Macht, Geld, Blut: Damit werden die Einwohner der Provinzen von Neapel und Caserta tagtäglich konfrontiert. Nur eine privilegierte Minderheit kann überhaupt daran denken, ein „normales“ Leben zu führen. Die süditalienische Mafiaorganisation Camorra mischt mit im internationalen Drogenhandel, verschiebt riesige Mengen Giftmüll, macht Geschäfte mit der Herstellung von Designermode, hat praktisch das Monopol auf den Handel mit Zement – und Geschäftsbeziehungen, die von Deutschland bis nach China reichen.
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Regisseur Matteo Garrone beschreibt in fünf miteinander verwobenen Geschichten die suggestive Kraft der Camorra, die Operationen, mit denen die Clans ihre Macht behaupten und die Manipulationen, mit denen sie ihre schmutzigen Geschäfte in Gang halten. Die Vorlage zu diesem Film bildet Roberto Savianos gleichnamiges Enthüllungsbuch. Es sorgte aufgrund der Hintergründe für einiges Aufsehen und ein starkes Medienecho. Der Autor recherchiert trotz Morddrohungen weiter über die Verbrechen des Systems.
Regisseur Matteo Garrone:
„Die Realität, von der ich ausgegangen bin, um GOMORRHA zu drehen, war optisch so eindrucksvoll, dass ich sie mit extremer Einfachheit zu filmen versucht habe, so, als wäre ich ein Zuschauer, der sich rein zufällig am Schauplatz des Geschehens eingefunden hat. Ich glaube, das war die effektivste Herangehensweise, um die Gefühle zu eproduzieren, die ich hatte, während ich an dem Film gearbeitet habe.
Das organisierte Verbrechen Italiens ist eine Wirtschaft, die Krieg produziert. 10.000 Tote innerhalb der letzten 30 Jahre. Laut offiziellen Zahlen gab es sogar im israelisch-palästinensischen Konflikt seit dem Beginn der Intifada weniger Opfer. Dieser „Wirtschaftszweig“ ist gleichzeitig einer der mächtigsten in Italien und mit einem geschätzten Handelsvolumen von 150 Milliarden Euro pro Jahr einer der Geschäftspfeiler in Europa. Zum Vergleich: Die gesamte FIAT-Gruppe macht weltweit ca. 58 Milliarden Euro Umsatz im Jahr.
In den vergangenen 30 Jahren wurden allein von der Camorra 4.000 Leute getötet, das sind mehr als von jeder anderen kriminellen Organisation einschließlich Terroristengruppen.
Die Camorra hat mehr Menschen umgebracht als IRA, ETA, islamische Terrorgruppen und sogar mehr als die Cosa Nostra. Die zahlreichen Clans, aus denen sich die Camorra
zusammensetzt, haben ein dicht besiedeltes Gebiet unter
sich aufgeteilt, das auch die Provinzen von Neapel und Caserta umfasst. Die Grenzen dieses unbeschränkten und
unsichtbaren Reiches werden täglich weiter ausgeweitet und die Herrschaft der Clans über sie ist praktisch vollkommen.
Dabei verdient die Camorra ihr Geld nicht nur mit illegalen Drogen und Waffen oder den Schutzgelderpressungen, sondern auch mit Geschäften in den Bereichen Bau, Tourismus, Mode, Transport, Benzin, Handel, Lebensmittel, Supermärkte, Restaurants, Einzelhandel, Kinos und sogar
Banken. Die unfassbaren Erträge aus diesen illegalen
Aktivitäten werden anschließend in zahlreiche legale Geschäfte reinvestiert, die sich weit über die nationalen Grenzen hinaus erstrecken, von Taiwan bis nach Aberdeen. Die Camorra hat sogar Anteile am Wiederaufbau der Twin
Towers in New York erworben.
Die Camorra verfügt über Tausende von „Mitgliedern“ aus allen sozialen Schichten: Ärzte, Geschäftsleute, Chemiker, Ingenieure, Arbeiter, Bauarbeiter, Müllmänner und Straßenkehrer, Psychologen, Lebensmittelhändler, Schneider, und Landarbeiter. Außerdem wirbt sie Kinder an, die als Drogendealer, Spitzel, Lieferjungen und sogar Soldaten beschäftigt werden und sich so binnen kürzester Zeit von Teenagern zu eiskalten Killern entwickeln. Laut der Nationalen Anti-Mafia-Abteilung (Direzione Investigativa Antimafia – DIA) verfügen die verschiedenen Mafia-Familien
insgesamt über eine Armee von 25.000 „Soldaten“ und weitere 200.000 direkte Unterstützer.
Dank ihrer unschlagbaren Preise verfügt die Camorra über das Monopol bei der Beseitigung von Giftmüll. Seit über 30 Jahren haben Firmen aus Nord- und Mittelitalien ihren Giftmüll im Süden entsorgt, unterstützt durch die Hilfe von Vermittlern, die direkt camorristischen Firmen unterstehen. Auf diese Weise wurden nicht nur ganze Landstriche vergiftet, sondern es wurde auch zum exponentiellen Anstieg der dortigen Krebserkrankungen beigetragen. Würde der illegal von den Clans verwaltete Giftmüll zusammengetragen, es entstünde ein 14.600 Meter hohes Gebirge mit einer Grundfläche von drei Hektar. Also fast doppelt so hoch wie der Mount Everest, der als höchster Berg der Welt gerade mal 8.850 Meter misst.
Im Modesektor produziert die Camorra nicht nur Unmengen an gefälschter Designerkleidung, sie ist durch das riesige Netzwerk an illegalen Firmen, die auf Clankredite angewiesen sind, auch an der Produktion einiger der prestigeträchtigsten italienischen Fashionlabels beteiligt.
Scampia, ein nördlich von Neapel liegender Vorort, gilt als größter offener Marktplatz der Welt für Drogen. Die hier erwirtschafteten Verdienste eines einzigen Clans belaufen sich auf ca. 500.000 Euro. Täglich! Hier nahm auch die Fehde eines der mächtigsten Clans ihren Ausgang, eine Auseinandersetzung, die seit Februar 2004 zu Dutzenden von Toten innerhalb weniger Wochen führte.
Die Geschichten, deren Zeugen Sie nun werden, sind
aus dem echten Leben gegriffen. Diese Dinge sind passiert
und passieren immer noch in neapolitanischen Bezirken
wie Scampia oder im Gebiet von Caserta. Hier und an vielen
weiteren Orten wird das Leben Tausender Männer und
Frauen, viele davon noch sehr jung, von kriminellen Kräften
und deren Gewaltausbrüchen kontrolliert und bestimmt.“




