Schauplatz des Films ist Bamako, die Hauptstadt des westafrikanischen Sahellandes Mali. Wie in vielen Staaten Afrikas leben die Menschen hier auch lange nach ihrer Unabhängigkeit von europäischer Kolonialherrschaft noch immer in großer Armut. Warum dies so ist, darum geht es bei einem Tribunal, das in einem Hinterhof in Bamako unter freiem Himmel stattfindet. Auf der Anklagebank dieser fiktiven Gerichtsverhandlung sitzen der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank, verteidigt von einem weißen Juristen. Den Finanzinstitutionen wird vorgeworfen, mit ihrer Schuldenpolitik die Länder Afrikas in stetig wachsende Verelendung getrieben zu haben. Als Zeugen der Anklage treten malische Arbeiter und Bauern auf, ein ehemaliger Lehrer und eine Schriftstellerin, afrikanische Politiker und Juristinnen. Derweil geht der Alltag in den einfachen Bauten rund um den Gerichtshof wie gewohnt weiter: Kinder spielen zwischen streunenden Hunden, Frauen färben Tücher, ein Mann liegt im Sterben. Nur in wenigen Sequenzen verlässt der Filmemacher mit seiner Kamera den Ort des Tribunals, etwa um die Nachtclubsängerin Méle bei ihrer Arbeit zu zeigen, dem verzweifelten Fluchtversuch Madous und anderer junger Männer durch die Sahara Richtung Europa zu folgen oder um unter dem Titel „Tod in Timbuktu“ – als Fernsehübertragung getarnt – eine bitterböse Satire auf US-amerikanische Western einzubauen und damit die Dominanz westlicher Bilder und Werte in den afrikanischen Medien anzuprangern.
Sissakos neueste Arbeit ist ein so großartiges propagandistisches Lehrstück, ein intelligenter, politischer, begeisternder Film, wie er im gegenwärtigen Kino selten geworden ist.
In Afrika geht’s zu wie im Wilden Westen – das behauptet zumindest Abderrahmane Sissako in seinem hintersinnigen, ironischen und schmerzhaften Lehrstück.
In das Haus, genauer gesagt den Hof seiner Kindheit kehrt er zurück, Abderrahmane Sissako („Warten auf das Glück“), einer der gefeiertsten zeitgenössischen Filmemacher Afrikas. Dort wo er als Junge in Bamako, der Hauptstadt Malis, zwischen Lehmmauern spielte, siedelt er sein aktuelles Werk an, erhebt Anklage gegen die rücksichtslose Vorgehensweise des internationalen Währungsfonds IWF und die Entwicklungspolitik der Weltbank, die schlicht an Realitäten des Schwarzen Kontinents vorbeizielt. Echte Rechtsanwälte und Richter lädt er ein und Zeugen vor, um der Globalisierung und deren Folgen den (Schau-)Prozess zu machen.
Ein höchst ehrbares Unterfangen, dass in „Bamako“ mit einfachsten Mitteln umgesetzt wird. Wie schon in seinen vorangegangen Arbeiten bleibt der in Moskau ausgebildete Filmemacher sich und seinem minimalistischen Stil treu. Er begibt sich auf Augenhöhe mit den handelnden Personen, nimmt die Position des stillen Beobachters ein: Ein französischer Richter sucht nach der passenden Sonnenbrille, eine Sängerin liegt sich mit ihrem arbeitslosen Mann in den Haaren, eine Hochzeit wird zwischen Hühnern, Ziegen und spielenden Kindern zelebriert und auch der turbulente allwöchentliche Waschtag trotz Gerichtsverhandlung abgehalten.
Im harten Kontrast zum bunten afrikanischen (Hinterhof-)Alltag stehen die flammenden, teils gesungenen Plädoyers der geplagten Zivilbevölkerung. Im kleinen Unrecht spiegelt sich das große wider, die Folgen von Migration, Kolonialismus und Ausbeutung werden spürbar. Von Wut und Verzweiflung sprechen die klaren Bilder Jacques Besses.
Doch ehe man in tiefe Depression verfallen kann, galoppiert (der ausführende Produzent) Danny Glover in „Silverado“-Manier durchs Bild, flankiert von den schießfreudigen Regisseuren Elia Suleiman und Zeka Laplaine. Reißerisch der (eingeblendete) Titel ihres Mali-Western-Clips: „Tod in Timbuktu“. Ironisch, spielerisch leicht treffen Unterhaltung, Kunst und Anklage aufeinander, am eindringlichsten vielleicht in Samba Diakités Arie, deren Worte man nicht zu verstehen braucht, um das Leid des riesigen Landes zu begreifen: Afrika ist, wie dies die Schriftstellerin Aminata Dramane Traoré als „Zeugin“ auf den Punkt bringt, Opfer seines Reichtums.
Quelle: Blickpunkt:Film




