Im chinesischen Bergdorf, wo die Zeit stehengeblieben scheint, genießt das Mädchen Xiang die Ferien. Faszinierend ist der Zug, der täglich aus Peking kommt und Halt macht. Die eleganten Reisenden werden zum Mittelpunkt ihrer Sehnsucht. Eines Tages steigt sie selbst in den Zug… – Ein Film voller Ruhe, Kraft und Heiterkeit in traumhaft schöner Landschaft.
Zum Inhalt
Xiang Xue, die Hauptdarstellerin des Filmes, lebt zusammen mit ihren Eltern in einem abgeschiedenen Bergdorf namens Tai’ergou. Das bäuerliche Leben von Xiang Xues Eltern ist ebenso wie das der anderen Bauern geprägt von harter, mühevoller Arbeit.
Trotz des entbehrungsreichen und bescheidenen Lebens strahlen Xiang Xues Eltern eine innere Zufriedenheit und Ruhe aus. Besonderer Stolz und Freude gilt ihrer Tochter Xiang Xue, die die schwierige Aufnahmeprüfung für die Mittelschule bestanden hat. Zur Belohnung bekommt sie von ihren Eltern neue Schuhe geschenkt und ein besonderes Essen gekocht. Da die Schule erst in ein paar Wochen beginnt, hilft Xiang Xue ihren Eltern bei der täglichen Arbeit im Haus und in der Landwirtschaft. Dennoch bleibt für sie noch genug Zeit, um sich mit ihren Freundinnen zu treffen und sich beim Baden im Fluß oder beim Herumtollen in den Heuhaufen zu vergnügen.
Als ihr Dorf durch ein neugebautes Eisenbahntunnel und Gleise für den Zugverkehr erschlossen wird, ist der von nun an täglich aus Peking vorbeifahrende Zug eine willkommene und zugleich aufregende Abwechslung ihres Alltagslebens.
Kaum hören sie den Zug von weitem herannahen, rennen sie zu den Bahngleisen, um ihn trotz des ohrenbetäubenden Lärmes aus der Nähe betrachten zu können.
Nachdem in Tai’ergou schließlich eine eigene Bahnstation eröffnet wird, wird ihre Furcht und staunende Zurückhaltung vor all diesen fremden Neuerungen schnell durch ihre zunehmende Neugier überwunden.
Die kurze Zeit, die der Zug an dieser Station hält, nutzen sie, um die im Zug sitzenden Großstädter und deren moderne Kleidung sowie ihren Schmuck in kindlich unverblümter Naivität und Offenheit zu bewundern, wobei ihnen zunehmend peinlich bewußt wird, daß ihre eigenen Kleider auf die Städter altmodisch und abgetragen wirken müssen.
Als die Sommerferien schließlich vorbei sind, erhält Xiang Xue für ihren ersten Schultag an der Mittelschule von ihrer Mutter eine handgenähte und mit Blumen bestickte Schultasche und von ihrem Vater einen geschnitzten und mit bunten Schmetterlingen bemalten Griffelkasten.
In der Schule muß Xiang Xue jedoch bald feststellen, daß die anderen Kinder aus wohlhabenden Familien kommen. Während sie von ihren Eltern nur ein einfaches dunkles Brot als Schulmahlzeit bekommt, haben alle anderen Kinder Weizenfladenbrot zu essen und lassen Xiang Xue durch ihre Prahlereien spüren, daß sie aus einer ärmeren Familie kommt. Besondere Bewunderung findet in Xiang Xues Augen eine Federtasche aus Plastik, die ihr von ihrer Mitschülerin mit sichtlichem Stolz präsentiert wird.
In ihrer Freizeit nutzt Xiang Xue jede Gelegenheit, um mit ihren Freundinnen zur Bahnstation zu gehen. Nachdem sie ihre anfängliche Schüchternheit überwunden haben, kommen sie schnell auf die Idee, den Reisenden Früchte, Nüsse und Eier zum Verkauf anzubieten. Durch ihre Geschäftstüchtigkeit können sie sich bald neue Schuhe, Haarschmuck und Kleider leisten.
Eines Tages entdeckt Xiang Xue eine ähnliche Federtasche aus Plastik, wie sie sie schon bei ihrer Mitschülerin bewundert hatte. Der Wunsch, diese Federtasche zu bekommen, ist so groß, daß sie all ihren Mut zusammen nimmt und in den Zug einsteigt, um die Federtasche gegen ihren Korb Eier einzutauschen. Doch bevor Xiang Xue begriffen hat, daß die junge Frau ihr die Federtasche schenken will, hat sich der Zug schon wieder in Bewegung gesetzt.
Der Schaffner versucht, der aufgeregten Xiang Xue zu helfen, indem er ihr den Vorschlag macht, bei Verwandten seiner Frau in benachbarten Dort zu übernachten und mit dem nächsten Zug zurückzufahren. Doch kaum hört sie, daß der Schaffner, in den ihre beste Freundin verliebt ist, verheiratet ist, lehnt sie aus Solidarität zu ihrer Freundin, deren enttäuschte Hoffnung sie nachempfindet, das Angebot ab. Als der Zug bei Dämmerung im nächsten Dorf hält, drückt Xiang Xue der Frau, von der sie die Federtasche bekam, ihren Korb mit Eiern in die Hand und verläßt hastig den Zug, ohne sich noch einmal nach ihr und dem Schaffner unzudrehen.
Ihre Federtasche fest umklammernd, stolpert sie bei zunehmender Dunkelheit entlang der Gleise zurück zu ihrem Dorf.
Zum Aufbau des Films
Ein Jahr lang lebte die chinesische Filmemacherin Wang Haowei in dem Bergdorf Tai’ergou, bevor sie den Film „Oh, Xiang Xue (Originaltitel) drehte. Der Film läßt deutlich erkennen, daß die Regisseurin die tiefe Verbundenheit, die sie in dieser Zeit zu der Natur und den dort lebenden Menschen entwickeln konnte, in ihrem Film zum Ausdruck bringt.
Durch eine bestechende Ästhetik der Bilder, ungewöhnliche Kameraperspektiven, die sonst eher unbeachtete Details in den Mittelpunkt rücken, sowie durch interessant konzipierte Bildschnitte, versucht die Filmemacherin dem Zuschauer Auge und Geist für die Schönheit der Landschaft, aber auch für die Härte und Beschwerlichkeit der dort lebenden Bauern zu öffnen. Lange Bildeinstellungen und die detaillierte Darstellung mancher Handlungen geben dem Zuschauer Zeit, sich in diese fremde Welt einzufühlen. Die beeindruckenden Szenen über das Alltagsleben der Bergbauern, die den Charakter von Dokumentaraufnahmen haben und durchaus Authentizität beanspruchen können, dominieren den Film, so daß die eigentliche Spielhandlung eher in den Hintergrund rückt. Immer wieder gelingt es der Regisseurin, den einfachen und alltäglichen Arbeiten der Bauern – sei es beim Waschen der Wäsche oder des Gemüses im Fluß, sei es bei der Herstellung von Filz oder dem Mahlen der Nüsse – eine faszinierende Schönheit abzugewinnen.
Lautmalerische Gestaltungen, so zum Beispiel das Geräusch übereinander geworfener Steine, da sich mit dem Einstreuen der Nüsse auf die Steinmühle der Folgeszene mischt, lassen die Übergänge von einer Arbeitsszene zur anderen fließend erscheinen. Die Mühsal und Geduld, mit der Xiang Xue und ihr Vater die Steine im ausgetrockneten Flußbett zur Seite schaffen, um ein kleines Stück bebaubares Land zu gewinnen, wird durch lange Einstellungen und detailgenaue Bilder festgehalten. Als sie einen großen Steinbrocken zur Seite werfen, dessen Aufprall von den Felsen als Echo widerhallt, wechselt die Einstellung von der Nahaufnahme zur Totalen, die den Blick auf ein beeindruckendes Panorama von Bergmassiven freigibt und die eben noch als groß erscheinenden Menschen und Steine zu einem verschwindend kleinen Mosaik werden läßt.
Die durch solche beeindruckenden Bilder und Lautmalereien wiedergegebene Stille und Harmonie der Natur und der mit ihr eng verknüpften Lebensweise der Bauern wird durch das Herandonnern des Zuges, dem Boten aus einer modernen, an technologischem Fortschritt orientierten Welt, unterbrochen.
Soziale Hintergründe
Xiang Xue wird in jeder Hinsicht als vorbildliches Mädchen dargestellt. Sie ist fleißig in der Schule, zuvorkommend, bescheiden und scheut keine Arbeit, auch wenn sie noch so mühselig sein mag. Kurzum, eine Tochter, auf die die Eltern stolz sein können. Die warme Beziehung zwischen Eltern und Tochter wird so einfühlsam durch entsprechende Gesten und Handlungen vermittelt, daß der fast gänzliche Verzicht auf Dialoge keineswegs als Widerspruch, sondern als Betonung dieser Innigkeit verstanden wird. Aber auch in anderer Hinsicht ist Xiang Xues Familie vorbildlich. Was dem westlichen Publikum als selbstverständlich erscheinen mag, dürften chinesische Zuschauer durchaus als ungewöhnlich empfinden. Denn soweit dies aus dem Film hervorgeht, ist Xiang Xue ein Einzelkind und noch dazu ein Mädchen.
Zwar wird die Ein-Kind-Politik seit mehr als zwanzig Jahren von der chinesischen Regierung streng propagiert, doch sind Einzelkinder auf dem Lande, wo immerhin 80 Prozent der chinesischen Bevölkerung leben, immer noch die Ausnahme, keinesfalls die Regel. Sämtliche Bemühungen der Regierung, ihre Bevölkerungspolitik teils mit rigorosen Sanktionsmaßnahmen durchzusetzen, scheiterten am Widerstand der Bauern. Dieses Verhalten liegt unter anderem darin begründet, daß Kinderreichtum für die Bauern nach wie vor viele billige Arbeitskräfte bedeutet, die ihnen bei der immer noch arbeitsintensiven und beschwerlichen Arbeit aushelfen und ihre Versorgung im Alter absichern. Da Mädchen früh verheiratet werden und danach mit der Familie des Ehemannes leben, werden Söhne den Töchtern seit altersher vorgezogen.
Auch hinsichtlich des Schulbesuchs muß Xiang Xue als glückliche Ausnahme eingestuft werden. Für die meisten Bauern stellt der Schulbesuch eine nicht unerhebliche finanzielle Belastung dar. Falls man es sich nicht leisten kann, alle Kinder in die Schule zu schicken, bleibt dieses Privileg meistens den Söhnen vorbehalten. Mädchen haben vor allem in den unterentwickelten ländlichen Gebieten die schlechtesten Bildungschancen. Ihre Benachteiligung im Erziehungswesen wird vor allem dadurch dokumentiert, daß zwei Drittel aller Analphabeten in China Frauen sind und sich diese Tendenz auch heute noch fortsetzt, da über 80 Prozent der schulpflichtigen Kinder, die keine Schule besuchen können, Mädchen sind.
Aus dieser gesellschaftlichen Perspektive betrachtet, nimmt das hier im Film dargestellte Familienleben eine Vorbildfunktion ein, die den Vorstellungen der Regierung entspricht, aber noch weit davon entfernt ist, alltägliche Realität zu werden. Mit diesem Film wird jedoch der Versuch gemacht, anders als bei der meist aufdringlich inszenierten Propaganda, die chinesische Bevölkerung auf einfühlsame und zurückhaltende Weise zum Umdenken zu bewegen.
Auf die gleiche subtile Weise und ebenfalls durch die Hintertür einer sensibel eingebrachten Symbolsprache, greift die Regisseurin eine weitere Problematik der chinesischen Gesellschaft auf: das Stadt-Landgefälle und die daraus resultierende Landflucht. Da das Leben auf dem Lande von Entbehrungen und harter Arbeit geprägt ist, wandern Millionen junger Menschen in die urbanen Gebiete ab, um dort in der Anonymität der Großstädte als Tagelöhner ihr Glück zu versuchen. Fasziniert von dem modernen und fortschrittlichen Leben in den Städten, kehren viele von ihnen für immer dem Leben auf dem Lande den Rücken.
Für Xiang Xue wird in dem oben erwähnten Sinne die Federtasche aus Plastik zum Objekt der Begierde, dessen Neuheit sie so fasziniert, daß sie darüber die Wertschätzung für den hölzernen Griffelkasten, den ihr Vater mit viel Sorgfalt für sie geschnitzt und bemalt hat, vergißt. Als Xiang Xue nach viel Aufregung endlich die so sehr gewünschte Federtasche in den Händen hält, scheint sie dennoch nicht ganz glücklich zu sein.
Das das Alltägliche als selbstverständlich aufgefaßt wird und somit an Wertschätzung verliert, versucht der Film auch dadurch anzudeuten, daß die Großstädter von der Schönheit der Landschaft tief beeindruckt sind, wohingegen Xiang Xue und ihre Freundinnen erstaunt fragen, was an dieser Landschaft, die sie doch tagtäglich sehen, besonders sein soll. (Ursula Dreikosen, 1994)
Der Schriftsteller Rajat sehnt sich nach den Augenblicken der Wahrheit, die er zuletzt in seiner Kinderzeit erfahren hat. Er macht sich auf die Reise, mit einem entführten Kind – seiner Kindheit – auf dem Rücksitz des Autos. – Das Alle(r)weltskino möchte mit dem Film „Kahini“ einen ungewöhnlichen und anspruchsvollen Film aus Indien vorstellen, soeben erst bei den Berliner Filmfestspielen uraufgeführt. Radikales Autorenkino in dieser Form wurde in Indien bislang nicht verwirklicht. Der Regisseur fragt: „Ist es notwendig, daß der Zuschauer jede Szene ‚richtig‘ versteht?“
