Der Schriftsteller Rajat sehnt sich nach den Augenblicken der Wahrheit, die er zuletzt in seiner Kinderzeit erfahren hat. Er macht sich auf die Reise, mit einem entführten Kind – seiner Kindheit – auf dem Rücksitz des Autos. – Das Alle(r)weltskino möchte mit dem Film „Kahini“ einen ungewöhnlichen und anspruchsvollen Film aus Indien vorstellen, soeben erst bei den Berliner Filmfestspielen uraufgeführt. Radikales Autorenkino in dieser Form wurde in Indien bislang nicht verwirklicht. Der Regisseur fragt: „Ist es notwendig, daß der Zuschauer jede Szene ‚richtig‘ versteht?“
Ein Filmkunstwerk, das in keine Schublade paßt
„Es war ein langer und anstrengender Kampf, diesen Film zu machen und zu bezahlen. Ich mußte eine Menge eigener finanzieller Risiken eingehen, weil Finanzierungen praktisch nicht zu bekommen waren.“ sagt Malay Bhattacharya, der diesjährige Gewinner des National Award für den besten Erstlingsfilm eines Regisseurs. „Ich bin sehr glücklich“ sagte er in einem Gespräch mit dem Statesman. Der Film wurde gemeinsam vom Regisseur und seiner Frau, Chandramala Bhattacharya produziert.
„Wenn man ihn überhaupt mit einem Etikett versehen will, dann ist es ein Kunstfilm, aber selbst in diese Schublade paßt er nur unvollkommen. Ich würde ihn als persönlichen Film beschreiben“ reflektiert der fünfundvierzigjährige Regisseur sein Werk. Die Handlung ist knapp, oder eher spärlich. Rajat, dargestellt durch den bekannten Filmschauspieler Dhritiman Chatterjee, ist Schriftsteller, auf den Spuren kafkaesker Helden. Er plant mit der Hilfe eines Taxifahrer und eines Plakatmalers, ein Kind zu kidnappen. Aber bevor Rajat seinen Plan ausführt, hinterläßt ihm ein Fremder einige alte Dokumente und ein verbranntes Bild von ihm als Kind.
Das Motiv für die Entführung ist pures Abenteuer. „Es ist eigentlich eine existentielle Reise auf der Suche nach den eigenen Wurzeln, die Rajat und seine Komplizen zu der Entführung veranlassen. Eigentlich wollen sie nichts Böses.“ erklärt der Regisseur. „Die Reihe von Begegnungen, die diese Männer auf ihrem Weg haben, sind äußerliche Manifestationen ihres eigenen Infragestellen.“
Die Geschichte nimmt eine unerwartete Wendung, als das entführte Kind stirbt, trotz aller Bemühungen der Entführer. Danach bleibt das Ende offen und der Zuschauer wird zur endgültigen Erkenntnis geführt: das Bild des entführten Kindes ist dasselbe wie das Bild von Rajat als Kind.
War das Kind also wirklich oder eine Wiedererschaffung aus Rajats Vorstellung, aus seiner Suche nach seinen Wurzeln? Und wichtiger: gab es die Reise wirklich? Denn die Personen, die Rajat am Ende seiner Reise trifft sind seine Nachbarn, vertraute Gesichter, die er jeden Tag auf seinen Wegen auf der Straße sieht.
„Außer dem existentiellen Dilemma, in dem sich Rajat und seine Freunde befinden, werden auch noch deren Beziehungen erforscht. Der Wunsch nach Liebe zwischen Mann und Frau ist ein Schrei nach Rettung aus unerträglicher Einsamkeit, aber unweigerlich nimmt die Beziehung die Form eines Vertrages an,“ erklärt Bhattacharya.
Bhattacharya, der vom Drehbuchschreiben und Ausstattungsarbeiten für Werbung und Fernsehprogramme lebt, studierte 1970 in Deutschland Graphik-Design, nachdem er die Kunsthochschule in Calcutta abgeschlossen hatte. Er besuchte in dieser Zeit mehrere Filmkurse und war besonders beeindruckt von den Arbeiten der französischen Filmemacher der Nouvelle Vague.
„Aber es gab keine größeren Einflüsse. Ich habe mir das meiste selbst beigebracht,“ sagt er.
Bhattacharya hat auch eine Fernsehserie gedreht, „Galpa Salpa“, die auf 13 Kurzgeschichten von so verschiedenen Autoren wie Saki und Banophool basiert. „Kahini“, begonnen 1994, wurde in Orissa und in der Umgebung von Calcutta gedreht. Die Arbeiten mußten einige Male unterbrochen werden, weil das Geld ausging. „Aber ich muß sagen, es war eine große Gemeinschaftsanstrengung. Viele Techniker arbeiteten monatelang ohne einen Penny und einige brachten sogar ihre Ersparnisse mit ein“, sagt Bhattacharya.
„Trotzdem sollte der Hauptdank an meine Mutter, meine Frau, meine Schwester und meine Freunde gehen, die alles aufs Spiel gesetzt haben und diesen Film möglich gemacht haben.“ (Nessa Bose, The Statesman (Indien), 26. Mai 1996)
