Eine Touristengruppe aus Europa praktiziert mit primitiver Hemmungslosigkeit ihre Rituale:
Der Weiße Mann huldigt seinen modernen Zaubergerätschaften, den Kameras – für den Dia-Abend daheim. Die Verwunderung und das Unverständnis hierüber bei den Bewohnern der Dörfer in Neuguinea stellt die Frage, ob die Nachfahren der Menschenfresser oder aber die Eindringlinge aus der Fremde die „Exoten“ sind, und wie dieses Verhalten wirklichem, gegenseitigem Begreifen im Wege steht.
Der Film folgt einer Gruppe von Europäern und Amerikanern auf einer Reise entlang des Sepik, eines Flusses in Neuguinea. O’Rourkes Kamera beobachtet, wie die neugierige Reisegesellschaft in den Dörfern auf die verblüfften Eingeborenen trifft. Die Frage ist: Wer ist der Exotischste von allen? Der „Touristenstamm“ praktiziert mit primitiver Heftigkeit seine Riten: Kameras, die modernen Zaubergeräte, wirbeln in einem rasenden Tanz von Krokodilen, Wohnhütten und lächelnden schwarzen Kindern – alles für die Lieben daheim. Artefakte werden zu Ausverkaufspreisen gehandelt, einige Touristen schaudern beim Gedanken an den Kannibalismus, den es hier einst gegeben hat, während andere dessen kulturelle Hintergründe diskutieren. Sie, die Touristen sind die Eindringlinge, daran lässt der Film von Anfang an keinen Zweifel.
Über den Film:
„Cannibal Tours“ das sind zwei Reisen. Die erste wird gezeigt – „Heart of darkness“ als Pauschal-Trip. Die zweite Reise (der eigentliche Text des Films) ist eine metaphysische. Sie ist der Versuch, den Stellenwert des „Anderen“ in der Phantasie des Volkes zu finden. Sie gewährt einen Einblick in die wahren (meist nicht in Betracht gezogenen oder missverstandenen) Motive für den Wunsch „zivilisierter“ Menschen, das „Primitive“ kennen zu lernen. Der Begriff von Zivilisation befindet sich in einem Umbruch; die moderne Massenkultur reibt und stößt gegen diese ursprünglichen, grundlegenden Aspekte der Humanität. Und vieles von dem, was in der westlichen Kultur als „Wert“ betrachtet wird, wird offenkundig als banale Fälschung entlarvt.“ (Dennis O’Rourke)
Über den Regisseur:
Geboren am 14. August 1945 in Brisbane, Queensland (Australien). Lebt in Canberra und ist als Gastdozent an der Research School of Pacific Studies tätig. In den 60er Jahren brach er sein Studium ab, nahm verschiedene Jobs an und verdingte sich 1970 schließlich als Aushilfsgärtner beim TV-Sender ABC. Als er 1974 die ABC wieder verließ, war er Kameraassistent, und zwei Jahre später drehte er mit YUMI YET seinen ersten größeren Dokumentarfilm (über die Unabhängigkeit von Papua-Neuguinea). Mit seinem 1985 entstandenen Film HALF LIFE (Allerweltskino 02.06.1987 und 30.01.1996) wurde O’Rourke international bekannt.
