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Fire – Wenn die Liebe Feuer fängt

Fire

Neu Delhi, heute. Radha lebt seit 16 Jahren in einer arrangierten Ehe ohne Liebe, die den Ehen von Millionen anderer indischer Frauen gleicht – bis zu dem Tag, an dem ihre junge Schwägerin Sita in die Familie eintritt. Sita stellt die überkommenden Traditionen in Frage und zwischen den beiden Frauen entspinnt sich eine Liebes-geschichte, die stärker ist als alle Konventionen. Denn eine solche Liebe ist im heutigen Indien eigentlich unmöglich… – Anhand der Geschichte von Radha und Sita entfaltet sich der Konflikt zwischen Tradition und Moderne, östlicher und westlicher Kultur, Wunsch und Wirklichkeit. Wir erkennen die daraus entstehenden Problemen einer sich wandelnden indischen Gesellschaft.

„What you can’t see, you can see. You just have to see without looking.“ „Was Du nicht sehen kannst, kannst Du trotzdem sehen. Du mußt nur sehen, ohne hinzu­schauen.“
Die junge, hübsche Sita zieht als frischge­backene Ehefrau zur Familie ihres Ehe­mannes Jatin nach New Delhi. Dort wird sie freundlich und wohlwollend von dessen älterem Bruder Ashok und seiner Frau Radha aufgenommen. Beide betreiben ein Schnellrestaurant, nebenan führt Jatin einen Videoverleih. Gemeinsam mit der alten, pflegebedürftigen Mutter Biji und dem Hausdiener Mundu leben sie unter einem Dach. Sita fügt sich schnell in die tägliche Routine der gutsituierten Familie ein, hilft Radha in der Küche und pflegt Biji. Aber schon bald stellt sich heraus, daß die ehrwürdigen Traditionen, auf denen der Hausstand gründet, brüchig sind. Jatin ist besessen von seiner chinesischen Geliebten und auch nicht gewillt, sie trotz Heirat auf­zugeben; Ashok und Radha kommen mit ihrer kinderlosen, sechzehnjährigen Ehe nicht klar; und der Diener Mundu erfreut sich darin, die ehrwürdige Biji mit Pornos aus Jatins Videoladen zu unterhalten. Während die Männer ihre eigenen Wege gehen – Jatin verbringt jede freie Minute mit seiner Geliebten, Ashok bei seinem Guru – kommen sich die beiden Frauen näher. Radha begegnet ihrer jungen, selbstbewußten Schwägerin, die sich mit der traditionellen Frauenrolle nicht ab­finden mag, zunächst mit Verwunderung, dann zunehmend auch mit Verständnis. Sita erweist sich in vielen Dingen als un­konventionell und bringt Leben in den festgefügten Haushalt. Ihre Anwesenheit bleibt für Radha nicht ohne Folgen: Sie beginnt aus ihrer Lethargie und ihrer Re­signation in der Ehe aufzuwachen. Nach und nach vertraut Radha Sita ihre jahrelang verdrängten Wünsche und Sehnsüchte an. Besonders leidet sie unter ihrer Kinder­losigkeit und der mangelnden Zärtlichkeit. Ihre Unfruchtbarkeit hat Ashok in den reli­giösen Kult und in ein Zölibat getrieben. Ausgelöst durch Sita gelangt Radha all­mählich zu neuem Selbstbewußtsein und hinterfragt ihre Ehe und ihren Status.
Auch Sita ist mit der eigenen Situation nicht zufrieden: Die arrangierte Ehe mit Jatin, die Tatsache, daß er eine Geliebte hat, nie da ist und ihr nur äußerst reserviert begegnet, macht sie sehr unglücklich. Ihr erscheinen die Traditionen und Riten hohl und leer, die Frauen zur bedingungslosen Hingabe in der Ehe zwingen. Sie ist nicht gewillt, sich diesem Schicksal einfach zu fügen.
Aus der Freundschaft zwischen Sita und Radha wird Liebe, aus der Liebe wird Lei­denschaft, die nicht unentdeckt bleibt. Von Mundu verraten und von Ashok über­rascht, wagen sie gemeinsam einen neuen Anfang, doch der Preis dafür ist hoch. Am Ende sehen Sita und Radha einer unge­wissen Zukunft entgegen.
Die Familiengeschichte in Fire ist eine Metapher für die großen Veränderungen, die über das heutige Indien, 50 Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung, Einzug halten. Schneller materieller Fortschritt hat eine enorme Spannung zwischen der Sta­bilität der Großfamilie und dem Wunsch der Jugend nach größerer Freiheit und Un­abhängigkeit geschaffen. Die traditionelle Rolle der Frau und die patriarchale Gesell­schaft werden dabei immer mehr in Frage gestellt: Selbstaufopferung und absolute Hingabe sind im Kontext der dünner wer­denden Familienbande, der sich ver­ändernden Geschlechterrollen und der Mo­dernisierung der Gesellschaft immer we­niger aufrechtzuerhalten.

(ma 12.11.03)