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Dao, die Schildkrötenmutter

MOEDER DAO, DE SCHILDPADGELIJKENDE

Aus dem Material von über 200 Dokumentarfilmen, die holländische Kameraleute zwischen 1912 und 1933 in Niederländisch-Indien, dem heutigen Indonesien, gedreht haben, entstand dieser Film. Das Werk zeigt das damalige Verständnis, mit dem die Niederländer ihre Kolonien regierten und führt vor Augen, wie der Rassenunterschied Rechtfertigung genug war, Macht über die Bevölkerung auszuüben. Javanische Gedichte und Lieder bilden die Tonspur dieses bemerkenswerten Filmes, der den damals Gefilmten heute endlich etwas Respekt erweisen möchte.

Einer Legende der Bewohner der westlich von Sumatra gelegenen Insel Nias zufolge wurde die Erde von der Schildkrötenmutter Dao geschaffen. Sie sammelte ihren eigenen Kot, formte daraus eine Kugel, und die Welt war geschaffen. Später wurde Dao ohne Befruchtung durch ein Männchen schwanger und gebar ein Mädchen und einen Jungen. Sie waren die ersten Menschen und lebten auf fruchtbarer Erde.

Der Regisseur Vincent Monnikendam durchforstete Archive nach den alten Nitratfilmen, die holländische Kameraleute zwischen 1912 und 1933 in Niederländisch-Indien gedreht hatten. Aus dem Material von über 200 Dokumentarfilmen, die oft weder Informationen noch Erklärungen enthielten, entstand „Dao, die Schildkrötenmutter“. Das Werk zeigt, wie die Niederländer in jenen Tagen ihren Überseebesitz regierten und wie sie ihre Kolonialgesellschaft gefilmt haben wollten; es entstand ein packender, oft komischer und manchmal tragischer Abriß des Kolonialismus.

Die Bilder sind aus unterschiedlichen Gründen bemerkenswert. Das Gros der Aufnahmen diente propagandistischen Zwecken, und viele Sequenzen erschienen durch ihre Einstellungen und Perspektiven wie eine Kopie der damaligen Realität: die Holländer als omnipotente Herrscher, die ihre Anwesenheit in der Kolonie nicht in Frage stellen und Niederländisch-Indien als eine Welt verstehen, der sie Zivilisation, Handel und Christentum gebracht haben. Nur einige wenige Aufnahmen bekunden Interesse für die traditionelle Kultur und die Ureinwohner.

Das von Monnikendam gefundene Material enthält nichts, was die niederländischen Behörden zu sehr verstimmt hätte. Es überrascht deshalb nicht, daß die aufkeimende nationalistische Bewegung in den als Auftragsarbeiten angefertigten Filmen überhaupt nicht anzutreffen ist. Gleichwohl führt „Dao“ überdeutlich vor Augen, daß der Rassenunterschied für die Niederländer Rechtfertigung genug war, Macht über die eingeborene Bevölkerung auszuüben. Diejenigen, die seinerzeit wenig oder gar nicht über ihr Leben bestimmen konnten, erhalten jetzt von Monnikendam und seinem Komponisten Jan-Dries Groenendijk etwas Selbstachtung und Respekt.

Kommentare gibt es in diesem als tonalem Gemälde bezeichenbaren Film nicht. Alte javanische und neue indonesische Gedichte. Lieder und Texte verbinden sich mit einem Soundtrack, der sich subtil den natürlichen Geräuschen nähert, die man den Originalaufnahmen hören würde, wenn es die Tontechnik damals schon gegeben hätte. Vor der Fassade, die es errichten sollte, darf das historische Material für sich selbst sprechen. Die Lieder und Gedichte verleihen den Einheimischen eine Stimme, die diese Fassade überwindet. Dahinter befindet sich ein anderer Raum, den die meisten von uns noch nicht kennen.

„Mutter Dao“ wurde 1995 mit dem Großen Preis des Dokumentarfilms in Marseille ausgezeichnet.