Der Film erzählt die Geschichte von fünf jungen Afghanen am Ort des verheerenden deutschen Luftangriffs: Mirwais, 10 Jahre und noch ein Kind, redet über Krieg und Frieden fast wie ein Erwachsener. Nazanin, eine Lokalreporterin, kämpft für Gleichberechtigung, obwohl sie die Burka tragen muss. Hasib, ein Student, träumt von freien und fairen Wahlen. Ghulam und Khatera drehen einen Spielfilm, mitten im bewaffneten Konflikt.
Einblick in die Seelenlage einer jungen Generation, die zwischen Taliban und ausländischem Militär aufwächst und sich nach einem arabischen Frühling am Hindukusch sehnt. Ständig ist der Aufbruch in Gefahr, gerät der Alltag zur Gratwanderung. Aus Normalität wird verstörende Wirklichkeit.
Kunduz – vor 2001 ein Zentrum der Taliban-Bewegung – blieb nach der US-Militärintervention bis 2007 relativ ruhig. Seitdem machen das Wiedererstarken bewaffneter Regierungsgegner und der Truppenausbau von NATO-, US- und afghanischen Streitkräften Kunduz zu einem umkämpften Schauplatz. 2009 befahl ein deutscher Offizier hier die Bombardierung zweier von Taliban entführter Tanklaster. Mindestens 90 Menschen kamen dabei ums Leben. Aber bis heute fehlt ein authentisches Bild von den Menschen in Kunduz. Autor und Team haben deshalb den direkten Kontakt mit der Bevölkerung gesucht – Begegnungen, die unser eigenes Afghanistan-Bild hinterfragen.
– Der Kölner Regisseur Martin Gerner hat als Journalist und Filmemacher regelmäßig für ARD, Deutsche Welle, Deutschlandradio und für überregionale Printmedien aus Afghanistan berichtet.
‚Generation Kunduz‘ wurde beim 54. Dokumentarfilmfestival Leipzig 2011 als ‚herausragender deutscher Dokumentarfilm‘ mit dem DEFA-Förderpreis ausgezeichnet.
www.generation-kunduz.com
Interview mit Regisseur Martin Gerner
-Was hat Sie dazu bewogen, diesen Film zu machen?
Im Grunde bin ich äußerst kritisch was die Einseitigkeit unseres Afghanistan-Bildes angeht. Zumal im Fall Kunduz. Die mediale Auseinandersetzung der bekannten Ereignisse erscheint mir rückblickend als reine Binnenansicht. Selten sind es Afghanen, damals wie heute, die bei uns länger als ein paar Sekunden in Fernsehbeiträgen zu Wort kommen. Dabei gibt der tägliche Nachrichtenfluss Anlass zu Skepsis. Wir müssen wieder lernen, den Bildern mit einem gesunden Misstrauen zu begegnen. Die Bundeswehr ist nur ein sehr kleiner Teil dessen, was Leben in Kunduz ausmacht. Und ich betone ‚Leben‘. Weil wir meistens nur von ‚Überleben‘ in Afghanistan reden. Dabei strahlen viele der jungen Menschen, denen ich in Afghanistan und in Kunduz begegne, eine Vitalität aus, die ansteckend ist und die einen peinlich berührt, wenn wir an die Klischees hier zuhause bei uns denken. Jugendliche auf gleicher Augenhöhe zu zeigen mit ihren Träumen, die manchmal von denen Gleichaltriger bei uns gar nicht weit entfernt sind, das hat auch etwas damit zu tun, den Menschen einen Teil ihrer Würde zurückzugeben. Manchmal habe ich den Eindruck, wir sind in einer Art ahnungslosem Gutmenschentum nach Afghanistan gekommen und merken jetzt, dass dort eine Vergewaltigung der Verhältnisse stattgefunden hat.
– Was waren die Umstände, unter denen der Film entstanden ist?
Als ich den Film geplant habe, hatte sich der tödliche Luftangriff am Kunduz-Fluss vom September 2009 noch nicht ereignet. Aber es gab bereits deutsche Opfer in Kunduz. Und es zeichnete sich ab, zumindest wenn man regelmäßig nach Afghanistan fuhr, dass die Lage in der Region sich weiter zuspitzen würde. Für mich war deshalb klar: ich muss dort drehen. Aber anders, als es die Anderen es bisher gemacht haben. Das Thema des deutschen Luftangriffs spielt auch eine Rolle in dem Film.
Mein Anliegen war aber vor allem zu bebildern, was ich seit Jahren empfinde, wenn ich mit Afghanen zusammen bin: einen große Eigenständigkeit und eine Unmittelbarkeit der Menschen, die ganz anders ist als es in den Medien transportiert wird.
Ein Teil des Drehs fand in der heißen Phase des Wahlkampfs statt, ein anderer nach dem deutschen Luftangriff. Die Menschen waren da sehr zurückhaltend. Gerüchte und Drohungen sorgten für spürbares Misstrauen. Trotzdem ist es uns gelungen, das Vertrauen der Protagonisten zu gewinnen. Mir kam zugute, dass ich nicht zum ersten Mal in Kunduz war und mit Sprache und Kultur aufgrund meiner Arbeit und Reisen im Land vergleichsweise vertraut bin. Ich hab es dann vorgezogen, mit afghanischen und persisch-sprachigen Kameramännern zu arbeiten, um den Menschen so näher zu kommen.
– Wie haben Sie die Protagonisten gefunden?
Eine Mischung aus gezielter Recherche und Zufall. Es gab zum Beispiel eine Theatergruppe in Kunduz, die sich allerdings unmittelbar vor Drehbeginn aufgrund der Sicherheitslage aufgelöst hatte. Mit zweien aus der Gruppe hatte ich mich während der Recherchen häufiger getroffen. Mirwais, den 10-jährigen Schuhputzer, haben wir in einer Teestube angesprochen. Er fiel mir auf. Andererseits gibt es viele Jungen wie ihn, mit einem starken Ausstrahlung und Tatkraft trotz der scheinbar aussichtslosen Lage, Kinder die früh erwachsen werden durch die Umstände.
– Wie waren die Drehbedingungen?
Am Wahltag, der im Film vorkommt, sind mehrere Geschosse von außerhalb des Stadtrands in der Stadt gelandet. Eines Morgens, als wir das erste Wahllokal ansteuerten. Nicht alles bekommt man ins Bild, weil es sehr schnell abläuft. Bezeichnender aber erscheinen mir die Begegnungen in den wenigen privaten Räumen, die in dem Film vorkommen: die Angst der Polizeifrau angesichts unseres Besuches bei ihr zuhause. Hier sieht man, welche Ängste und Misstrauen das Leben zwischen den Fronten bei den einfachen Menschen auslöst. Die Ängste gelten ja je nach Situation beiden Seiten im Konflikt, das wird oft vergessen. Deshalb halte ich auch viele der Bilder und Interviews aus Afghanistan, die wir sehen, für geschönt.
– Wie ist die Lage heute in Kunduz und in Afghanistan?
In und um Kunduz haben US-Spezialkräfte mittlerweile viele lokale Taliban-Anführer und ihre Kämpfer umgebracht. Einige Distrikte sind dadurch sicherer, sagen Anwohner wie Militärs. Aber beide stellen sich die Frage, ob dies von Dauer ist oder ob Aufständische zurückkommen werden, wenn das Militär die Stellungen räumt. Immer wieder kommen unschuldige Zivilisten ums Leben. In Kunduz fühlen sich die Menschen in den letzten Monaten einerseits sicherer. Andererseits war die Angst vor Selbstmordanschlägen noch nie so groß wie jetzt. Ich kann auch das Bild nicht bestätigen, nachdem mit Blick auf den Abzug des westlichen Militärs die Lage rosiger wird. Das Gegenteil scheint mir der Fall. Viele Probleme sind, ähnlich wie im Irak, erst mit der Intervention entstanden.
– Was ist die Botschaft des Films?
Die Menschen sind die Botschaft dieses Films. Wer hat ein Bild gehabt von Kunduz bisher, von der Vielfalt und Buntheit, und wo kann man junge Afghanen so unvoreingenommen im Alltag verfolgen ? Das Afghanistan, das ich zeige, ist zugleich so etwas wie ein klar definierter Raum, den ich abstecke und in dem ich möchte, dass man dieser jungen Generation zuhört. So wie man der jungen Generation in der arabischen Welt zuhört in den vergangenen Monaten. Und wenn man vergleicht, kommt man zu ganz überraschenden Beobachtungen. Im Film beklagt z. B. einer der Protagonisten die Korruption der Eliten, die wiederum von uns, dem Westen, gestützt werden. Das sagt etwas über die Hindernisse für Wandel für diese jungen Leute aus, nach zehn Jahren internationaler Präsenz. Auch das hat viel mit uns selbst zu tun. Die jungen Frauen und Männer im Film halten uns damit auch immer den Spiegel vor. Das ist nicht immer angenehm.
– Wie sind die bisherigen Reaktionen auf den Film?
Sehr verschieden. Die Zuschauer reagieren in der Regel sehr interessiert, auch dankbar. Sie ahnen, dass ihnen lediglich ein Teil des Bildes vermittelt wird. Einige gehen mit einer Botschaft von Hoffnung raus, andere das Gegenteil.
Im deutschen Fernsehen suche ich bislang vergeblich nach Reportagen, die sich unvoreingenommen der afghanischen Perspektive näheren. Als ob wir Angst hätten vor etwas, einem Urteil der anderen Seite. »Generation Kunduz« versucht hier mit bescheidenen Mitteln in eine Lücke vorzustoßen.
Nach bald zehn Jahren deutscher Präsenz vor Ort, und der Feststellung einiger, Kunduz sei „die deutsche Medienhauptstadt“ in Afghanistan, ist dies ein Blick auf die Ereignisse, der zum Nachdenken anregen will aber auch Leben auf dieser Seite der Welt in ihr rechtes und ganz persönliches Licht rücken will.





