Die zwölfjährige Sara lebt mit ihrer Mutter Esma im Nachkriegs-Sarajevo. Ihr Vater ist – so erzählt Esma – ein stolzer Kriegsheld, der im Balkankrieg heldenhaft gestorben ist. Doch diese Fassade wird immer brüchiger. Und schließlich kommt Sara hinter das Geheimnis ihrer Mutter: Esma wurde in einem Kriegslager vergewaltigt und gezwungen, das Kind auszutragen. Sara ist also die Tochter eines serbischen Chetnik! Mehr könnte sie ihre Mutter und sich selbst nicht hassen …
Jasmila Žbanic ist ein aufwühlender Film gelungen, der eindrucksvoll nachvollziehbar macht, wie im heutigen Bosnien um Normalität gerungen wird. Die Jury der Berliner Filmfestspiele zeichnete das mutige Werk mit dem Goldenen Bären aus.
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INTERVIEW MIT REGISSEURIN JASMILA ŽBANIC
Ihr Film heisst im Original Grbavica; ein Wort, das Ausländern vermutlich die Zunge brechen wird. Was ist Grbavica?
Grbavica ist ein Stadtteil, nicht weit von dem Haus, in dem ich lebe. Während des Krieges wurde dieses Gebiet von der serbisch-montenegrischen Armee besetzt und zu einem Kriegslager umgewandelt, in dem die Zivilbevölkerung gefoltert wurde. Wenn man heute durch Grbavica geht, sieht man typische Bauten aus der Zeit des sozialistischen Regimes, Einheimische, Läden, Kinder, Hunde … und gleichzeitig spürt man, dass etwas Unausgesprochenes, Unaussprechliches, Unsichtbares da ist, dieses befremdliche Gefühl, das man hat, wenn man an einem Ort ist, der von großem, menschlichem Leid geprägt ist. Grbavica ist ein Mikrokosmos, zu dem Esma und andere Helden gehören. Aus etymologischer Sicht bedeutet das Wort „Grbavica“ eine Frau mit einem Buckel. Auch, wenn es ein bisschen schwer auszusprechen ist – ich fand, dass diese unschönen Buchstaben die passende Lautmalerei für die Welt von Esma sind.
Wie kamen Sie auf die Geschichte?
Als der Krieg begann, habe ich mich gefreut, weil meine Mathe-Klausur abgesagt wurde. Als Teenager war ich hauptsächlich an Sex interessiert, oder mehr noch am Reden über Sex, am Träumen von Sex als größte Erfüllung der Liebe. Aber 1992 war plötzlich alles anders und ich begriff auf einmal, dass ich mich in einem Krieg befand, in dem Sex als Kriegsstrategie benutzt wurde, um Frauen zu erniedrigen und damit die Vernichtung einer ethnischen Gruppe herbeizuführen. Während des Krieges wurden in Bosnien 20.000 Frauen systematisch vergewaltigt. Ich wohnte damals 100 Meter von der Front entfernt und hatte schreckliche Angst vor dieser Art des Kampfes. Seitdem wurden Vergewaltigung und die Konsequenzen daraus für mich zu einer Obsession. Ich verfolgte und las alles, was mit diesem Thema zusammenhing. Trotzdem war mir nicht ganz klar, warum ich das tat oder was ich damit anfangen wollte.
Als ich mein Kind auf die Welt brachte, ein Kind der Liebe, hat die Mutterschaft in mir ein Gefühlschaos verursacht, das mich sehr schockiert hat. Ich habe mich gefragt, was für eine emotionale Bedeutung das für eine Frau haben muss, die ihr Kind im Hass empfangen hat. Ab dem Moment wusste ich, was ich von Grbavica wollte und schrieb es noch während der Stillzeit auf.
Sie haben Regie geführt und das Drehbuch geschrieben … Was war für Sie wichtig bei der Entwicklung der Charaktere?
Vor einiger Zeit starb eine Person, die mir sehr nah gewesen ist. Ich stand morgens auf und putzte meine Zähne. Und ich fragte mich, ob diese Welt eigentlich noch existiert, ob es möglich ist, dass ich noch existiere und meine Zähne putze und Geheimnis in sich trägt. Ihr Leben baut auf einer Lüge auf, fast alles, was sie sagt, hat eine völlig andere Bedeutung. Mirjana hat viele verschiedene Farben. Ich habe viel von ihr gelernt. Je mehr ich mit ihr arbeite, desto mehr verehre ich sie. Einer meiner liebsten Filme ist „When Father Was Away on Business“ von Emir Kusturica, in dem Mirjana die Mutter Sena dargestellt hat. Wenn wir diese beiden Figuren vergleichen, die Mirjana spielt, die eine aus dem Sozialismus, die andere aus der heutigen Zeit, können wir den Wandel erkennen, der innerhalb einer Gesellschaft und einer Frau im Land vor sich gegangen ist.
Alle Darsteller, auch diejenigen in kleineren Rollen, scheinen Sie zum Strahlen zu bringen …
Grbavica ist zuallererst ein Schauspielerfilm. Mir war klar, dass ich diesen Film nur mit großartigen Schauspielern zum Leben erwecken konnte. Das gilt ganz besonders für die Figuren der Mutter und der Tochter. Deshalb haben wir uns sehr viel Zeit für das Casting genommen. Zum Beispiel sind wir von Schule zu Schule gezogen und haben über 2.000 Kinder interviewt. Dann haben wir eine engere Wahl aus 200 Kindern vorgenommen, mit denen ich persönlich gesprochen habe und daraus haben wir dann 20 Kinder ausgewählt, mit denen wir sieben Tage lang gearbeitet haben – um heraus zu finden, welches der Kinder Schauspieltalent hat, aber auch die Fähigkeit zur Weiterentwicklung, zur Konzentration und dem Aufnehmen dass alles noch am selben Platz wie gestern ist, als wäre nichts passiert. Kein Blatt sollte mehr vom Baum fallen, weil mein persönliches Leid so groß ist. Bei Esma habe ich genauso gedacht. Ihre Tragödie hat die Welt nicht davon abgehalten, sich weiter zu drehen. Ihr Leben geht weiter, sie schmiert ihrem Kind ein Pausenbrot, sie lacht und macht Witze, bügelt, benutzt die öffentlichen Verkehrsmittel … Während ich das Drehbuch für den Film geschrieben habe, und auch später, als ich Regie führte, habe ich die Dinge von diesem Blickwinkel aus betrachtet. Christine Maier, die Kamerafrau und ich wollten eine undramatische Kamerabewegung und Bildkomposition, um uns in diese Alltagswelt zu führen, unter deren Oberfläche Vulkane lodern. Wir sind Esma so nah, wie sie es uns erlaubt, auf der Distanz, auf der sie uns halten will. Außerdem war es uns wichtig, Sarajevo als einen der Charaktere zu zeichnen.
Dem internationalen Publikum ist Mirjana Karanovic wahrscheinlich am ehesten aus ihren Rollen in den Filmen von Emir Kusturica bekannt. Hatte sie möglicherweise längere Zeit keine Rolle, in der sie ihr volles Schauspieltalent und ihr Charisma zum Ausdruck bringen konnte?
Mirjana ist eine großartige Künstlerin. Sie ist wie ein geheimnisvolles Instrument, das jede Regung der menschlichen Seele wiedergibt und das durch jeden Misston, selbst den kleinsten, verletzt wird. Sie spielt immer in mehr als nur einer Dimension. Wenn man so möchte, ist Esma eine Frau, die ein von Hinweisen. Was die anderen Schauspieler betrifft, haben wir nach einer langen und sorgfältigen Auswahl viele Proben gemacht, teilweise an den Originialdrehorten, damit sich die Schauspieler an die Welt gewöhnen konnten, die wir kreieren wollten. Was mich glücklich gemacht hat, abgesehen davon, dass die Schauspieler absolut professionell gearbeitet haben, ist die Tatsache, dass sie ihre Figuren, das Drehbuch und die Crew sehr gemocht haben. Jeder wollte sein Bestes geben. Für mich waren sie eine große Unterstützung.
Wie ist es, mit Kindern zu drehen?
Die 13-jährige Luna Mijovic (Sara), der 14-jährige Kenan Catic (Samir) und die anderen jungen Schauspieler sind nicht wie Kinder, sondern wie gleichwertige Partner behandelt worden. Und genauso haben sie auch ihre Rollen verstanden: sie waren sehr ernsthaft, verantwortungsvoll und kreativ. Und abgesehen von dieser professionellen Seite, hat sie das ganze Team geliebt. Sie haben gespürt, dass sie unsere volle Unterstützung haben.




