Der junge und etwas eingebildete Chilsu wird zum Assistenten des bescheidenen und ernsthaften Plakatmalers Mansu. Chilsu hat große Pläne. Er träumt vom Studium in Miami; Mansu, wegen der politischen Haft des Vaters zum Außenseiter abgestempelt, hofft, diesen bei einem Hafturlaub zu sehen. Doch beide werden bitter enttäuscht. Als sie harmlos auf dem Dach des Hochhauses, auf dem sie gerade arbeiten, spielen, wird dies als Selbstmorddrohung aufgefasst.
Ich habe Lee Chang-Ho wiedergesehen, der gerade vom New York-Filmfestival zurückkam, bei dem sein Film „Der Mann mit den drei Särgen“ gezeigt wurde. „Der Mann mit den drei Särgen“ ist ein ungewöhnliches Werk, dass das Spaltungsproblem und die Möglichkeit seiner Überwindung – das ist die größte Aufgabe für Südkorea – darstellt. Dabei wird ein koreanischer Volksglaube, ‚Mudan‘, als Wille zur Einheit im Unterbewussten dargestellt.
Wie war das Echo in New York?
„Mir scheint, daß sie den Film nicht verstanden haben. Das Thema ist vielleicht für die Abendländer schwer zu verstehen. Aber in Deutschland, wo das Land in Ost und West gespalten ist wie bei uns, gab es ein entsprechendes Echo. Hingegen in Amerika gar nicht. Sie verstehen nicht, was es bedeutet, wenn ein Land gespalten wird, obwohl sie eigentlich daran schuld sind. Nur Susan Sonntag lobte den Film.
Lee Chang-Ho hat den Leuten von ‚Cinesaison‘ (Kino in Tokyo) von seinem nächsten Film erzählt. Der Titel seines nächsten Films heißt „Tannim“ (Gott der Erde). „Die Hauptfigur ist eine gewöhnliche Hausfrau. Sie wird sich ihrer selbst bewusst, setzt die Demokratisierung in der Familie durch, und darüber hinaus arbeitet sie für die Demokratisierung der Gesellschaft. So eine Geschichte. Ich habe vor, für die Hauptrolle unter echten Hausfrauen zu werben.“
Das Taikan-Theater besitzt einen 70mm-Projektor und einen Kinosaal mit 1500 Plätzen. Es ist das größte Kino in Südkorea. Dorthin bin ich gegangen, um „Amerika, Amerika“ von Chang Giru-Su zu sehen. Das ist sein neuester Film. Er ist ein vielversprechender Regisseur, seit seinem Debut-Film „Im Fieber der Nacht“ hat er wegen seines neuartigen Stils Aufmerksamkeit erregt. Dieser Film wurde ganz und gar in Amerika gedreht. Die große Schauspiel – Veteranin Kim Ji-Mi produzierte hier zum zweiten Mal. Sie spielt in dem Film die Rolle einer Frau, die auf ihren Mann wartet, der wegen Mordes im Gefängnis sitzt. Die beiden sind Einwanderer … In der Spannung oder in der Entfaltung der Geschichte fehlt etwas, wenn ich diesen Film mit einem anderen, „The Deep Blue Night“ von Bae Chang-Ho aus dem Jahre 1985 vergleiche. Die beiden Filme handeln zwar von den Einwanderern, aber der letztere schildert das Scheitern eines jungen Mannes, der Träume und Ehrgeiz auf Amerika richtet und bereit ist, seine eigene Seele zu verkaufen, um eine Grüne Karte zu bekommen. Übrigens, Lee Po-I, die die Tochter in „Amerika, Amerika“ gespielt hat, hat gleich danach plötzlich geheiratet, und sie ist nach Los Angeles gegangen, für immer. Lee Po-I, bitte komm zurück zur Leinwand!
Ich bin zu einer Pressevorführung des Films CHILSU UND MANSU in der Filmförderungsanstalt (`Motion Picture Promotion Corporation‘, A.d.R.) gegangen. Das ist ein Debütfilm von Park Kwang-Su. Die Filmförderungsanstalt ist eine halbamtliche Organisation, die südkoreanische Filme verwaltet und über Ateliers, Tonaufnahmestudio(s), Labor und Vorführräume verfügt. CHILSU UND MANSU ist die Verfilmung eines gleichnamigen Theaterstücks, das auf der Yome-Bühne vorgeführt wurde und großen Erfolg hatte. Auf dem Theater war das eine ungewöhnlich schwarze Komödie, in deren Verlauf zwei unbekannte Maler von einer mobilen Polizeitruppe umringt werden und untergehen. Die filmische Fassung ist demgegenüber etwas bearbeitet und abgewandelt, sie geht tiefer. Chilsu ist ein junger Mann, aus Dongduchon (wo es einen amerikanischen Militärstützpunkt gibt), er sagt immer „ich werde in Miami studieren“, obwohl sein Wunsch nie erfüllt werden wird. Mansu ist ein Mann mittleren Alters. Sein Vater sitzt wegen des antikommunistischen Gesetzes im Gefängnis, so dass er als Kind als Roter etikettiert und aus der Gesellschaft ausgestoßen wurde. Deswegen tragen die Hauptfiguren eine Last, die in den bisherigen koreanischen Filmen undenkbar war.
Eines der größten Gesprächsthemen des Films ist, dass die mobile Polizeitruppe zum ersten Mal auf der Leinwand in Südkorea erscheint. Das so eine wichtige Szene von der Zensur ohne Schnitt durchgelassen wird, mag ein Zeichen sein, dass dieses Land angefangen hat, sich in Richtung auf eine Demokratisierung und Liberalisierung zu entwickeln.
Abgesehen von der Olympiade gibt es noch einen anderen Grund dafür, dass sich die Aufführungstendenz des südkoreanischen Films verändert hat. Dazu beigetragen hat, dass das Verbot der Filme aus den kommunistischen Ländern aufgehoben wurde. Früher hat die Republik Korea mit Rücksicht auf die nationale Politik alle kulturellen Kontakte mit den kommunistischen Ländern abgelehnt. Aber allmählich öffnet Südkorea die schwere Tür nach Osten; in der Tat hat Südkorea aus Anlass der Olympiade das Bolschoi – Ballett eingeladen
und auch das Ching-Chü (Peking-Oper) gezeigt. Was den Film angeht, ist der sowjetische Film „Krieg und Frieden“ bereits gelaufen; auf die Uraufführung der Meisterwerke aus Osteuropa wie „Vater ist auf der Dienstreise“ und „Moskau glaubt den Tränen nicht“ wird noch gewartet. Vor so einem Hintergrund gibt es natürlich eine Sehnsucht nach der osteuropäischen Welt, die bisher mit einem Tabu belegt war. Aber man darf auch nicht die Abneigung gegen Amerika und das amerikanische Kino vergessen. Seit kurzem ist eine Neigung zu erkennen, dass man sich eher für anspruchsvolle Filme aus Osteuropa interessiert als für zu teure Produktionen aus den USA.
Außerdem entstand ein Problem des unmittelbaren Verleihs von amerikanischen Filmen in Korea durch die Gesellschaft UIP. Von einem jungen Mann, der Filme mag, bis zu einem großen Unternehmer, der seine Aufführungsrechte verteidigen will, weil ihm sonst ein mächtiger Konkurrent entstehen würde, schließen die Vertreter des koreanischen Kinos sich unter der Flagge ‚Gegen den direkten Verleih durch UIP‘ zusammen.
In der Demonstration waren repräsentative junge koreanische Filmemacher wie Chang Son-U („Zeit des Erfolgs“), Choing Yong-Iru („Ring in der Hölle“), Son-U Wang („Jesus in Seoul“), Chou Mi-Ni („Baseballmannschaft aus Ausländern Teil 2“) zu sehen.
Der koreanische Film ist 1919 geboren. In diesem Jahr entstand auch die Unabhängigkeitsbewegung. Das die Verfolgung und die Volksidentität schon damals die großen Themen waren, ist deutlich daran abzulesen, dass das beste Meisterwerk in der Koreanischen Filmgeschichte, „Ariran“ von Na Un-Gim das Thema der Einheit des Volksgeistes so behandelt hat, wie es Politikern und Funktionären nie gelungen war. Wer sind wir? Dieses Thema entwickelt sich aus den schmerzlichen Erfahrungen der Geschichte, in welcher das Land und der Name des Landes geraubt und das Volk von Fremden gespalten wurde. Und dieses Thema wurde von Vertretern der jungen Generation wie Chang Son-U oder Le Miyong-Se über alle unterschiedlichen politischen Standpunkte und Haltungen hinweg übernommen. Sie müssen sich ihrer Verpflichtungen gegenüber der koreanischen Filmgeschichte bewusst sein. Von ihnen wird ein Kino verlangt, das Verantwortung für die Zeit, die Gesellschaft und die Menschen aufbringt.
Wenn ich an die Situation des koreanischen Kinos denke, so fühle ich, wie ernsthaft diese Filmemacher gegen die übermächtigen amerikanischen Filme kämpfen. Sie machen einen Film für ca. 500.000 DM in ein paar Monaten. In den letzten Jahren wollen immer mehr junge Leute in die Filmwelt gehen.
Früher war dies in einem Land, wo die Weltanschauung des Konfuzianismus herrschte, kaum denkbar. Durch den Erfolg von Bae Chang-Ho ist der Status des Filmregisseurs gestiegen. Filmemacher ist doch ein Beruf, mit dem man Ehre und entsprechendes Honorar bekommen kann… Man darf aber auch nicht übersehen, dass junge Leute wie Chang Son-U und Park Kwang-Su, die die Volkskulturbewegung in der Universität erlebt haben, den Willen und die Begabung besitzen, Kino als Aufklärungsmittel im Sinne eben dieser Volkskultur einzusetzen. Dabei ist es lobenswert, dass ihre Werke wie „Zeit des Erfolgs“ und CHILSU UND MANSU nicht rechthaberisch oder agitatorisch sind, sondern dass sie gleichzeitig auch gelungene Filme mit einer Dimension der Unterhaltung sind.
(Aus ‚Chosajoho‘, Nr.357, Tokyo, Dezember 1988 (übersetzt von Fumiko Matsuyama)
Biofilmographie
Park Kwang-Su, geb. 1955 in Sokcho, Süd-Korea; 1982 Mitbegründer vom ‚Seoul Filmkollektiv‘, der ersten Produktionsgruppe außerhalb der Universität, deren Mitglieder überwiegend aus der Gruppe `Yallaschong‘ der Seul National University stammten. 1982 als Kameramam Auszeichnung mit dem Spezialpreis für die Kurzfilme „Som“ („Die Insel“), „Sie sind genauso wie wir“ (Korean Young Film Festival). 1985 Abschluss an der Ecole Superieur Libre d’Etude Cinematographique. 1986 Abschluss des Faches der Bildhauerei an der Seoul National University; 1986 – 1987 Regie-Assistent bei Lee Chang-Hos Film „Baseball-Team von Außenseitern“ (1986) und „Der Mann mit den drei Särgen“ (1987), ebenfalls von Lee Chang-Ho. 1986 Engagement für das Theaterstück „Chilsu und Mansu“. 1988 Auszeichnung als ‚Bester Künstler‘ vom koreanischen Verband der Kunstkritiker.
