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Herbstmond

QIUYUE

Ein junger Japaner, der aus Langeweile mit seiner Videokamera durch die Welt reist, begegnet in Hongkong einem Schulmädchen, das ihm die noch vorhandenen Reste einer in Auflösung befindlichen Kultur erschließt. Ein melancholisch-reflektiver Film, geprägt von der Aufbruchstimmung im Hinblick auf die Rückgabe Hongkongs an China, eine Beschreibung einer politisch wie privat wirksamen Grundbefindlichkeit

Ein schönes Beispiel für den schweren Weg von der Kindheit zum Erwachsen­werden und zugleich eine Facette des Themas „Heimatverlust“ kam aus Hong­kong mit QIUYUE (Herbstmond) von Clara Law, der den Hauptpreis des Festi­vals (von Locarno), den Goldenen Leoparden, gewann. Die fünfzehnjährige, pausbäckige Pui Wai lebt mit ihrer Großmutter in einem der Wohntürme Hong­kongs, in einer graublau modern durchgestylten Wohnung, in der gepackt wird: die Familie wandert aus, wie fast alle, und Puis Eltern samt Bruder sind bereits in Kanada. Auf dem Schulweg trifft Pui einen seltsamen Japaner, der im verdreckten Hafenbecken nach Fischen angelt. Sie spricht ihn an, natürlich auf kantonesisch, er versteht Bahnhof, also mühen sie sich auf englisch, was sehr hübsch und witzig vermittelt ist, als gestisches Tasten von Wort zu Wort. Der Japaner, der sich „Tokio“ nennt, Ende zwanzig ist, filmt mit Video, was ihm vor Augen kommt und kommentiert seine Bilder, etwa die von hübschen Frauenbeinen, mit Binsenweis­heiten. Tokio, ein Fremder in Hongkong, Pui Wai, eine Fremde in der Erwachse­nenwelt: „Why my heart makes bum bum, when lips touch? Why?“. In Hongkong stehen Alt und Neu, Tradition und Moderne nebeneinander, der Hausaltar auf dem Kühlschrank, MacDonalds konkurriert mit den traditionellen Kochkünsten der Großmutter, Kanada dräut, zum letzten Mal feiert Pui das Fest des Herbst­mondes und läßt gemeinsam mit Tokio selbstgebastelte Lichterschiffchen in See stechen. Pui versucht sich in der Liebe mit einem Jungen aus ihrer Klasse, Tokio entdeckt in einer Affäre mit der traurig-schönen Schwester seiner japanischen Ex-Freundin seine abgrundtiefe Einsamkeit. Mit Witz und Wehmut wird dieses Auf­einandertreffen unterschiedlicher Lebensalter, Befindlichkeiten und Kulturen prä­sentiert. Die Regisseurin läßt sich nicht von der naheliegenden banalen Lösung verführen, Pui und Tokio miteinander eine Liebesgeschichte erleben zu lassen, nein, jeder macht seine eigenen schmerzlichen oder schönen Erfahrungen.
epd film 10/92