1975 dreht Stephan Köster für eine kommunistische Kölner Filmgruppe in Vietnam den Einmarsch der Vietcong in Saigon. 1982 überprüft er seine damalige politische Einstellung an späteren Erfahrungen und zieht eine filmische Bilanz.
Filmreste und Unverarbeitetes von Stephan Köster
„28. April 1975. Nachts. Ich bin seit zwei Tagen in Vietnam. In den unbeleuchteten Straßen von Saigon knallt es vereinzelt. Trotz der Ausgangssperre. Wir haben uns ins fensterlose Badezimmer gelegt, aus Angst von Querschlägern und Glassplittern. Xuan setzt sich auf und lehnt sich mit dem Rücken an die Badewanne. Ihr verheultes, abgeschminktes Gesicht sieht fremd aus. Xuan, die doch zur anderen Seite gehört. Ansagerin des reaktionären Fernsehens hier, die schon mal mit US-General Westmoreland getanzt haben will. Sie weiß natürlich nicht, daß ich für die Befreiungsfront arbeite. An der Badezimmertür habe ich uns eine Notausrüstung bereitgelegt. Meine Kamera, die festen Stiefel und eine Packung Hansaplast. Und auch Xuans zierliche, zehn Zentimeter hohe Trippelschritt-Sandalen. Ich sehe beim Einschlafen die mißbilligenden Mienen meiner Genossen.“
Als unverdächtiger westdeutscher Journalist getarnt war ich im geheimen Auftrag des Nordvietnamesischen Fernsehens nach Südvietnam geflogen. Ich sollte den Rückzug der amerikanischen Truppen aus der eingekesselten Stadt filmen und mich dann von der Kriegsfront überrollen lassen. Jeder nordvietnamesische Kameramann wäre bei so einem Vorhaben verhaftet und zu Tode gefoltert worden. In zwei Monaten drehte ich, gegen alle aufkommenden Zweifel, den Propagandafilm „Saigon Giaiphong“ (Die Befreiung Saigons). Ein naiver Erfolgsbericht, der weder der historischen Situation, noch meinen privaten Erfahrungen gerecht wurde.
Xuan half mir bei den Dreharbeiten. Vergeblich versuchten wir zu heiraten.
Als ich zurückkam, war ich sprachlos: Ein Doppelgänger schien für mich schon Bericht erstattet zu haben. Während meiner Weltabgeschiedenheit in Saigon hatten die ungeduldigen Genossen meiner Vietnamhilfeorganisation in Köln sich einen schwärmerischen Augenzeugenbericht ausgedacht, den sie als mein Werk auf Großveranstaltungen verlasen und in unserer kleinen Zeitung unter meinem Namen veröffentlichten. Um sie nicht Lügen zu strafen und der Organisation nicht zu schaden, habe ich meine eigene verworrene Geschichte, die Konflikte, in die mich meine Mission brachte, nicht mehr zu erzählen gewagt.
Nicht nur, weil der Sozialismus in Indochina nicht das hielt, was wir uns von ihm versprochen hatten, habe ich heute einen schalen Geschmack im Mund, wenn ich an meine Propagandaarbeit denke. Wer war der Mann mit der Kamera? Was war in seinem und im Kopf seiner Freunde los? War unsere politische Utopie das Pendant zum Glauben unserer Väter an unbegrenztes Wirtschaftswachstum? Darauf wird es nie eine schnelle Antwort geben. Nur für mich gesprochen (die Gruppe um mich ist wegretuschiert): Meine Rolle als Propagandist beunruhigt mich. Meine Verbeugung vor den Vietnamesen war keine Annäherung.
Kambodscha. Totenköpfe mit zugebundenen Augen.
Weil ich nicht so sicher bin, daß uns die Geschichte freispricht von Fahrlässigkeit, möchte ich ihr mit Fragen zuvorkommen.
Der Und-damit-basta-Vorschlag auf grüblerische Problematisierungsversuche hin, daß ich ja aus berechtigten Gründen etwas gemacht habe, das zwar falsch geworden sei, daß aber immer noch richtiger gewesen sei, als nichts zu tun, ist genau das verzwickte Verteilerkreuz für tausend neue Überlegungen. Denn wir hatten uns das zu einfach vorgestellt: den Sieg des Guten über das Böse.
Ich würde mich gerne distanzieren. Ein Fisch, der rückwärts aus der Reuse schwimmen will. Die letzten Tage eines Dreißigjährigen Krieges, die ersten Tage einer Revolution. Wen hätte das nicht traumatisiert? Ich würde mich gerne korrigieren. Den Erfolgsbericht von damals zerreißen und ganz neu zusammenfügen. Meine Tagträume von Saigon erhalten und nicht ausnüchtern. Nach sieben Jahren werde ich meine Geschichte jetzt erzählen. Wissender und ratloser zugleich, mit Sorgfalt und anarchischer Lust. Ohne Fremdmaterial, ohne Archivmaterial, ohne Zitate und ohne die alte politische Sprache. Harte Spielregeln, denn es könnte ein Trivialroman dabei herauskommen.
Meine Naivität, meine Hingabe, meine Arroganz und mein Opportunismus interessieren mich.
Was ich in Saigon verdrängt habe, kommt zum Teil als Filmrest wieder zum Vorschein. Als die Vietkong das Parlamentsgebäude stürmten, habe ich auch kurz meine Freundin gefilmt. Wie sie, die konservative Bürgerstochter, der neuen Macht entgegenschaut. Sie dreht sich nach mir um. Absolute Bestürzung im Gesicht. Vier Sekunden Film, die ich im Schneideraum vor meinen politischen Freunden versteckt hatte.
Ich stelle der Geschichte meiner Enttäuschung die Geschichte meines Großonkels Alfred voran, der sein Ziel, ein großer Sänger zu werden, nicht erreichte. Onkel Alfred verlor seine Stimme. Sie war falsch ausgebildet worden. Aus Gram fuhr er zur See und filmte alles, was ihn schwermütig machte.
Ohne Onkel Alfreds fünfzig Jahre alten Bilder von Sürmen, Möven, Schiffswracks und Sonnenaufgängen könnte ich meine Geschichte kaum erzählen.
Manche Dinge muß man griffbereit aufheben, weil man sonst sein Leben nicht fassen kann: Aus Bildern von Souvenirs montiere ich einige Episoden meiner Zeit in Vietnam. Andere aus privaten Erinnerungsfotos, wie einen Fotoroman. Mit Schnipseln aus 8-mm-Filmen und meinen Comic-Heften erzähle ich vom Kind, bevor es sich der Weltrevolution anschloß. Ohne die Filmschnipsel und die Comic-Figuren könnte ich meine Geschichte kaum erzählen.
Nach meiner Rückkehr aus Saigon im Juli 1975 hatte ich bei der Vietnamesischen Botschaft in Ost-Berlin um Xuans Hand angehalten. „Du mußt ein Jahr Geduld haben“, sagte der Genosse Sekretär und schreib alles auf. Ich glaubte gar nichts und verliebte mich in eine andere.
Mit einem absichtlich gemeinen Telegramm brach ich den Kontakt zu Xuan ab. Sie würde niemals Vietnam verlassen dürfen, dachte ich, und es sei besser so für sie. Hatte ich ihr nicht schon in Saigon gesagt, als sie erzählte, sie sei eine Nachfahrin des viertnamesischen Kaisers und sie müsse die Welt kennenlernen, daß sie eine Träumerin sei und sie sich lieber der Revolution anschließen solle?
Entgegen meinen Prophezeiungen durfte Xuan doch nach einem Jahr ausreisen. Sie lebt jetzt in Paris als erfolgreiche Geschäftsfrau. Vor der Kamera haben wir unser erstes ernsthaftes Gespräch seit sieben Jahren geführt.
Auf dem Monitor sieht Xuan wunderschön aus in ihrem Zorn auf den Propagandafilm.
