Die Sorgen, die wir damit hatten, sind überhaupt nicht zu beschreiben. An allen möglichen Stellen sprang in der trockenen Hitze das Holz. Jeden Abend saßen wir vor unserem Zelt und füllten die Sprünge mit Siegellack aus. Am Tage der Aufnahme wickelten wir mehrere Lagen Bananenblätter um die Apparate. Trotzdem fing nach kurzer Zeit das Siegellack an, weich zu werden und herunter zu tropfen.
Es war nur einem Zufall zu verdanken, daß nicht auch diese Expedition wieder mit einem Mißerfolg endete, obwohl ich einen so tüchtigen und erfahrenen Kameramann hatte. Ganz zufällig sah ich eines Tages durch das Objektiv nach einer Aufnahme und mußte zu meinem Entsetzen feststellen, daß völlig unscharf eingestellt war. Jimmy und ich standen vor einem Rätsel. Bis uns plötzlich eine Ahnung dämmerte. In der Nacht hatten wir die Apparate in der kühlen Hütte mit frischen Bananenblättern umwickelt und sorgfältig verpackt aufbewahrt. Wenn wir nun am Tage anfingen zu drehen, so wurde bei Beginn jeder Szene zwar haarscharf eingestellt, aber während der Aufnahme fing die Vorderwand an, sich in der trockenen Hitze zu wölben, und nur dadurch war auf der ersten Reise die ganze Unschärfe entstanden…
Es galt aber noch, die belichteten Filme gut zur Küste und nach Europa zu bringen. Dafür hatte ich eine Erfindung gemacht, auf die ich noch heute stolz bin.
Ich hatte Kästen mit doppelten Wänden, Böden, Deckeln konstruiert, die Zwischenwände mit Asche ausgefüllt und so einfache Thermoskästen geschaffen, die die Hitze tatsächlich abhielten. Nachts ließen wir in der Kühle die Kästen offen, am Tage beim Transport wurden sie geschlossen, und wenn wir sie am folgenden Abend wieder öffneten, kam uns immer noch ganz kühle Luft entgegen.”

Eine fast identische Schilderung hatte Schomburgk übrigens schon in einem früheren Werk gegeben. Dort erfahren wir auch, daß die Filmrollen in doppeltes Stanniol, Schwarzpapier und Fettpapier eingewickelt wurden und in Blechdosen kamen, die ihrerseits mit Isolierband verklebt wurden. Von der zweiten Phase der Reise, die von 1913 bis 1914 dauerte, bracht Schomburgk

“6000 Meter Negativ in vollständig einwandfreiem Zustand nach Europa… Diese Aufnahmen sind unter dem Titel “Im deutschen Sudan” in Deutschland bekannt geworden, wenngleich ich nur einen Teil der Aufnahmen nach Deutschland bringen konnte, weil der größte Teil bei Kriegsausbruch von den Engländern beschlagnahmt worden war und erst vor einiger Zeit vom englischen Ausgleichsamt freigegeben wurde.”

Der Titel “Im deutschen Sudan” mutet eigenartig an, wenn man nicht berücksichtigt, daß der Begriff “Sudan” ursprünglich das gesamte Savannengebiet südlich der Sahara umfaßte, also nicht nur das Gebiet der heutigen Republik Sudan damit gemeint war. Von 1914 wurde der Norden Togos vielfach als “deutscher Sudan” bezeichnet. Im Originaluntertitel heißt es dann weiter: “Filmaufnahmen aus unseren afrikanischen Kolonien. Aufgenommen von dem Afrikaforscher Hans Schomburgk (z.Zeit Leutnant d.R. im Kraftfahr Bataillon)”.
Eine Orginalkopie, die sich im Archiv des Hamburgischen Museums für Völkerkunde befand, ermöglichte die Wiederveröffentlichung des Films, der nicht nur ein Stück völkerkundlicher Filmgeschichte repräsentiert, sondern inzwischen verschwundenes Kulturgut aus Togo dokumentiert.