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Hyänen

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Aus dem Schulunterricht kennt jeder das Dürrenmatt-Stück „Der Besuch der alten Dame“.
Der senegalesische Filmemacher Mambéty bietet uns eine „afrikanische“ Verfilmung an: Bedingung für eine Millionenspende der alten Dame an das Städtchen Colobane ist der Tod eines Bürgers, ihres früheren Geliebten.
Ein Film nicht nur über die Illusion des Besitztums und des glitzernden Scheins des Kapitalismus…

„Reden wir über Poesie und nicht über Scheiße“

Ein Interview mit Djibril Diop Mambéty – sein neues Meisterwerk „LE FRANC“ und ein Blick zurück.

„Le Franc c’est ce qui imposonne la vie d’un homme franc.“

Ohne moralischen Pathos läßt sich der Satz nicht ins deutsche übersetzen, die Wortspielerei verschwindet und es bleibt sinngemäß: Es ist das Geld, das das Leben des freien Menschen beeinträchtigt. Zu der doppelten Bedeutung des Wortes „franc“ kommt nun eine dritte hinzu: „LE FRANC“ ist der Titel des neuen, 45 minütigen Kurzfilms des senegalesischen Schauspielers, Komponisten und Regisseurs Djibril Diop Mambéty. Er hat sich Zeit genommen, sich kurz zu fassen.

„Das Geld, das man stiehlt oder das man verdient und das man verliert“,
vor allem aber das Geld das man nicht hat und das immmer den anderen, den falschen gehört, begleitet Mambétys Werk schon von seinem ersten Film „Badou Boy“ (1965) an. Doch am Franc CFA, die Währung ist 15 west- und zentralafrikanischen Ländern gemein und von dem französischen Franc abhängig, mangelt es nicht nur seinen Filmhelden, – aber wen wundert das:
„Ich mache Filme, wenn ich sie fühle, wenn ich das Gefühl habe, daß sie sein müssen. Fragen Sie mich nicht von was ich lebe, aber in jedem Fall nicht vom Kino.“
Bezahlte Arbeit gibt es in Dakar zu wenig, was liegt da näher, als sich das Lebensnotwenige zusammenzuklauen. Die kleinen Straßengaunereien dienen in „Badou Boy“ als Anlaß zu wilden Verfolgungsjagten, in „Touki Bouki“ (1973) fehlt das Geld der jungen Liebe, um sich den Paris-Traum zu erfüllen. Doch das Geld wird als der falsche Gott entlarvt.

Die Geschichten und Episoden verdichten sich 20 Jahre später in seinem Spielfilm „Hyenes“ (1992) zum zentralen Thema. Nach „Touki Bouki“ weicht der Film dem Leben. Erst 15 Jahre später, 1989, realisiert Diop Mambéty „Parlons Grand -Mere“, eine Dokumentation über die Dreharbeiten von „Yaaba“, ein Spielfilm von Idrissa Ouedraogo. Nach der langen Pause scheinen die Bilder ernster, vielleicht auch dichter. Das Symbol der Stärke wird durch das Symbol der Zeit, der Ewigkeit ergänzt. Während bei „Touki Bouki“ im Vorspann Rinder durchs Bild getrieben werden, trotten in „Hyenes“ Elefanten an der Kamera vorbei und kündigen die Zeitlosigkeit der Parabel über Käuflichkeit, Macht und Gerechtigkeit an.

„Die Macht ist die Illusion, etwas zu besitzen – die Realität ist letztendlich aber, daß das, was bleibt, die Erinnerung ist, zum Beispiel daran, daß wir hier zusammensitzen, ein Bier trinken und viel Spaß haben.“ (1)

„Hyenes“ bezieht sich auf das Stück „Der Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt und verleiht der mißbrauchten Schullektüre eine neue Dimension. Diop Mambéty und Dürrenmatt verbindet eine gemeinsame Suche nach der Gerechtigkeit und, wie es Mambéty ausdrückt, eine Art geistige Verwandschaft – „denn es gibt ein solches Verstehen zwischen den Menschen, das jenseits des Ozeans und der Hautfarbe liegt.“
Für den universell angelegten Ort Güllen hat Mambéty universelle Bilder gefunden. Linguere Ramatou übernimmt die Rolle der reichen, alten Dame. Bedingung für die Millionenspende an das Städtchen Colobane ist der Tod von Draman Drameh, Ramatous ehemaligem Liebhaber. Draman Drameh hat vor Jahren die Vaterschaft an der gemeinsamen Tochter geleugnet und Ramatou damit in die Prostitution getrieben. Ramatou verlangt nun Gerechtigkeit. Diop Mambéty spielt selbst den Richter und verkündet das Todesurteil. Pervertiertes Konsumvergnügen verlangt nach pervertierter Gerechtigkeit. Nach anfänglicher Empörung und striktem von-sich-Weisen der Forderung, erliegen die BewohnerInnen des Städtchens letztendlich doch dem materiellen Glück. Wie Hyänen schleichen sie um den Laden von Draman Drameh, lassen anschreiben und spekulieren mit jeder Whiskeyflasche um den Tod Dramehs. Den Höhepunkt findet der Konsumrausch auf einem Jahrmarkt, den Mambéty mitten in die Wüste plaziert. Absurde Bilder und eine absurde Inszenierung für ein absurdes Spektakel. Eine bunte Schar zieht gröhlend durch die Strassen. In schräger Verkleidung, sein Saxophon spielend, marschiert der Bürgermeister vorneweg. Der Cowboyhut assoziiert den Western-Sheriff und der ganze Aufmarsch mit dem musikbegabten Politiker erinnert in seiner Lächerlichkeit an das Wahlkampfspektakel Bill Clintons – mag das auch Zufall sein. Unter dem vom Feuerwerk erleuchteten Himmel erfreuen sich die BewohnerInnen von Colobane am Achterbahnfahren und den Schießbuden. Das Vernügen kulminiert im Verkauf der Kühlschränke, Ventilatorern und Videorekorder. Die Konsum-Show ist inszeniert wie eine Fernseh-Show, Moderator, Stars und Gewinner inclusive. Die Damen strahlen, die Gattin des zum Tode Verurteilten kauft für ihr Lädchen den Rest der Ware auf, später wird sie noch ein Porträt von ihrem Gatten erstehen – man weiß nie, was passieren wird: Haben ist sicherer denn lieben.

„Lerne dasjenige zu bedürfen, was dir angeboten wird! Denn die Angebote sind die Gebote von heute.“ (2)

Die Colobaner lernen schnell. Das tragische Ende ist bekannt, doch während bei Dürrenmatt die alte Dame die Firmen des Städtchens aufkauft und damit maßgeblich für dessen Niedergang verantwortlich gemacht wird, entlarvt Mambéty umfassender das kapitalistische System als einen hohlen, glitzernden Schein – die Illusion des Besitztums.

Mambéty erwähnt an einer Stelle, daß „LE FRANC“ ein Kind von Dürrenmatt sein könnte, denn auch hier geht es wieder ums Geld, doch das Kind ist selbständig und frech. Mambéty schrieb die Geschichte bereits vor 13 Jahren und widmet sie den „einfachen Leuten“, wenn er seine Ankündigungen erfüllt, dürfen wir uns auf zwei weitere Filme, „La petite vendeuse de soleil“ und „L’apprenti -voleur“, freuen, die mit „Le Franc“ eine Triologie „des petits gens“ bilden sollen.

„`LE FRANC‘, der Titel, meint einerseits das Geld, andererseits
aber auch „un homme franc“, einen Menschen, der sehr offenherzig, freimütig, aber auch naiv ist. Marigot, mein Filmheld, glaubt, daß sich die Miete schon irgendwie selbst bezahlt und freimütig widmet er sich seinem Instrument.“
Marigots Tante Doumi (Aminta Fall), bei der Marigot ein kleines Zimmer zur Untermiete bewohnt, sieht das anders und konfisziert dessen Congoma. Einem Musiker sein Instrument zu nehmen, ist fast so, wie ihm seine Seele zu rauben.
„Es ist das gleiche, wenn man Ihnen zum Beispiel die Sprache nimmt. Sie werden an nichts anderes mehr denken, als die Sprache wieder zu erlangen.“
Seiner Seele und seiner Sprache beraubt, zieht Marigot durch die Straßen von Dakar – an den Straßenecken begegnen ihm seine Träume und seine Vergangenheit. Mambéty findet dafür wunderschöne klangvollle und farbige Bilder.
Das Radio, nicht das Fernsehen oder die Zeitung ist im Senegal, wie in anderen afrikanischen Staaten, das wichtigste Massenmedium. Das Hören, die Töne sind hier der Schlüssel zur Welt – nicht die Fixierung auf das Visuelle. So schallt die Radiostimme wie die Muezzinrufe durch die Straßen und wir erfahren, wie Mariogot, über die Tonspur die Abwertung des Franc CFA. Die Stimme preist afrikanische Produkte und die staatliche Lotterie – wenn es keine Hoffnung mehr gibt, gibt es immer noch die Hoffnung auf den Lottogewinn.

„Die wirtschaftliche Situation ist im „francophonen“ Afrika völlig hoffnungslos. Dank des IWF und Frankreich ist der CFA im Januar 94 um 50% abgewertet worden. An diesem Tag haben wir beschlossen, nur noch afrkanische Produkte zu kaufen, um nicht mehr vom Westen abhängig zu sein. Am nächsten Tag kostete ein Päckchen Zigaretten, das bisher für 10 Franc zu haben war, plötzlich das doppelte. Die Menschen wurden zu Hyänen. Nichteinmal mehr die Landwirtschaft bildete eine zuverlässige Ernährungsgrundlage. Nicht wegen einer Naturkatasthrophe, sondern weil die Bauern dazu gezwungen wurden ihr Land zu verlassen, um in die Städte und Dörfer zu ziehen. Aber welche Chance hat man in einer Stadt, in der es keine Arbeit gibt, Geld zu verdienen – außer die Lotterie. Jeder spielt mit seinem eigenen Ideal Lotto, wenn man gewinnt, ändert man fundamental sein Ideal – denn man muß überleben. Afrika ist ein internationales Lotteriespiel geworden, etwas das man kaufen kann.“

Der Zufall und die Episode wollen es, daß Marigot von einem Losverkäufer ein Los geschenkt bekommt – 555 .
Man hat Marigot gewarnt, es sind schon Leute verrückt geworden, deren Los gewonnen hat, aber sie es verloren hatten. Wieder zu Hause ist das erste Problem das es zu lösen gilt, das Los an einem sicheren Ort zu deponieren. Marigot klebt es an seine Tür, damit es niemand sieht heftet er darüber sein Idol – ein Poster von Yaadi Koone.

„Yaadi Koone wurde 1922 geboren und starb 1984. Er symbolisierte für meine Generation den Kampf gegen den Kolonialismus und seine landeseigenen Diener. Er war jemand, der die Kinder liebte und die Polizisten haßte, der das Geld den Reichen entriß, um es an die Kinder und die Schwächeren zu verteilen. Grund genug, um von der Bourgeoisie verhöhnt zu werden. In dem Moment, indem Marigot das Poster über das Los geklebt hat, stellt sich die Frage: hat er recht gehabt, das zu tun? Yaadi Koone scheint ihn anzuschauen, um von ihm Rechenschaft zu verlangen – er scheint ihm zu sagen: Du wirst langsam dumm, Marigot, Du fängst an, etwas zu verwechseln.“

Marigots Los gewinnt und das naheliegendste scheint, die Tür aus den Angeln zu heben und das Los auf diese Weise zur Lotterie zu befördern.
Mit der Tür auf den Schultern geht Marigot in Richtung Dakar-Zentrum. Sein Weg führt ihn über eine Müllhalde, übersät mit Tausenden von Plastiktüten. Im Off begleitet ihn Aminta Fall mit einem wunderschönen Blues, „In The Morning“. Sie ist traurig, denn Marigot scheint verrückt geworden zu sein. Wenige Filmminuten vorher hat Tante Dioumi den morgens heimkehrenden Marigot mit den ersten Takten von „In the Morning“ verspottet. Marigot reißt daraufhin die Tür aus den Angeln und ihr Spott verstummt. In ihrer Stimme ist der Spott nun der Melancholie und dem Mitgefühl gewichen. Der Blues vertont die Geschichten der einfachen Menschen, die Wiedrigkeiten, aber auch die glücklichen Momente ihres Alltags. über die Musik hinaus erzählt er als universelle Sprache vom Leben. Das Bild trifft auf die Musik, die Wahrnehmung geht unter die Haut.

„Marigot trägt auf seinem Rücken die Tür als sein Problem, wie Afrika auf seinem Rücken die Last des Elends trägt. Und er läuft über diese Müllhalde der westlichen Welt – über den Plastikmüll. Aber Afrika hat das Plastik nicht erfunden. Wir haben das Essen in Blätter gewickelt, um es aufzubewahren. Es blieb so frisch, war ökologisch und hat nicht viel gekostet. Der Westen hat das Plastik akzeptiert, aber Afrika hat keine Recycling-Kultur. Also lassen wir ihnen ihr Plastik und verwenden wieder unsere Blätter, die nun wirklich nicht teuer sind, die nicht von der Abwertung des Geldes abhängen und zum überleben tauglicher sind als das Geld.“

Diop Mambetys Filme erzählen immer wieder von der Musik als fundamentaler Bestandteil des Lebens, die Achtung vor den Musikern und die Liebe zur Musik haben sich tief in seine Tonspuren eingegraben. Marigot ist Musiker, nicht Bauer oder Bankangestellter, und der Lotteriegewinn soll ihm nicht Autos oder Kühlschränke bringen, sondern ihm sein Instrument zurückgeben.

„Und das möchte ich als eine Art Botschaft an alle weitergeben. Wichtiger als die Gesundheit, das Geld oder der Kühlschrank ist es, seine Seele zu behalten. Denn die Seele ist die Tür zur Ewigkeit.“
„Die Seele ist die Musik?“
„Es ist das, was man einfach hat, das billigste.“

Zu Beginn von „Le Franc“ spielt Issa Cissako, Mitglied der legendären senegalesischen Band „Orchestra Baobab“, ein langsames Thema auf dem Saxophon, das sich den ganzen Film hindurchzieht. Wenn Marigot von seinem Instrument träumt, spielt er in seiner Vorstellung dieses Thema auf seiner Congoma. Der Losverkäufer prophezeite es Marigot: Sollte dein Los gewinnen, dann wirst Du nicht nur deine Congoma wiederbekommen, sondern ein ganzes Orchester hinzu. In der Schlußsequenz finden die Instrumente zusammen. Der Rhythmus von Marigots Congoma, die Mundharmonika, sein Gesang und Cissakos Saxophon. Marigot hat seine Sprache wiedergefunden, die ihm die Kommunikation mit seiner Welt öffnet.
Die Musik ist verankert in der Narration, personifiziert in der Figur des Marigot. Zusammen mit den Geräuschen – den Muezzinrufen, dem lauten Schimpfen von Tante Dioumi, dem omnipräsenten Radio – verwebt sie sich zu einer Rhythmus- und Klangraum-Komposition des städtischen Lebens von Dakar.
„Le Franc“ schlägt den Bogen zurück zu Diop Mambetys filmischen Anfängen, zu seinem Kurzfilm „Badou Boy“. Als 20 jähriger Autodidakt drehte er 1965 eine erste Fassung, 1970 folgte eine zweite in Farbe. Djibril Diop Mambety war damals der erste schwarz-afrikanische Filmemacher, der nicht in Europa studiert oder gelebt hatte. Ein jugendlicher Filou wird, weil er Geld gestohlen hat, von einem fetten Polizisten durch die Strassen von Dakar gescheucht. Die Verfolgungsjagd als Keimzelle der Kinodramaturgie, bei Djibril Diop Mambety führt dies zu wunderbaren Slapstick- und Westernsequenzen. Seine Sympathie war schon damals mit den „petite gens“. Die Musik wird auch hier zur Person in der Story: Ein blinder Musiker spielt mit seiner „Calabash“, einem Saiteninstrument, gegen die Großstadthektik an und taucht als running gag an verschiedenen Stellen des Films auf. Der Filou schenkt am Ende das gestohlene Geld dem Musiker, der ganz entzückt davon rennt. Vor lauter Freude über das Geld läßt er sein Instrument zurück. Das Lachen des Jungen verrät, daß er den wahren Schatz gefunden hat. Die Calabash auf den Schultern geht er glücklich an den drängelnden Menschen vorbei, wahrscheinlich an einen ruhigen Ort, vielleicht unter einen Baobab, um sich dort den wichtigen Dingen des Lebens zu widmen und Töne zu kreieren.

Was sich in „Badou Boy“ in der Tonspur und in der Montage von Ton und Bild ankündigte, verdichtet sich einige Jahre später in „TOUKI BOUKI“ (Die Reise der Hyänen), dem ersten langen Film von Djibril Diop Mambety, zu einem ironischen Spiel mit den gängigen Erzählkonventionen und dem seligen Traum vieler junger Menschen im Senegal von der fernen Stadt Paris. Der junge Viehhirte Mouri und die Studentin Anta lieben sich und träumen zusammen von einem luxuriösen Leben in der französischen Hauptstadt. Die Reise ist teuer, aber die beiden entwickeln viel Phantasie, um die Reisekasse zu füllen. Es gelingt ihnen, die Kasse eines Ringkampfes zu stehlen, statt des Geldes aber finden sie einen für sie wertlosen Fetisch-Gegenstand in der Kiste. Bei ihrem nächsten Versuch haben sie mehr Glück. Mouri nimmt bei einer Party im Haus des reichen, schwulen Charlie dessen teure Gardarobe mit. Anta nützt die Zeit und klaut einzelnen Gästen die Brieftasche. Im ebenfalls gestohlenen Wagen des Gastgebers fahren sie mitsamt dem Chauffeur davon. Die Taschen voller Geld können sie sich nun ein Ticket für die Schiffsfahrt nach Paris leisten. Aber wenige Minuten vor der Abfahrt sträubt sich etwas in Mouri. Das Schiff fährt ohne sie ab.

„In`Touki Bouki` machen wir uns über uns selbst lustig, über diese Afrikaner, die so süchtig nach Europa sind, daß sie sich im eigenen Land als Fremde vorkommen. Das Thema ist ernster als in Badou Boy, jedoch nicht weniger spöttisch.“ (3)

Anta und Mouri wollen ihre Liebe und ihre Freiheit ausleben, die Welt soll ihnen offen stehen, ein Gefühl das sie mit vielen anderen Gleichaltrigen Anfang der 70er Jahre teilen und wie überall auf der Welt führt dies zu den klassischen Generationskonflikten. Mouri fährt Motorrad, das Symbol für individuelle Freiheit, auch wenn es auf westafrikanischen Straßen das beste Fortbewegungsmittel ist, zumal für einen Rinderhirten. Die Lenkstange der Geländemaschine hat er mit den Hörnern und dem Schädel eines Stiers verziert, cool, aber auch ein Bild für die Stärke, die Kraft der Erde und die eigenen Wurzeln. Freiheit, wahres Leben, das bedeutet für Anta und Mouri Paris. „Touki Bouki“ ironisiert und dekonstruiert genau diese Projektionsfläche der Träume seiner ProtagonistInnen. Eine Liedzeile aus Josephine Bakers „Paris“ schwebt als permanente Wiederholung grinsend über den Abenteuern der beiden. Diop Mambety vermeidet es, didaktisch zu werden. Im Gegenteil, „Touki Bouki“ ist ein experimentell-filmisches Feuerwerk, das mit westlichen und afrikanischen Erzählkonventionen bricht, sich mit seinen „flash forwards/backwards“ nicht an zeitliche oder räumliche Kontinuität hält, sondern einen Assoziationsstrom hervorbringt, der in faszinierende Schönheit mündet.

Marigot liegt mit dem Rücken auf dem Dach eines Linienbuses und seine Träume vermischen sich mit den Strassenszenen Dakars. Auch wenn Mambéty sein Dakar Porträt „Contras City“ bereits vor über zwanzig Jahre gedreht hat, wirken manche Strassenzüge fast vertraut – die Kolonialbauten sind stabil, da stehen sie ihrem System in nichts nach. Wieder ist es die Musik, mit der Mambéty die Machtsymbole in „Contras City“ ironisiert. Er stellt den Bahnhof vor – die Kamera haftet an den Details, an den verschnörkelte Engelchen, Schnitt auf eine Taube und mit dem Bild setzt die Musik ein, fast wie ein Taubengurren, sie geht über in Stimmen, die undefierbare Laute von sich geben, aber vielleicht hört es sich nicht zufällig so an, als würden die Stimmen „Rokokko, Rokokko“ gurren. Die Musik nimmt den Prunk nicht ernst. Die Prachtbauten teilen Dakar in senegalesische und französische Quartiers. Als Stadt seiner Kindheit ist Dakar nie nur Kulisse, sondern immer auch Handlung. In „Hyenes“ verläßt Mambéty zwar den geographischen Ort, nicht aber den Namen. Das Dorf Colobane wurde nach dem gleichnamigen Stadtteil Dakars benannt.

Bei der Lotterie angekommen sagt man Marigot: „“Ja, Monsieur, Sie haben gewonnen. Aber, Monsieur, haben Sie etwa das Billet auf die Tür geklebt? Monsieur, damit besitzen Sie einen Scheck aus Holz, denn die Kontrollnummer befindet sich auf der Rückseite des Billets.“ Was für ein Pech. So etwas passiert natürlich nicht den Bankangestellten, sondern den einfachen Leuten. Den offenherzigen, naiven Menschen, die denken, daß das Leben von der Offenherzigkeit belohnt wird.“

Die Odyssee mit der Tür auf dem Rücken beginnt von neuem. Das Los muß mit Wasser abgelöst werden und konsequenterweise begibt sich Marigot zum Meer. Nach einem anstrengenden Kampf mit der Tür und den Wellen schreckt Marigot aus seinen Träumen auf, er sieht weit draußen ein Stück Papier davontreiben – vorbei der Traum vom großen Geld. Aber nein, das Los klebt ihm auf der Stirn und es ist das Poster mit Yaadi Koone, das zwischen den Wellen strudelt. Die Ideale haben sich vertauscht, aber Marigot ist glücklich und dirigiert auf den Felsen sein Orchester.

Eine allerletzte Frage. Wir würden gerne noch über die Produktionsbedinungen sprechen. Mit welchen Mitteln wurde der Film finanziert…?
Oh, ich ziehe es vor, mit Ihnen über Poesie zu sprechen, nicht über Scheiße.

Annett Busch, H.P.Metzler

Zitate: (1) Interview aus „Ecran d’Afrique“ nr.2, 1992
(2) Anders, Günther; Die Antiquiertheit des Menschen
(3) „Rebell von Beruf“ von Flavia Bianchi, Zoom 8/92
Die übrigen Zitate sind Teile aus einem Interview, geführt von Annett Busch und H.P. Metzler im August 1994 in Locarno

Biofilmografie Djibril Diop Mambéty

Geboren 1946 in Dakar. Mit 10 Jahren schaut er sich im Kino begeistert Western an, ein paar Jahre später beschließt Mambéty, Schauspieler zu werden. Beim Staatstheater weißt man ihm jedoch bald die Tür, der junge Künstler, Musiker und Komponist will sich nicht in die Gruppe einfügen und erscheint den anderen als disziplinlios. „Ich folgte dem Finger, der mich direkt aus der Tür wieß und Richtung Kino zeigte, so daß ich ins Kino förmlich hineingefallen bin. Mein erster Film ist entstanden, wie die Notwendigkeit in meiner Kindheit, eine Seele hinter einen weißen Vorhang zu projezieren, die sich an andere Seelen wendet, die im Leben stehen.“ (Interview mit Javier Barreiro, Florenz 1994)
1972 Aufenthalt in Rom, Begegnung mit Pasolini. Wie Mouri in „Touki Bouki“ wendet er Europa bald den Rücken zu und kehrt zurück nach Senegal. Vor einigen Jahren hat Mambéty in Dakar eine Schule ins Leben gerufen – Fondation Yaadi Koone – Pour l`Enfance et la Nature.

1965 „Badou Boy“ erste Fassung, s/w
1968 „Contras City“, 16 Min, 16 mm
1970 „Badou Baoy“ zweite Fassung, 60 Min, 16 mm, Farbe
1973 „Touki Bouki“, 110 Min, 35 mm
1989 „Parlons Grand-Mere“, 34 Min, 16 mm, Dokumentarfilm
1992 „HyEnes“, 110 Min, 35 mm
1994 „Le Franc“, 45 Min, 35 mm